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"Die Verbundenheit zu Hertha BSC hält lebenslang!"

Fabian Lustenberger spricht über seinen neuen Verein BSC Young Boys, die Auswirkungen der Corona-Pandemie in der Schweiz und über seine unvergessliche Zeit bei der 'Alten Dame'.

Berlin - Fast ein Jahr ist es nun her, um genau zu sein 356 Tage, als Fabian Lustenberger ein letztes Mal das blau-weiße Trikot überstreifte, die Fahne auf der Brust trug und sich nach Schlusspfiff von der Ostkurve feiern ließ. Es war am 34. Spieltag der Saison 2018/19 nach zwölf Spielzeiten seine 308. Partie für den Hauptstadtclub – der Ausgang des Kräftemessens gegen Leverkusen schmälert diese beeindruckenden Werte keineswegs. Als 19-jähriger Bursche war der Schweizer 2007 an die Spree gekommen, nach Abstiegen, Aufstiegen und Europapokal-Auftritten kehrte er als erfahrener und gestandener Profi im Sommer 2019 in seine Heimat zurück – als absolute blau-weiße Identifikationsfigur. Die Herthaner hat der ehemalige Nationalspieler nach dem Abschied nicht aus den Augen verloren. "Ich hatte zwölf gute Jahre bei Hertha und in Berlin. Das waren zwölf Jahre, die mich geprägt haben – sportlich und natürlich auch privat. Ich habe meine Familie in Berlin gegründet – die Verbundenheit zu Hertha BSC wird lebenslang da sein!", sagte der dreifache Familienvater im Videotelefonat mit herthabsc.de. Im Interview spricht die ehemalige Nummer 28 über die Young Boys aus Bern, die durch die Corona-Pandemie geprägte Lage in der Schweiz und natürlich über die 'Alte Dame'.

herthabsc.de: Lusti, in der Vorwoche bist du 32 Jahre alt geworden. Wie hast du deinen Geburtstag in Zeiten von Corona verbracht?
Lustenberger: Ach, es war ein entspannter Tag. Es war schließlich auch kein runder Geburtstag, den ich hätte groß feiern müssen. Den Umständen entsprechend haben wir es natürlich klein gehalten. Meine Eltern und meine Brüder kamen kurz zum Gratulieren vorbei und wir haben kurz angestoßen – natürlich auf Abstand. Das war es dann eigentlich schon. Abends habe ich mit meiner Frau und meinen Kindern gegrillt. Aber das Wetter war schlecht, sonst ist es immer schön an meinem Geburtstag (schmunzelt)

herthabsc.de: Corona bestimmt auch den Alltag in der Schweiz – um dieses Thema kommen wir nicht herum. Mit welchen Gefühlen blickst du auf die aktuelle Situation?
Lustenberger: Anfang des Jahres habe ich natürlich mitbekommen, dass sich in China ein Virus verbreitet. Gefühlt war das aber sehr weit weg – ich glaube, so haben anfangs viele gedacht. Irgendwann wurde es dann immer realistischer und auch ernster, weil die ersten Infektionen in Europa aufgetreten sind. Dann hat die Schweizer Liga im Februar die ersten Spiele abgesagt und wenig später kam der Lockdown. Dazu die ganzen furchtbaren Bilder aus anderen Ländern. Ich bin froh, dass es den Menschen in meinem engsten Kreis gut geht, alle gesund sind und irgendwie versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Etwa seit Mitte März bin ich zu Hause.

herthabsc.de: Als Familienvater, aber auch als Profi, der sich fit halten muss und auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs wartet.
Lustenberger: Es ist trotz den Herausforderungen auch schön. Ich habe vor meinem Wechsel fast zwei Jahre alleine in Berlin gelebt, weil meine Familie schon in der Schweiz war. Für mich fühlt es sich ein wenig wie Familienzeit an, die ich nachholen und genießen kann – das ist wirklich ein tolles Gefühl. Spazieren mit den Kindern und dem Hund im Wald und solche Sachen, das Wetter hat zum Glück mitgespielt. Aber natürlich nehmen wir die Situation ernst und sprechen auch mit den Kindern, dass wir alle aufpassen müssen. Wir haben die ersten sechs Wochen nur per Facetime Kontakt zu meinen Eltern gehabt, ihr Besuch an meinem Geburtstag war der erste – aber eben nur mit Abstand. Eigentlich ist es ähnlich wie in Deutschland. Wir bleiben zu Hause, gehen nur zum Einkaufen oder Spazieren raus. Eine so strenge Ausgangssperre wie in Spanien oder Italien hatten wir nicht.

