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"Ich würde alles nochmal so machen"

Andreas Thom spricht zum 28. Jahrestag des Mauerfalls über den Fußball in der DDR, seine Karriere vor und nach dem 9. November 1989 und das vereinigte Berlin.

Berlin – 28 Jahre ist er her, der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls. Der Tag, der das Leben so vieler Menschen veränderte. Auch das von Andreas Thom. Er ging in die Geschichte ein: Er war der erste Spieler aus der ehemaligen DDR, der nach dem Mauerfall in den Westen wechselte. "Uff eene Art bin ick zufrieden, uff ne andere skeptisch. Dit is 'n entscheidener Schritt, den ich hier vollziehe", meinte er damals am 12. Dezember, als sein Wechsel verkündet wurde. 28 Jahre blickt der Individualcoach, der momentan mit der Berliner Offensivabteilung um Vedad Ibisevic und Davie Selke Extraeinheiten schiebt, zurück. Auf seine fußballerischen Anfänge beim BFC Dynamo, seinen historischen Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen und die Rückkehr nach Berlin.

herthabsc.de: Andy, deine Fußballkarriere hast du in der ehemaligen DDR beim BFC Dynamo gestartet – wie sah deine Ausbildung aus?
Andreas Thom: Angefangen Fußball zu spielen habe ich bei TSG Herzfelde. Mit neun bin ich zu Dynamo gegangen, obwohl ich eigentlich im Einzugsgebiet Frankfurt-Oder wohnte und dahin hätte gehen sollen. Ich bin zweimal in der Woche mit Bus und Bahn nach Berlin zum Training gefahren. Mein Vater ist immer mitgekommen und hat viel in Kauf genommen für so einen kleinen Stift wie mich. Mit zwölf bin ich auf die Kinder- und Jugendsportschule gegangen, nach der zehnten Klasse wurde nochmal aussortiert. Ich stand etwas auf der Kippe, weil ich sehr klein war. Aber sie haben mich dann doch dabehalten. Viele mussten gehen – bei uns wurde ‚delegiert‘, nicht transferiert. Mit 18 war ich dann das erste Mal in der Profi-Mannschaft vom BFC.

herthabsc.de: Du hast ja als Jugendcoach einen guten Einblick in die heutige Ausbildung. Was war an deiner damals anders als an der heute?
Thom: Wir hatten auch in der DDR in allen Altersbereichen eine richtig gute Ausbildung mit fähigen Trainern. Vieles von dem, was damals wichtig war, ist auch heute nicht anders. Klar, wir achten mittlerweile mehr auf die Belastungssteuerung der Spieler. Im Vergleich zu heute haben wir wesentlich mehr trainiert.
Berlin – 28 Jahre ist er her, der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls. Der Tag, der das Leben so vieler Menschen veränderte. Auch das von Andreas Thom. Er ging in die Geschichte ein: Er war der erste Spieler aus der ehemaligen DDR, der nach dem Mauerfall in den Westen wechselte. „Uff eene Art bin ick zufrieden, uff ne andere skeptisch. Dit is ‚n entscheidener Schritt, den ich hier vollziehe“, meinte der damals am 12. Dezember, als sein Wechsel verkündet wurde. 28 Jahre blickt der Individualcoach, der momentan mit der Berliner Offensivabteilung um Vedad Ibisevic und Davie Selke Extraeinheiten schiebt, zurück. Auf seine fußballerischen Anfänge beim BFC Dynamo, seinen historischen Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen und die Rückkehr nach Berlin. 
herthabsc.de: Andy, deine Fußballkarriere hat das du in der ehemaligen DDR beim BFC Dynamo gestartet – wie sah deine Ausbildung aus?
Andreas Thom: Angefangen Fußball zu spielen habe ich bei TSG Herzfelde. Mit neun bin ich zu Dynamo gegangen, obwohl ich eigentlich im Einzugsgebiet Frankfurt-Oder wohnte und dahin hätte gehen sollen. Ich bin zweimal in der Woche nach Berlin zum Training gefahren, mit Bus und Bahn. Mein Vater ist immer mitgekommen und hat viel in Kauf genommen, für so einen kleinen Stift wie mich. Mit 12 bin ich auf die Kinder- und Jugendsportschule gegangen, nach der 10. Klasse wurde nochmal aussortiert. Ich stand etwas auf der Kippe, weil ich sehr klein war. Aber sie haben mich dann doch dabehalten. Viele mussten gehen – bei uns wurde ‚delegiert‘, nicht transferiert. Mit 18 war ich dann das erste Mal in der Profi-Mannschaft vom BFC. 

