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"Das schönste Klassenzimmer der Welt"

Rund um den 'Erinnerungstag im deutschen Fußballs' stellt Hertha BSC seine Projekte vor. Dieses Mal: Die Macher des Lernzentrum@Hertha BSC im Interview.

Berlin - Der 'Erinnerungstag im deutschen Fußball' geht in seine 14. Kampagne. Gefördert und gestützt durch die Präsidenten des DFB, Reinhard Grindel und der DFL, Reinhard Rauball, sowie der Landesverbände und der Liga, setzt der 'Erinnerungstag' seit 14 Jahren zum Jahresanfang und mit dem Start der Rückrunde ein machtvolles Zeichen gegen den allgegenwärtigen Rassismus, den wachsenden Antisemitismus und die ebenfalls zunehmenden  Homophobie im Fußball und in der Zivilgesellschaft. Hertha BSC beteiligt sich in den folgenden Tagen aktiv an der Kampagne und stellt in diesem Rahmen u.a. seine Projekte zu den Themen Aufarbeitung der Vereinsgeschichte vor.

Den Anfang macht das Fanprojekt Lernzentrum@Hertha BSC. Seit 2010 nutzt das einzigartige Projekt das integrative Potenzial des Fußballs, um junge Menschen an politische Bildungsangebote heranzuführen und ihre sozialen Kompetenzen zu fördern. Hertha BSC sprach mit den Verantwortlichen Söhnke Vosgerau (Bildungsreferent und Koordinator Lernzentru @Hertha BSC) und Stefano Bazzano (Fanbetreuung Hertha BSC).

herthabsc.de: Für alle, die es noch nicht kennen: Was verbirgt sich hinter dem Fanprojekt Lernzentrum@Hertha BSC?
Söhnke Vosgerau: Das Lernzentrum ist ein Projekt der außerschulischen Jugendbildung, das vom Fanprojekt der Sportjugend Berlin und Hertha BSC gemeinsam umgesetzt wird. Wir bieten Berliner Jugendlichen die Möglichkeit, sich in Workshops oder Projektwochen mit verschiedenen Themen wie Fairplay, Gewalt oder Rassismus auseinanderzusetzen.
Stefano Bazzano: Darüber hinaus bieten wir exklusive Einblicke in das historische Olympiastadion und hinter die Kulissen von Hertha BSC. Seit 2010 haben rund 2.300 junge Berlinerinnen und Berliner aus Schulen, Jugendeinrichtungen oder Vereinen an unseren vielfältigen Angeboten teilgenommen.

herthabsc.de: Was ist das Besondere am Lernzentrum? Wie sieht das pädagogische Konzept aus?
Vosgerau: Das Lernzentrum bedeutet an erster Stelle: Lernen an einem sehr besonderen Ort. Das Stadion und seine Geschichte laden zum Entdecken und Hinterfragen ein. Wir machen das Olympiastadion zum schönsten Klassenzimmer der Welt. Zweitens verbinden wir Fußballfaszination und politische Bildung: Fußball ist bei uns der Türöffner zur Diskussion gesellschafts- und jugendpolitischer Themen. So erreichen wir viele Jugendliche, die ansonsten vielleicht keine Lust auf politische Bildung hätten. Denn im Fußball zeigen sich viele Gesellschaftsthemen sehr gebündelt: anhand des Kopfstoßes von Zidane im WM-Finale 2006 lassen sich beispielsweise Vorstellungen von Ehre und Gewalt, aber auch alternative Handlungsmöglichkeiten diskutieren. Oder nehmen wir das Thema Gerechtigkeit: das spielt sowohl eine Rolle in der Schule, z.B. im Umgang miteinander, als auch beim Fairplay auf dem Fußballplatz oder der Frage um Spielergehälter und Transfersummen im Profifußball. Da können und wollen (fast) alle mitreden! Das führt mich zum dritten Pfeiler unseres pädagogischen Konzeptes: Lernen bei uns soll Spaß machen! Wir sind deshalb sehr aktiv, führen Interviews oder drehen Kurzfilme, lernen durch praktische Übungen oder gehen selbst eine Runde auf den Fußballplatz.

herthabsc.de: Was sind Eure Aufgaben innerhalb des Projektes?
Vosgerau: Ich leite das Projekt und plane unsere Workshops, überlege mir Inhalte und Methoden, besuche Schulen und Jugendeinrichtungen und begleite mit unserem Team die Workshops.
Bazzano: Ich kümmere mich um die Umsetzung und die Abläufe im Stadion, der Jugendakademie und auf der Geschäftsstelle. Ich gebe den Jugendlichen den Einblick hinter die Kulissen von Hertha BSC. Da ich sehr viel Spaß an der Arbeit mit Jugendlichen habe, leite ich auch den einen oder anderen Workshop.