herthabsc.de: Ist dir die Decke zwischendurch mal auf den Kopf gefallen?
Lustenberger: Ich habe die Wochen genutzt und habe unser Haus, in dem ich zwei Jahre ja irgendwie nur Gast war, mal richtig kennengelernt (lacht). Ich versuche meiner Frau im Haushalt zu helfen, aber zum Beispiel Kochen ist nicht meins. Aus Sicherheitsgründen ist es besser so, wenn ich nicht koche (lacht). Klar ist aber auch, dass dieser Zustand so nicht ewig bleiben kann. Der Alltag mit geregelten Abläufen darf so langsam gerne wieder reinkommen. Ich freue mich, wenn die Kinder wieder in die Schule gehen und ich freue mich sehr, wenn es mit dem Fußball wieder losgeht. Ich denke, der Rhythmus wird uns allen guttun.

herthabsc.de: In Deutschland steht fest, dass die Bundesliga ab dem 16. Mai wieder startet, deine alten Teamkollegen halten sich seit Wochen im Training in Kleingruppen bestmöglich fit. Wie läuft es beim BSC Young Boys, deinem neuen Verein?
Lustenberger: Ich hoffe, dass wir ab dem 11. Mai wieder mit der Mannschaft trainieren können, auch wenn wir uns in getrennten Umkleiden umziehen müssen. Ende Mai wird dann entschieden, wie und wann es mit der Meisterschaft weitergeht. Zuletzt haben wir fünf bis sechs Mal die Woche zu Hause trainieren müssen – abends gab es immer den Plan für den nächsten Tag. Es gab individuelle Einheiten und welche mit dem Fitnesstrainer über Zoom, so kam ein bisschen Abwechslung rein, auch weil man die anderen Spieler mal wieder gesprochen hat. Ich bin happy, wenn es endlich wieder losgeht und wir gemeinsam auf dem Platz stehen.

Fabian Lustenberger im Skype-Gespräch.

herthabsc.de: In der Bundesliga wird der Spielbetrieb bei Wiederaufnahme etwa zwei Monate geruht haben. In der Schweiz wird die Pause noch länger ausfallen. Zwischen der bislang letzten Partie Ende Februar und der ersten geplanten nach Wiederaufnahme im Juni liegen dann wohl mehr als 15 Wochen. Beunruhigt dich diese lange Unterbrechung?
Lustenberger: Es ist schon nicht immer einfach gewesen, die Motivation aufrecht zu halten, weil diesen einen Moment, auf den du normalerweise hinarbeitest, gab es nicht. Da hilft nur große Eigenmotivation und vielleicht ab und zu mal jemand, der dir in den Hintern tritt. Nun haben wir wieder einen Anhaltspunkt, wann es wieder losgeht. Die nächsten Wochen bis zum ersten Spiel werden Vorbereitungscharakter haben. Es geht wie nach einer Sommerpause wieder los, wir haben relativ lange kein Spiel gespielt. Rein körperlich sind wir fit, aber die Fußballfitness mit Ball ist eine komplett andere Geschichte. Die müssen wir uns in den nächsten Wochen wieder aneignen. Das wird schon eine große Herausforderung. Und das Nächste sind Geisterspiele, darauf müssen wir uns mental einstellen. Aber darin haben wir alle keine Erfahrung, deshalb versuchen wir, uns körperlich und mental so einzustimmen, dass wir bereit sind und das Beste aus dieser Situation machen.

herthabsc.de: Kommen wir auf die rein sportliche Situation. 13 Spieltage vor Schluss ist Bern nicht mehr Tabellenführer und liegt punktgleich mit Spitzenreiter St. Gallen auf Rang zwei. Wie ordnest du die bisherige Saison auch mit Blick auf den Europapokal momentan ein?
Lustenberger: Wir wollen am Ende oben stehen, das ist klar und das können wir auch noch schaffen. Aber wir können bis jetzt auch so ganz zufrieden sein, denke ich. Im Sommer gab es in der Mannschaft einen großen Umbruch, viele neue Spieler kamen, alte Leistungsträger, die hier Großes geleistet haben, sind gegangen. Die Rückrunde lief wegen zwei Niederlagen bislang nicht wunschgemäß, aber wir können es noch korrigieren. Dass wir in der Champions-League-Qualifikation gegen Roter Stern Belgrad ausgeschieden sind, war wirklich bitter. In der Europa League haben wir eigentlich gegen namhafte Mannschaften wie Porto, Rotterdam und die Rangers eine gute Vorrunde gespielt, aber am Ende sind wir leider knapp ausgeschieden. Es ist kein Untergang gewesen, aber unterm Strich zählt nur das Weiterkommen. Ein bisschen wiegt das Aus schon nach.

