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"Ich pfeife Bundesliga, weil meine Leistungen stimmen"

Vor ihrem Bundesliga-Debüt spricht Bibiana Steinhaus über ihre große Vorfreude, Diskussionen um ihr Geschlecht und den Kontakt zu Peter Niemeyer.

Berlin – Einen Tag vor dem Saisonfinale 2016/17, am 19. Mai dieses Jahres, ließ eine einzige Meldung die Entscheidungen des letzten Spieltags beinahe unbedeutend erscheinen: Bibiana Steinhaus, so die Nachricht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wird in der Spielzeit 2017/18 Bundesliga pfeifen – als erste Frau überhaut. Berliner Medien, deutsche Sportmagazine und überregionale Tageszeitungen kommentierten diese Entscheidung, deren Tragweite für reichlich Gesprächs- und Diskussionsstoff in der Sportwelt sorgte. Dennoch waren sich alle einig: Der Aufstieg der Schiedsrichterin, die vor zehn Jahren in der 2. Bundesliga ihr Debüt feierte und seitdem sechsmal als 'Schiedsrichterin des Jahres ausgezeichnet wurde', war überfällig – und absolut verdient. Am Sonntag (10.09.17) kommt es nun im Olympiastadion zu diesem besonderen Moment, den sie selbst als Erfüllung eines "großen Traums" sieht. Als Unparteiische wird sie die Partie von Hertha BSC gegen Werder Bremen um 15:30 Uhr anpfeifen.

Vor dieser Premiere hat herthabsc.de mit Steinhaus über Vorfreude, Geschlechterrollen und Peter Niemeyer gesprochen.

herthabsc.de: Frau Steinhaus, wie groß ist die Vorfreude auf Ihr Bundesliga-Debüt beim Spiel von Hertha BSC gegen Weder Bremen?
Steinhaus:
Natürlich sehr groß. Ich freue mich, dass die tolle Herausforderung Bundesliga für mein Team und mich endlich losgeht. Wir sind auf jeden Fall sehr gut vorbereitet. Als Schiedsrichter bereiten wir uns sehr intensiv mit unserem Team auf jede anstehende Partie vor. Der Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf der technisch-taktischen Ausrichtung der Teams und Spieler. Je mehr Informationen wir da haben, desto besser können wir uns auf das Spiel einstellen.

herthabsc.de: "Historische Momente? Am Sonntag geht's los!": So lautet das Spieltagsmotto von Hertha BSC. Der Spruch passt perfekt zu Ihrer Situation, oder?
Steinhaus: Ob das nun wirklich historisch ist, sollen andere beurteilen. Ich bin da ein wenig zwiegespalten. Einerseits ist es 'nur' ein weiteres Spiel, welches ich gut leiten möchte. Andererseits ist es nunmehr eben die Bundesliga und die Tatsache, dass ich die erste Schiedsrichterin bin, macht es vor allem für die Öffentlichkeit dann doch zu einer nicht ganz 'normalen' Partie.

herthabsc.de: Das Olympiastadion ist eines der schönsten und geschichtsträchtigen Stadien in Deutschland. Wie besonders ist es für Sie, dort das erste Mal Bundesliga zu pfeifen?
Steinhaus: Ich habe generell sehr gute Erinnerungen an das Olympiastadion, in dem ich schon einige Spiele leiten durfte. Besonders gut in Erinnerung ist mir natürlich das DFB-Pokalendspiel der Frauen 2003 zwischen Frankfurt und Duisburg. Ich freue mich, ins Olympiastadion zurückzukommen, nunmehr in der Bundesliga. 

herthabsc.de: Fußball ist der Sport, der uns alle verbindet und mit Leidenschaft erfüllt. Wie gehen Sie damit um, wenn die FIFA Sie "eine Inspiration" nennt und die Gesellschaft Sie als Wegbereiterin für Gleichberechtigung feiert?
Steinhaus: Zunächst einmal pfeife ich Bundesliga, weil meine Leistungen stimmen, nicht weil ich eine Frau bin. Das ist schon ein wichtiger Unterschied. Wenn ich aber dadurch ein Vorbild für viele junge Mädchen oder eine Wegbereiterin für Gleichberechtigung bin, freut mich das natürlich umso mehr.

