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"Hertha war für mich immer die erste Option"

Zehn Jahre Hertha BSC: Fabian Lustenberger blickt im Interview zurück auf eine bewegende Zeit in Berlin. Vielen Dank, Lusti!

Berlin – Am 10. August 2007 erreicht die weltweite Finanzkrise einen neuen Höhepunkt, der UN-Sicherheitsrat bestärkt ein stärkeres Engagement von Mitarbeitern der Vereinten Nationen im Irak und am Abend eröffnet der VfB Stuttgart als amtierender Deutscher Meister mit einem 2:2 gegen Schalke 04 die 45. Bundesliga-Saison. An diesem Tag, einem Freitag mit eher grauem Sommerwetter, landet aber auch ein junger Fußballspieler aus der Schweiz in Berlin: Fabian Lustenberger. Zu diesem Zeitpunkt war der 19-Jährige, der sich Hertha BSC anschloss, ein recht unbeschriebenes Blatt. Doch insgesamt 249 Pflichtspiele für die Blau-Weißen später sieht das anders aus. Der Defensivallrounder ist eines der Gesichter des Hauptstadtclubs, ein Herthaner durch und durch und der dienstälteste Spieler im Kader von Pál Dárdai. Ein Spieler, der in einer Zeit von irrsinnigen Transfers für Kontinuität und Vereinstreue steht. Ein Spieler, der an der Spree alle Höhen und Tiefen miterlebt hat.

Der Tag, an dem Fabian Lustenberger seinen ersten Vertrag bei Hertha BSC unterschrieben hat, jährt sich an diesem Donnerstag (10.08.17) bereits das zehnte Mal. Grund genug, mit 'Lusti' zurückzublicken auf ein bewegendes Jahrzehnt mit der Fahne auf der Brust.

herthabsc.de: Lusti, du bist jetzt zehn Jahre bei Hertha BSC und hast eine Menge erlebt: An welche Momente denkst du in dieser Dekade besonders gerne zurück?
Fabian Lustenberger: Es gab mehrere tolle Momente in meiner Zeit bei Hertha BSC, ich erinnere mich an sehr viele Spiele zurück. Die Aufstiege waren natürlich sehr speziell - für mich persönlich besonders der zweite, weil ich die Saison fast durchgespielt habe. Ansonsten behält man bestimmte Spiele in Erinnerung. Wir haben 2:1 in Dortmund gewonnen, wo Marius Gersbeck sein erstes Spiel macht. Wir haben Bayern zu Hause 2:1 besiegt - auch wenn ich da nur auf der Tribüne saß, war die gesamte Stimmung drumrum atemberaubend. Insgesamt habe ich viele gute Erfahrungen hier bei Hertha BSC gemacht.

herthabsc.de: Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Welchen Herausforderungen sahst du dich in dieser Periode ausgesetzt? Gab es für dich persönlich einen Tiefpunkt, an dem du vielleicht auch an Abschied dachtest?
Lustenberger: Die Abstiege waren sehr bitter, allerding hatten wir beim ersten nach der Hinrunde gerade einmal sechs Punkte. Da war das Ergebnis am Ende ein bisschen absehbar. Der zweite Abstieg mit dem Relegationsspiel bleibt in negativer Erinnerung. Die Niederlage im Hinspiel, die Tumulte in Düsseldorf, die ganzen Nachwehen mit den Gerichtsverhandlungen, nicht zu wissen, wie es weitergeht, das war nicht einfach. Das sind schon die bittersten Momente. Dazu kommen auch noch einige Verletzungen - daran erinnert man sich verständlicherweise auch nicht gerne dran zurück.

herthabsc.de: Im Jahr 2007 kamst du mit 19 Jahren vom FC Luzern nach Berlin: Wie würdest du deine Anfangszeit bei Hertha BSC bezeichnen?
Lustenberger: Ich bin am Anfang mit der U-Bahn zum Training gefahren, weil ich noch keinen Führerschein hatte. Wenn man die Bilder von meiner Ankunft in Berlin sieht, kann ich über mich selbst schmunzeln, denn ich haben mich in zehn Jahren schon sehr verändert und weiterentwickelt (schmunzelt). Beosnders im ersten Jahr war alles sehr aufregend für mich, die Stadt, die Möglichkeit, in der Bundesliga spielen zu dürfen. In der ersten Saison habe ich 24 Spiele bestritten, ich bin gut angekommen.

herthabsc.de: Heutzutage ist es eher ungewöhnlich, dass ein Spieler länger als zwei, drei Jahre bei einem Verein spielt. Du überschreitest diese Zeit deutlich. Bist du stolz, ein und demselben Club über solch eine lange Zeit die Treue gehalten zu haben?
Lustenberger: Ich bin schon stolz darauf, aber eigentlich habe ich diese lange Zeit gar nicht so realisiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich schon so lange hier bin, denn es hat sich Schritt für Schritt bis zum heutigen Tag entwickelt. Aber wenn ich das anderen Leuten erzähle, macht das schon Eindruck. In der Zeit haben manche Spieler drei- oder viermal den Verein gewechselt. Ich bin aber immer noch hier, und das macht mich schon stolz und freut mich, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. Der Club bedeutet mir viel. Nicht nur, dass er mir ermöglicht hat, Bundesliga zu spielen, sondern auch, weil die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit beruht.