herthabsc.de: Ausgerechnet eine Niederlage gegen Luzern, deinen Jugendclub, hat euch von der Tabellenspitze gestürzt. Hat die Pleite ganz besonders geschmerzt?
Lustenberger: Ist das eine Anspielung (lacht)? Wir haben 0:2 verloren, das 0:1 war ein Eigentor von mir... Es war schon ein spezielles Spiel, weil Luzern meine Heimat ist und wir fast vor meiner Haustür gespielt haben, aber grundsätzlich ärgert mich jede Niederlage. Ich muss zu meiner Verteidigung allerdings sagen, dass ich in dieser Saison mein erstes Kopfballtor in meiner Karriere gemacht habe, es steht nach Treffern also 1:1. Dass es im Pokal beim 11:2-Sieg gegen ein unterklassiges Team war, muss ich jetzt nicht groß erwähnen (schmunzelt).

herthabsc.de: Eine Frage, die du schon häufiger gehört hast, ist die nach deinem Status in der Mannschaft. Als einer der erfahrensten Akteure bist du auf Anhieb zum Kapitän geworden. Hast du dich darüber noch gefreut oder spielt die Binde eigentlich keine Rolle für dich, da du eh gerne Verantwortung übernimmst?
Lustenberger: Es ist ein Mix aus allem. Es ist nicht selbstverständlich, als Neuzugang gleich Kapitän zu werden. Das zeigt zum einen die Erwartung, die an mich gerichtet wird, zum anderen aber auch eine Art Wertschätzung und Anerkennung des Trainers und der Mannschaft. Aber ich habe es immer so gehalten, dass ich meinen Einfluss oder meine Person nicht am Kapitänsamt festmache. Im Gegenteil, ich hätte sowieso Verantwortung übernehmen müssen, ob ich jetzt Kapitän bin oder nicht. Wir haben viele junge Spieler. Das Amt ändert an meiner Einstellung oder meinem Auftreten nichts.

herthabsc.de: Mit deinen 32 Jahren bist du aber auch der drittälteste Profi im Kader. Machst du dir über sowas eigentlich Gedanken? Geistern sogar schon Überlegungen in deinem Kopf, was du einmal nach der Karriere machen möchtest?
Lustenberger: Ich denke hier und da schon über das Alter nach. Mit 30 zählte ich bei Hertha ja schon zu den älteren, jetzt bin ich noch einmal zwei Jahre näher am Ende der Karriere. Ich erschrecke mich manchmal, wenn ich sehe, dass meine Mitspieler teilweise 2000 oder sogar später geboren sind. Als ich 2007 nach Berlin gegangen bin, waren sie noch kleine Kinder. Aber ich fühle mich nicht alt, durch die jungen Spieler bleibe ich automatisch ein wenig jung. Das ist auch ganz schön. Solange ich mithalten kann, ist das Alter auch nicht das größte Thema, auch wenn schon mal ein Spruch kommt, wenn ich nach dem Training etwas erschöpfter bin. Aber ich bin auch nicht auf den Mund gefallen, da kommt dann gerne mal ein Sprich zurück (schmunzelt). Dafür muss ich beim Kreisspiel am Anfang an nie wieder in die Mitte, hier ist das Alter dann wieder ein kleiner Vorteil (lacht).

Gesagt...

"Die Erinnerungen an meinen Abschied kommen immer wieder hoch und irgendwie will man das ganze Drumherum nochmal erleben und aufsaugen."

