24.08.1986: Spandauer SV - Hertha BSC 2:3 (1:0)

Seine Fehler wurden zum Glück für
Hertha nicht bestraft: Keeper Alfred Weh

Datum: 24.08.1986
Spiel:
Spandauer SV - Hertha BSC
Ergebnis:
2:3 (1:0)
Wettbewerb: 
Amateur-Oberliga-Spiel

Vorgeschichte: Am Ende der Zweitligasaison 1985/86 fand die Talfahrt von Hertha BSC ihren traurigen Tiefpunkt. Vor dem letzten Spieltag stand Hertha noch punkt- und torverhältnisgleich mit dem SC Freiburg, gegen den es am vorletzten Spieltag nur ein 1:1 gab, und kämpfte nun im Fernduell um den Verbleib in der zweiten Liga. Doch während die Breisgauer gegen Solingen 3:1 gewannen, verlor Hertha am Aachener Tivoli mit 0:2. Damit verblieb keiner der drei Berliner Vereine in der zweiten Liga.

Blau-Weiß 90 schaffte den direkten Aufstieg in die Bundesliga und Hertha stieg zusammen mit Tennis Borussia in die Amateur-Oberliga ab. Während Blau-Weiß nun die Zuschauer zu den Spitzenpartien der Bundesliga ins Olympiastadion einlud, kämpfte Hertha BSC um seine Fans in Spielen gegen die Reinickendorfer Füchse und den TSV Rudow. Hertha gönnte sich trotz schwerwiegender Abgänge (u.a. Andreas Köpke) eine sehr starke Mannschaft und spielte eine überragende Vorbereitung. Der erste Sieg in der Oberliga sollte am 24. August 1986 beim Spandauer SV geholt werden.

Ablauf: Es ist Sonntagnachmittag, 15 Uhr und Hertha BSC gibt sich im Stadion Neuendorfer Straße die Ehre, zum ersten Punktspiel in der Amateur-Oberliga anzutreten. Gastgeber ist der Spandauer SV, der eine junge Mannschaft um die Routiniers Schilling und Diefenbach aufgebaut hat. Letzterer kennt den heutigen Gast nur zu gut, spielte er doch selbst Ende der 70er mit Hertha BSC erfolgreich in der Bundesliga, im DFB-Pokal und im UEFA-Pokal. Und auch die Spandauer Hanisch und Metzler trugen bereits das Hertha-Trikot. Das kleine Stadion ist brechend voll, über 4000 Zuschauer wollen sehen, ob der SSV gegen die scheinbar übermächtige Hertha bestehen kann.

Nach einigen Minuten gibt es den ersten Freistoß für den SSV. Marczewski tritt an, direkt auf Hertha-Torhüter Weh, doch dem springt der Ball von der Brust ab! SSV-Stürmer Schaaf reagiert schnell, ist als Erster am Ball und drückt das Leder über die Linie! Was für eine Überraschung, Spandau führt gegen Hertha mit 1:0! Alfred Weh, der in der Vorbereitung noch einen so souveränen Eindruck hinterließ, scheint vom Lampenfieber heimgesucht worden zu sein. Aber seine Mannschaftskameraden helfen ihm und machen jetzt Druck. Hertha zeigt jetzt, welche Rolle sie in dieser Oberliga-Saison einnehmen wollen. Immer wieder kommt Hertha gefährlich in die Nähe des SSV-Tores, doch die Spandauer Abwehrreihe steht sehr gut. Und jedes Mal, wenn Hertha doch ein Schuss gelingt, ist der hervorragend aufgelegte Torwart Schramm zur Stelle.

0:1 zur Halbzeit

Nach 36 Minuten dann ein Bruch in Herthas Angriffsbemühungen: Schlumberger muss vom Feld humpeln. Das sieht nicht gut aus, wahrscheinlich wird er auch das DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern nächste Woche versäumen. Krawczyk ist für ihn auf das Feld gekommen und orientiert sich gleich in die Spitze. Erst einmal ist Hertha jetzt in Überzahl, denn Marczewski muss eine Zeitstrafe absitzen. Doch die Bemühungen enden vergebens. Die erste Halbzeit geht ohne zählbaren Erfolg für Hertha BSC zu Ende. Der SSV führt sensationell mit 1:0.

