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Maßstäbe beim Fanreise-Management

Hertha BSC und Deutsche Bahn ziehen zwei Jahre nach Einführung eine erfolgreiche Bilanz.

Berlin - Knapp 100.000 Fußball-Fans sind an jedem Bundesliga-Wochenende zu den Auswärtsspielen ihrer Mannschaften mit der Deutschen Bahn in Deutschland unterwegs. Auch Herthas Anhänger unterstützen die Blau-Weißen bei Auswärtsspielen zahlreich – und das, obwohl die Berliner Fans meist besonders viele Kilometer abreißen müssen, um auswärts dabei sein zu können. Dass dies gut funktioniert liegt auch an der Fanreise-Kooperation.

Bei der letzten Vertragsverlängerung mit der Deutschen Bahn als Haupt- und Trikotsponsor wurde die Kooperation als Teil der Arbeit der Fankommission ins Leben gerufen Seitdem wurden in einem offenen Dialog gegenseitige Erwartungen sowie Verbesserungsmöglichkeiten diskutiert und neue Projekte initiiert. Grund genug, einmal die bisherige Arbeit mit Thomas E. Herrich, Mitglied der Geschäftsleitung von Hertha BSC, sowie Georg van der Vorst, Leiter Sponsoring, Marketing- und Medienkooperationen bei der Deutschen Bahn, Revue passieren zu lassen.

herthabsc.de: Herr Herrich, Hertha BSC kann sich auf viele treue Anhänger verlassen, mit einem Schnitt von über 50.000 Besuchern bei Heimspielen liegt der Verein auf Platz 7 der Zuschauertabelle der gerade abgelaufenen Saison. Welche Rolle spielen die Fans?
Thomas E. Herrich: Hertha BSC wird geprägt durch Menschen, in erster Linie durch seine Fans. Wir wissen, dass sie der Mannschaft den Rücken stärken. Und das nicht nur im Olympiastadion, sondern auch bei den zum Teil weit entfernten Auswärtsspielen. Deshalb sind uns unsere Anhänger mit ihren Wünschen und Bedürfnissen so wichtig. Wir stehen für einen offenen Dialog mit allen Fans, für einen Austausch auf Augenhöhe mit allen Parteien.

herthabsc.de: Bei der letzten Vertragsverlängerung mit der Deutschen Bahn als Haupt- und Trikotsponsor wurde erstmals im deutschen Fußballeine Klausel zum Fandialog mit dem Verein verankert. Was waren dafür die Beweggründe?
Herrich: Die gemeinsame Fanarbeit - eine Herzensangelegenheit sowohl vom Verein als auch von der Deutschen Bahn - soll dazu führen, dass die jeweiligen Erwartungen verständlich und das gegenseitige Verständnis verbessert wird. Die Basis dafür konnte nur ein vertrauensvoller Dialog sein, den wir in das Zentrum dieses Engagements gestellt haben. Das Vertrauen spiegelt sich z.B. auch im Einbeziehen der Fans in bestimmte Bereiche wider. So wurde gemeinsam eine Verhaltensleitlinie erarbeitet und Vorgaben sowie Verantwortungen für Fanreisen durch konkrete Maßnahmen konkretisiert.

herthabsc.de:
Herr van der Vorst, wie wurde dies umgesetzt?
Georg van der Vorst: Wir haben uns insbesondere zur Planung der Fanreisen zu Beginn der Spielzeiten mit den Fans zusammengesetzt und entsprechende Konzepte erarbeitet. Während der Saison wurde daran kontinuierlich weiter gearbeitet und wir haben die gewonnenen Erkenntnisse berücksichtigt. Darüber hinaus haben wir weitere wichtige Partner, wie beispielsweise die Polizei und die Fanprojekte, in die Abstimmungsprozesse einbezogen.