Stefano Bazzano und Söhnke Vosgerau mit Zeitzeugen der Olympischen Spiele 1936 und Teilnehmern des Lernzentrums.

herthabsc.de: Was waren die Highlights in den letzten Jahren?
Vosgerau: Es war toll zu sehen, dass unser Konzept so gut funktioniert. Viele Jugendliche waren zu Beginn skeptisch, was sie erwartet. Am Ende wollen sie dann gleich nächste Woche wiederkommen. Die Initiative 'Lernort Stadion' ist darüber hinaus ein bundesweites Projekt geworden, mit inzwischen 17 Lernorten in Fußballstadien, mit großer Unterstützung der lokalen Clubs, der Fanprojekte und der DFL-Stiftung und Robert-Bosch-Stiftung als Hauptförderer. Mein persönliches Highlight war ein Interview, das eine Gruppe von Schulabstinenten mit Zeitzeugen geführt und gefilmt hat, die an den Olympischen Spielen 1936 teilgenommen haben. Das war eine einmalige, sehr bewegende Begegnung.
Bazzano: Wir hatten eine Delegation von internationalen Spielerinnen im Lernzentrum zu Besuch. "A Day for Girls and Woman" war einer der vielen Programmpunkte des 'Discover Football Festival'. An vielen unterschiedlichen Orten in Berlin waren die internationalen Spielerinnen unterwegs. So auch bei Hertha BSC. Wir gestalteten einen Begegnungstag mit geflüchteten Frauen, Fußballspielerinnen aus Berlin und internationalen Gästen. Die fußballbegeisterten Mädchen und Frauen spielen in ihren Ländern Fußball unter extremsten Bedingungen. Viele Spielerinnen haben, um ihren Sport auszuüben, große Hürden überwinden müssen. Das waren auch die Themen und die Geschichten, die bei der Pressekonferenz zu Tage kamen: Fluchtgeschichten und Erzählungen über eigenes Engagement, wie durch den Fußball auf Problematiken in den jeweiligen Ländern aufmerksam gemacht wird. Allen Teilnehmerinnen hat es sichtlich Spaß gemacht, auf dem Podium zu sitzen und trotz Sprachbarrieren zu erzählen. Die Gruppe wurde zwar von Dolmetschern begleitet, die Verständigung funktionierte jedoch hauptsächlich direkt mit viel Gestik und Mimik. Was der Fußball für diese Mädels bedeutet, hat mich schwer beeindruckt.

herthabsc.de: Was war der Höhepunkt des Jahres 2017? Was bleibt euch besonders in Erinnerung? Was hat euch berührt?
Vosgerau: Inklusion war ein großes Thema für uns im letzten Jahr. Im April haben wir zeitgleich mit acht weiteren Lernorten in Deutschland die 'Paralympische Woche' veranstaltet. Mit einer Schülergruppe aus der Blindenschule in Steglitz haben wir das Stadion ertastet und gemeinsam mit einer sehenden Besuchergruppe des Lernzentrums 'Denk-Anstoß' aus Dresden Blindenfußball trainiert. Außerdem haben wir uns damit beschäftigt, wie wir unsere Angebote noch stärker für inklusive Gruppen öffnen können.
Bazzano: Wir haben mit den Materialien und Ergebnissen der Spurensuche zum ehemaligen Mannschaftsarzt von Hertha BSC Dr. Hermann Horwitz ein Modul für das Lernzentrum konzipiert und dieses Ende 2017 zum ersten Mal durchgeführt. Der Umgang mit dem Thema und das Interesse an der Biografie waren sehr intensiv. Das Arbeiten an historischen Dokumenten hat die Teilnehmer merklich bewegt und animiert, Fragen zu stellen. Ich denke auch hier haben wir wieder Wege gefunden, mit Jugendlichen über Themen zu sprechen, die im klassischen Schulkontext nicht erreicht werden.

herthabsc.de: Wie sehen die Pläne für das neue Jahr aus? Wie wird sich das Projekt weiter entwickeln?
Vosgerau: Wir werden unsere Themen erweitern und einen Workshop zum globalen Lernen anbieten. Also kritisch hinterfragen, welche Auswirkungen das weltweite Fußballgeschäft auf Menschen und Umwelt hat. Rund um die Weltmeisterschaft wird es Aktionen und Veranstaltungen geben. Außerdem denken wir darüber nach, wie wir internationale Jugendbegegnungen veranstalten können. Dazu sind wir im Austausch mit den Machern des Study Support Centres von Westham United, das im neuen Olympiastadion in London beheimatet ist. Die Akquise für dieses Jahr ist noch nicht abgeschlossen: gerne nehmen wir noch Bewerbungen von Schulklassen, Gruppen der offenen Kinder- und Jugendarbeit oder anderen sozialen Trägern entgegen!

Weitere Informationen zum Lernzentrum gibt es unter www.lernzentrum-berlin.de. Anmeldungen nimmt Söhnke Vosgerau (soehnke.vosgerau@lernzentrum-berlin.de) entgegen.

(thb/Lernort Stadion e.V./Alexa Vachon,HerthaBSC)

Fans, 10.02.2020
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