herthabsc.de: In einem Interview am Anfang des Jahres haben Sie Verständnis dafür gezeigt, dass Ihre Personalie umstritten ist. Wie genau haben Sie das gemeint?
Steinhaus: Es gibt eben nur 24 Schiedsrichter in der Bundesliga. Jeder Schiedsrichter, der in der 2. Bundesliga zum Einsatz kommt, hofft natürlich darauf, irgendwann den Sprung nach oben zu schaffen. Bei den Entscheidungen darüber, wer es schlussendlich schafft, gibt es immer Befürworter und Menschen, die vielleicht noch etwas überzeugt werden müssen. Das ist doch ganz normal.

herthabsc.de: 2007 haben Sie Ihr erstes Spiel in der 2. Bundesliga gepfiffen. Inzwischen stehen Sie bei fast 250 Pflichtspieleinsätzen. Wie hat sich die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus in dieser Zeit verändert?
Steinhaus: Zuallererst verfüge ich mittlerweile über sehr viel Erfahrung, das ist in vielen Situationen von Vorteil. Dadurch ist mein Schatz an Handlungsoptionen, mein Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten auf unterschiedliche Spielsituationen größer. Zudem habe ich durch die zahlreichen Einsätze als 4. Offizielle die Möglichkeit gehabt, die Geschwindigkeit der Bundesliga aufzunehmen.

Gesagt...

"Für mich und meine Schiedsrichterkollegen ist es schon lange keine Besonderheit mehr, dass ich eine Frau bin. "

Bibiana Steinhaus

herthabsc.de: Sie spielten bis zu Ihrem 16. Lebensjahr aktiv Fußball. Wo haben Sie gespielt und wie erfolgreich waren Sie? Weshalb sind Sie Schiedsrichtern geworden?
Steinhaus: Ich war Verteidigerin beim SV Bad Lauterberg. Allerdings nicht sonderlich erfolgreich, wie ich zugeben muss. Das war einer der Gründe, warum ich dann Schiedsrichterin geworden bin. Bei mir stimmt das uralte Vorurteil, Schiedsrichter können kein Fußballspielen ausnahmsweise. Aber viele meiner Kollegen sind richtig gute Fußballer.

herthabsc.de: Inwiefern stört es Sie, dass die Fußballwelt immer wieder über Aktionen wie die Umarmung von Pep Guardiola oder das Schnürsenkelzupfen von Franck Ribery spricht, anstatt über die sportlichen Aspekte?
Steinhaus: Für mich und meine Schiedsrichterkollegen ist es schon lange keine Besonderheit mehr, dass ich eine Frau bin. Aber wir müssen wohl akzeptieren und uns damit auseinandersetzen, dass das in der Öffentlichkeit eben immer noch als Besonderheit wahrgenommen wird.

herthabsc.de: Für viel Aufsehen sorgte auch das Malheur von Peter Niemeyer, der Sie bei einem Spiel 2010 unabsichtlich an der Brust berührte. Der Ex-Herthaner und Sie nahmen die Situation damals mit viel Humor. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Szene?
Steinhaus: Wir sind uns seit diesem Tag schon häufiger begegnet und dann schmunzeln wir natürlich über die damalige Situation. Ehrlich gesagt war das alles halb so wild, wir haben das damals schon mit Humor genommen und machen das auch weiterhin. Alles gut also.

herthabsc.de: Haben Sie sonst irgendwelche Berührungspunkte mit dem Hauptstadtclub oder der Elf von Trainer Pál Dárdai?
Steinhaus: Außer dass ich bei dem einen oder anderen Spiel der Hertha bereits als Vierte Offizielle im Einsatz gewesen bin, nicht. Aber ab Sonntagabend werden Verein und Trainer natürlich ebenso wie Werder Bremen einen besonderen Platz in meiner Erinnerung haben – als die beiden Teams bei meiner Bundesliga-Premiere.

(fw/City-Press)

Profis, 09.09.2017
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