herthabsc.de: Nach fünf Minuten Einsatzzeit in der Oberliga gegen Carl-Zeiss Jena hast du dann direkt Europapokal gespielt. Nicht zuletzt, weil sich Falko Götz und Dirk Schlegel auf der Reise nach Belgrad abgesetzt haben. Wie bist du damals mit der Situation umgegangen?
Thom:
Ich war gerade erst Teil der Mannschaft geworden und 18 Jahre alt. Als die beiden Spieler dann weg waren hat der Trainer mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte und den Mut hätte, gegen Partizan Belgrad zu spielen. Ich habe natürlich "ja" gesagt und fand mich plötzlich im Hexenkessel von Belgrad wieder. Wir haben dann 1:0 verloren, durch den Sieg im Hinspiel sind wir trotzdem eine Runde weitergekommen. Aber eben mit zwei Spielern weniger nach Hause geflogen.

herthabsc.de: Deine Zeit beim BFC hast du mal als "Fußball unter besonderen Voraussetzungen" bezeichnet. Wie genau meinst du das?
Thom:
Überall wo wir hingekommen sind, wurden wir ausgepfiffen. Wir waren aus Berlin, damit für alle der Stasi-Club, und einfach überall verhasst. Das war nicht immer leicht und manchmal auch unschön, aber wir sind trotzdem ein paar Mal Meister geworden (schmunzelt). Wir hatten ja auch eine richtig gute Truppe und haben uns immer gegenseitig geholfen. Gerade für einen jungen Spieler, wie ich einer war, war das schon eine ganz besondere Zeit.

herthabsc.de: Nebenbei hast du Abitur gemacht, später ein Studium begonnen. Wie gut war das mit dem Profifußball vereinbar?
Thom: Ich habe ja damals in Auswahlmannschaften im Nachwuchs gespielt. Mit denen sind wir ständig unterwegs gewesen und das hat in der Schule zu einigen Problemen geführt. Ich habe es irgendwann einfach nicht mehr geschafft, den verpassten Unterrichtsstoff nachzuholen. Obwohl ich immer – damals hatten wir ja keine Kopierer – diese blauen Durchschreibepapiere an Klassenkameraden verteilt habe, um wenigstens die Mitschriften zu haben. Das hat aber nicht gereicht um dran zu bleiben, so dass ich kurz davor war die Schule abzubrechen. Dann habe ich Einzelunterricht bekommen und so doch das Abitur machen können. Danach habe ich ein Studium in Sportpädagogik begonnen. Zu der Zeit war ich schon Profi beim BFC und musste das Studium über die Fernschule machen, sonst hätte das zeitlich nicht hingehauen. Das konnte ich aber nicht zu Ende machen, weil ich ja nach dem Mauerfall nach Leverkusen gewechselt bin.

GESAGT...

"Für mich war wirklich alles neu und ich musste erstmal alles erkunden. "

Andreas Thom

herthabsc.de: Inwiefern hattest du schon vor deinem Wechsel zu Bayer die Bundesliga verfolgt?
Thom: Die Bundesliga habe ich schon als kleiner Junge immer verfolgt. Obwohl Westfernsehen in der DDR verboten war, haben wir am Wochenende immer Fußball geschaut. Ich konnte mir vorstellen, auch mal in der Bundesliga zu spielen. Aber ich wäre nie abgehauen aus der DDR. Das hätte ich meiner Familie nicht antun können, weil sie dann vielleicht große Probleme bekommen hätten. Abhauen musste ich ja dann auch gar nicht, weil die Mauer gefallen ist. 
herthabsc.de: Wie war die Umstellung von der Oberliga zur Bundesliga für dich? Was war anders als in der DDR?
Thom: Ich würde sagen, dass der Sport im Westen noch etwas mehr Bedeutung hatte als im Osten. Das Drumherum und die Medienlandschaft waren größer aber daran habe ich mich auch schnell gewöhnt. Ich habe mich in Leverkusen schnell und guteingelebt. Mir wurde es von Vereinsseite her sehr leicht gemacht und Fußballspielen konnte ich ja auch (lacht). Reiner Calmund, der damalige Manager, hat sich sehr gut um mich gekümmert. Der Konkurrenzkampf war zwar höher als in der Oberliga – jeder wollte spielen – aber der Mannschaftsgeist war gut. Das einzig Negative war, dass ich meine Eltern nicht mehr so oft sehen konnte. 
herthabsc.de: Dann bist du neun Jahre nach dem Mauerfall zurück nach Berlin gekommen, um bei Hertha zu spielen. Wie hast du die Rückkehr erlebt?
Thom: Als ich 1998 zu Hertha kam, kannte ich Berlin, so wie es dann war, gar nicht. Ich hatte nach dem Mauerfall ja gar keine Gelegenheit, Westberlin kennenzulernen – da ich quasi sofort nach Leverkusen gewechselt bin. Erst Jahre später hatte ich dann auch die Zeit die „neue“ Stadt anzugucken. Zu DDR-Zeiten habe ich an der Jannowitzbrücke gewohnt und bin dann bei meiner Rückkehr nach Charlottenburg gezogen. Wobei man das eigentlich keine Rückkehr nennen kann. Für mich war wirklich alles neu und ich musste erstmal alles erkunden.
herthabsc.de: Der Verlauf deiner Karriere ist ja schon etwas Besonderes. Wie blickst du darauf zurück
Thom: Ich würde das alles nochmal so machen wie ich es gemacht habe. Gut, ganz genauso, weiß ich nicht – aber ich würde den ganzen Aufwand nochmal so betreiben. Weil Fußball einfach ein wunderschöner Sport ist.