Personell kommen beide Mannschaften unverändert zurück auf den Platz, doch Hertha merkt man sofort an, dass es nun keine Zeit mehr zu verlieren gibt. Nach zwei Minuten gibt es Eckball. Sackewitz gibt hoch herein, Blüthmann springt am höchsten und köpft zum 1:1-Ausgleich ein! Jetzt ist Hertha im Spiel angekommen! Spandau kann sich nun wohl auf einiges gefasst machen. Doch erst mal versuchen die Gastgeber selbst, noch einen zaghaften Angriff zu setzen. Erusta flankt von links in den Strafraum, Torwart Weh steigt hoch um den Ball zu fangen - und lenkt ihn sich selbst ins Netz! Oh weia, schon der zweite Fehler in diesem Spiel! Doch Trainer Sundermann lässt Nello di Martino auf der Bank und Alfred Weh im Tor.

Hertha dreht das Spiel nach Wehs erneutem Patzer

Wehs Mitspieler versuchen, ihm zu helfen und greifen sofort an. Gowitzke, heute der stärkste Herthaner, gibt weiter auf Sackewitz, der dreht den Ball um mehrere Gegner herum, Schlussmann Schramm kann den Ball nicht sehen und ist geschlagen! 2:2 - Hertha hat sofort ausgeglichen! Hertha scheint das Spiel nun wieder in der Hand zu haben. In der 63. Minute setzt sich dann Niebel auf der Außenbahn durch, flankt genau auf Rinke, der kann sich im Kopfballduell behaupten und Schramm ist wieder geschlagen! Hertha führt jetzt 3:2 und es ist nun der SSV, der sich wieder aufrappeln muss. Und das tun sie! Spandau ab sofort nur noch in der Offensive. Hertha kann sich nicht mehr lösen. Weh hat noch immer keine Sicherheit gefunden und unterläuft so manche Flanke.

Dann in der 80. Minute Elfmeter! SSV-Spieler Erusta ist im Strafraum nach einem Zweikampf mit Gajda zu Fall gekommen und Schiedsrichter Winkler entscheidet auf Strafstoß. Der erfahrene Schilling ist für die Elfmeter vorgesehen, doch der drückt sich vor der Verantwortung! SSV-Trainer Erdmann ist stinksauer und doch tritt der 19-jährige Verteidiger Marion Nossol an. Alfred Weh jetzt mit der Möglichkeit, seine beiden schweren Fehler wieder gut zu machen. Doch er bekommt keine Gelegenheit dazu, der Ball fliegt über das Tor! Oh, welch ein Glück für Hertha. Aber der SSV zeigt sich nicht geschockt. Drei Minuten vor dem Ende wieder eine Flanke in den Strafraum der Herthaner, wieder verschätzt sich Weh, Schaaf kann unbedrängt köpfen - und trifft den Pfosten! Riesenglück für Hertha und dann ist das Spiel vorbei. Hertha BSC holt wie erwartet seinen ersten Sieg im ersten Spiel, doch dass dies solch ein Stück Arbeit werden würde, hatte niemand erwartet. Die Zuschauer machen sich nach einem hoch interessanten Spiel auf den Heimweg.

Historische Einordnung: Hertha BSC konnte die Anfangsprobleme nach und nach abschütteln und beendete die Saison als Meister ihrer Amateur-Oberliga mit nur einer Niederlage am letzten, unbedeutenden Spieltag. In der anschließenden Aufstiegsrunde standen die Chancen ziemlich gut für Hertha, doch am letzten Spieltag setzte es eine 1:3-Niederlage gegen den BVL Remscheid, gerade als man endlich wieder im Olympiastadion vor 15.067 Zuschauern antreten durfte. So folgte ein weiteres, etwas weniger souveränes Jahr in der Amateur-Oberliga, an dessen Ende wiederum die Meisterschaft und ein knapper Sieg in der Aufstiegrunde stand, der vor allem aufgrund der Heimstärke erreicht werden konnte.

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