herthabsc.de: Wodurch hat sich der Dialog zwischen Verein, Deutscher Bahn und den Fans verändert?
Herrich: Dadurch, dass alle an einem Tisch saßen, wurde dem Gegenüber die jeweils andere Perspektive näher gebracht. Dadurch hat eine Sensibilisierung aller Seiten stattgefunden. Die direkte Kommunikation hat auch zu mehr Verbindlichkeit geführt, was von unseren Fans sehr gut aufgenommen wurde. Man kann festhalten, dass der persönliche Austausch dabei ein wichtiger Punkt ist.

herthabsc.de: Welche konkreten Resultate haben sich aus den Gesprächen ergeben?
van der Vorst: Die Deutsche Bahn hat viele Optionen geschaffen, die es Herthas Anhängern noch besser möglich macht, die Mannschaft auswärts zu unterstützen. Hervorheben möchte ich die gute Zusammenarbeit bei den Fanzügen, die die Hertha-Fans durch die Republik fahren. Mindestens genauso wichtige elementare Bestandteile des Fanreisemanagements sind auch die Reiseplanungen bei Gruppenreisen, das Hertha BSC Fanticket und bei Wagenreservierungen im Regionalverkehr.

herthabsc.de: Hat sich auch am Umgang der Anhänger etwas geändert?
Herrich: Bei Vorkommnissen auf den Auswärtsfahrten wurden diese mit den Fans ganz konkret besprochen und Perspektiven von mehreren Seiten ermöglicht. Das funktionierte auch dadurch so gut, dass viele Hertha-Fans mehr Verantwortung übernommen haben. In dem Zusammenhang wurde dann auch immer gleich über mögliche Verbesserungen diskutiert, um solche Situationen zukünftig zu vermeiden.

herthabsc.de: Sie haben den Perspektivwechsel angesprochen. Wodurch können sich beispielsweise Bahn-Mitarbeiter besser in die Rolle des Fans versetzen?
van der Vorst: Wir haben ein bisher einmaliges Projekt gestartet, bei dem die Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen, die direkt mit den Fanreisen zu tun haben. Bei diesem Pilotprojekt geht es darum, dass Zugbegleiter sowie die Mitarbeiter der Reisezentren und unseres Sicherheitsdienstes Erfahrungen, Fachwissen, Sorgen und Nöte mit dem Verein und den Fanprojekten austauschen, um Verbesserungen zu erzielen. Dieser Austausch hat allen Teilnehmern neue Perspektiven gezeigt und wurde durchweg positiv aufgenommen. Das wollen wir deshalb zukünftig fortsetzen.

herthabsc.de: Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?
Herrich: Grundsätzlich lässt sich alles immer noch besser machen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Über Sachschäden, Pöbeleien und Handgreiflichkeiten einzelner - nicht im Dialog befindlicher Fans - beim Auswärtsspiel nach Hamburg, waren nicht nur wir als Verein und die Deutsche Bahn, sondern auch viele andere Fans sehr enttäuscht. Solche Personen beschädigen und gefährden das vertrauensvolle und konstruktive Engagement von Verein, Fangruppierungen, Fanprojekten und DB. Alle Fans tragen als Repräsentanten von Hertha BSC wesentlich zur Wahrnehmung des Vereins in der Öffentlichkeit bei. Daher wird sich Hertha BSC bei Verstößen oder Verfehlungen auch künftig klar und deutlich positionieren.

herthabsc.de: Mit dieser Saison wird aus dem Haupt- und Trikotsponsor der Exklusiv-Partner Deutsche Bahn. Ändert sich dadurch etwas am Fandialog zwischen Verein und DB?
van der Vorst: Nein, es wird sich nichts ändern. Wir blicken auf zwei äußerst erfolgreiche Jahre beim Fanreise-Management zurück. Diese Erkenntnisse, die wir aus dem offenen Austausch gewonnen haben, wollen wir auch in die künftige Partnerschaft mitnehmen und im Sinne aller Beteiligten nutzen und weiterentwickeln. Dieser Weg ist bei weitem noch nicht zu Ende und wir freuen uns sehr auf die Fortsetzung unserer Arbeit.

(war/war)

Fans, 22.08.2016