herthabsc.de: In zehn Jahren Hertha BSC hast du einige Spieler kommen und gehen sehen. Gibt es ehemalige Mannschaftskollegen, mit denen du heute noch regelmäßig sprichst?
Lustenberger: Zu Steve von Bergen habe ich noch guten Kontakt. Wir sind mit unseren Familien im Sommer auch zusammen in den Urlaub gefahren. Mit Sandro Wagner, Sascha Burchert und Sami Allagui tausche ich mich auch oft aus. Mal ist es etwas mehr, mal etwas weniger - der Kontakt bleibt aber bestehen. Man nimmt sich mit vielen Teamkameraden vor, in Kontakt zu bleiben, aber an der Aussage 'aus den Augen, aus dem Sinn' ist etwas dran. Man bekommt einen neuen Mitspieler und hat dann mehr mit ihm zu tun. Das verschiebt sich dann ein bisschen.

Fabian Lustenberger mit der Zweitligameisterschale im Mai 2011

herthabsc.de: 'Schweizer Totti' – wie würde dir dieser Spitzname gefallen?
Lustenberger: (lacht) Das habe ich auch gelesen. Wie lange war Totti bei der Roma? Das ist schon noch eine andere Hausnummer. Da gehört schon eine Menge dazu. Wenn man lange bei einem Verein bleibt, muss man das Umfeld kennen und zu schätzen wissen, was man aneinander hat. Wenn man mich den Schweizer Totti nennen will, soll man das machen - er hat aber auch ein ein paar Titel mehr gewonnen als ich (lacht). Man kann wohl am ehesten sagen, dass ich ein vereinstreuer Spieler bin.

herthabsc.de: Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Gab es für dich persönlich einen Moment, an dem du vielleicht auch an Abschied dachtest?
Lustenberger:
Ich halte es für ganz normal, dass man sich Gedanken macht, ob man mal etwas Neues macht. Das war auch bei mir so. Ich habe aber in den zehn Jahren nie mit einem anderen Verein gesprochen, Hertha war für mich immer die erste Option, auch nach den Abstiegen. Am Ende bin ich immer zu dem Schluss gekommen, dass ich gerne in Berlin bleibe, weil ich weiß, was ich hier habe und ich mich wohl fühle.

herthabsc.de: Das Olympiastadion ist gewissermaßen dein Wohnzimmer geworden. Was verbindest du mit diesem Stadion und den Hertha-Fans in der Ostkurve?
Lustenberger: Die ganze Unterstützung - nicht nur für mich, sondern auch für die ganze Mannschaft - war immer da und immer sehr gut. Es sind einige Faktoren wichtig, um erfolgreich zu sein. Das ist zum Einen die Mannschaft, dann das Umfeld, die Geschäftsstelle und dann natürlich auch die Fans. Dieses Gesamtpacket muss funktionieren. Und dann ist es auch einfacher, erfolgreich zu sein. Mit Erfolg ist das Arbeiten ohnehin einfacher. Wenn du jedes Spiel gewinnst, jubeln dir die Fans logischerweise zu. Ich habe auch schon erlebt, dass wir nicht jedes Spiel gewonnen haben und dann nochmal aus dem Bus aussteigen mussten, um uns zu erklären. Auch das gehört dazu - so lange es nicht persönlich wird und man nur als Fußballer kritisiert wird.

herthabsc.de: Du bist jetzt 29, theoretisch könntest du nochmal zehn Jahre spielen. Ist es eine Option für dich, deine Karriere bei Hertha BSC zu beenden?
Lustenberger: Ein Karriereende in Berlin ist in jedem Fall eine Option. Ob das am Ende auch so kommt, weißt du im Fußball nie. Aber wenn man schon zehn Jahre da ist, kann man sich auch vorstellen, noch ein bisschen länger zu bleiben. Ich habe meine Frau hier kennengelernt, meine Kinder sind in Berlin zur Welt gekommen - dadurch ist Berlin neben der Schweiz zu meinem zweiten Zuhause und unserem Lebensmittelpunkt geworden. Zwei Jahre habe ich hier auch noch Vertrag - dann sind wir schon bei zwölf Jahren und dann wird sich zeigen, wohin die Reise geht.

herthabsc.de: Wenn du einen Blick in die Zukunft wagen müsstest: Wo siehst du dich heute in zehn Jahren?
Lustenberger: Ich sehe mich schon irgendwo im Fußballgeschäft. Ob das in Deutschland oder in der Schweiz ist, ob als Jugendtrainer oder bei den Profis - das ist für mich total schwer vorauszusagen. Hertha wird diese Entwicklung sicherlich fortsetzen. Es kann sein, dass es auch mal wieder ein schwieriges Jahr gibt - da muss man sich ja nur mal in der Bundesliga umgucken, wie schnell das gehen kann. Ich denke aber, wir arbeiten gut, haben uns auch sehr gut auf die anstehende Saison vorbereitet und dehalb bin ich optimistisch, dass wir uns - dass sich Hertha BSC - so positiv weiterentwickelt.

(HerthaBSC/CIty-Press)

Profis, 10.08.2017
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