herthabsc.de: Du warst der erste Spieler, der nach dem Mauerfall aus der DDR in den Westen gewechselt ist…
Thom: Vorher gab es ja schon Spieler aus der DDR, die geflohen sind und danach als Profis im Westen gespielt haben. Aber ich war der erste, der offiziell aus der DDR-Oberliga in die Bundesliga gewechselt ist. Davor mussten aber erstmal einige Dinge organisierst werden. Zum Beispiel gab es Formalitäten zwischen den Verbänden zu klären und natürlich auch zwischen Dynamo und Bayer. Für mich gab es auch noch offene Fragen. Ich musste mir über mein Studium Gedanken machen. Jeder weiß, Fußball ist nicht für immer – und trotzdem habe ich mich dann dazu entschieden Profi zu werden und das Studium abzubrechen.

herthabsc.de: Inwiefern hattest du schon vor deinem Wechsel zu Bayer die Bundesliga verfolgt?
Thom: Die Bundesliga habe ich schon als kleiner Junge immer verfolgt. Obwohl Westfernsehen in der DDR verboten war, haben wir am Wochenende immer Fußball geschaut. Ich konnte mir vorstellen, auch mal in der Bundesliga zu spielen. Aber ich wäre nie abgehauen aus der DDR. Das hätte ich meiner Familie nicht antun können, weil sie dann vielleicht große Probleme bekommen hätten. Abhauen musste ich ja dann auch gar nicht, weil die Mauer gefallen ist.

herthabsc.de: Wie war die Umstellung von der Oberliga zur Bundesliga für dich? Was war anders als in der DDR?
Thom: Ich würde sagen, dass der Sport im Westen noch etwas mehr Bedeutung hatte als im Osten. Das Drumherum und die Medienlandschaft waren größer, aber daran habe ich mich auch schnell gewöhnt. Ich habe mich in Leverkusen schnell und guteingelebt. Mir wurde es von Vereinsseite her sehr leicht gemacht und Fußballspielen konnte ich ja auch (lacht). Reiner Calmund, der damalige Manager, hat sich sehr gut um mich gekümmert. Der Konkurrenzkampf war zwar höher als in der Oberliga, aber der Mannschaftsgeist war gut. Das einzig Negative war, dass ich meine Eltern nicht mehr so oft sehen konnte.

herthabsc.de: Dann bist du neun Jahre nach dem Mauerfall zurück nach Berlin gekommen, um bei Hertha zu spielen. Wie hast du die Rückkehr erlebt?
Thom: Als ich 1998 zu Hertha kam, kannte ich Berlin, so wie es dann war, gar nicht. Ich hatte nach dem Mauerfall ja gar keine Gelegenheit, Westberlin kennenzulernen – da ich quasi sofort nach Leverkusen gewechselt bin. Erst Jahre später hatte ich dann auch die Zeit die "neue" Stadt anzugucken. Zu DDR-Zeiten habe ich an der Jannowitzbrücke gewohnt und bin dann bei meiner Rückkehr nach Charlottenburg gezogen. Wobei man das eigentlich keine Rückkehr nennen kann. Für mich war wirklich alles neu und ich musste erstmal alles erkunden.

herthabsc.de:
Der Verlauf deiner Karriere ist ja schon etwas Besonderes. Wie blickst du darauf zurück?
Thom: Ich würde das alles nochmal so machen wie ich es gemacht habe. Gut, ganz genauso, weiß ich nicht – aber ich würde den ganzen Aufwand nochmal so betreiben. Weil Fußball einfach ein wunderschöner Sport ist.

(lb/City-Press)

Profis, 09.11.2017
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