Fabian Lustenberger

herthabsc.de: Von Bern schauen wir zurück nach Berlin. Zu welchen alten Weggefährten hast du noch Kontakt?
Lustenberger: Valentin Stocker ist in all den Jahren ein guter Freund geworden. Bei Hertha saßen wir in der Kabine nebeneinander, das geht nun nicht mehr, weil er in Basel spielt. Aber er wohnt wie ich rund um Luzern, wir tauschen uns regelmäßig aus und haben uns vor Corona auch immer wieder getroffen. Zu David de Mel (Physiotherapeut, Anm.d.Red.) und Per Skjelbred habe ich immer wieder Kontakt. Mit dem einen oder anderen schreibt man hier und da, aber ein paar Wechsel gab es zuletzt ja schon. Im November war ich aber auch für zwei Tage mit meiner Frau in Berlin. Da war ich in der Kabine und habe die Jungs besucht und viele bekannte Gesichter getroffen. Es war schön, wieder in Berlin und bei Hertha gewesen zu sein.

herthabsc.de: Bei deiner 'Alten Dame' hast du schließlich zwölf Jahre mit allen Höhen und Tiefen verbracht – für einen Fußballer eine unfassbar lange Zeit. Bei deinem Abschied hast du gesagt, dass sich viele Emotionen erst mit etwas Abstand bemerkbar machen. Schaust du inzwischen mit einer anderen Perspektive auf manche Momente?
Lustenberger: Mit der Frage bin ich jetzt ein wenig überrumpelt (schmunzelt). Aber es stimmt schon, vor allem das letzte Spiel gegen Leverkusen hat sich bei mir eingeprägt. Ich konnte vor der Partie gut schlafen, das hätte ich nicht gedacht. Im Rückblick war alles rund um das Spiel komisch, schön, aber irgendwie auch komisch. Ich habe beim Abschied in der Kurve schon gemerkt, dass es jetzt zu Ende ist, aber so richtig realisiert habe ich das wohl erst im Sommer, als ich meine Rückreise nach Berlin nicht mehr planen musste. Ich wusste, ich bleibe zu Hause und konnte das auch ein stückweit genießen. Aber ich denke gerne zurück an den Tag – außer an das Spiel –, abends habe ich noch mit der Mannschaft und vielen Freunden meinen Abschied gefeiert. Das war ein schöner Abschluss einer schönen Zeit. Die Erinnerungen daran kommen immer wieder hoch und irgendwie will man das ganze Drumherum nochmal erleben und aufsaugen. Aber das ist jetzt vorbei. Ich nehme so viele positive und schöne Sachen mit, dass es da einige Geschichten zu erzählen gäbe, die dann ein anderes Mal (grinst).

herthabsc.de: Die Gegenwart gehen die Blau-Weißen mit Trainer Bruno Labbadia an. Bei noch neun Spieltage ist es das Ziel, den Abstand zu den Abstiegsrängen größtmöglich zu gestalten. Wie bewertest du die Lage im Verein?
Lustenberger: Ich glaube, mit Club und Trainer kann es gut passen kann. Es gibt zwar im Fußball nie eine Garantie, aber Bruno Labbadia ist jemand, der einen Neuaufbau anpacken kann. Ich habe viel Gutes über ihn gehört, der erste Eindruck ist sehr positiv, auch wenn es durch die ganzen Corona-Vorschriften eine spezielle Situation ist. Das Abklatschen, in den Arm nehmen oder Flachsen ist in seinen ersten Wochen ausgefallen, gerade so baut ein Trainer anfangs Nähe auf. Ich hoffe, dass es funktioniert! Hertha hat eine talentierte Mannschaft, mit der es möglich ist, Schritte nach oben zu machen. Ich glaube, mit der Antwort habe ich gezeigt, dass der Kontakt und das Interesse an Hertha nach wie vor groß ist – alles andere wäre nicht normal (schmunzelt). Ich versuche ebenso gut wie möglich, die Partien intensiv zu verfolgen. Samstags spielen wir in der Regel erst abends, vorher kann ich dann im Hotel Bundesliga schauen. Wenn Hertha sonntags spielt, sitze ich bei mir zu Hause und drücke die Daumen.

herthabsc.de: Daumen drücken könntest du irgendwann hoffentlich auch wieder einmal im Stadion ...
Lustenberger: ... auf jeden Fall! Ich komme immer gerne zurück, gerne auch ins Stadion, wenn es wieder möglich ist. Davon wird mich auch niemand abhalten können. Ich hatte zwölf gute Jahre bei Hertha und in Berlin. Das waren zwölf Jahre, die mich geprägt haben – sportlich und natürlich auch privat. Ich habe meine Familie in Berlin gegründet – die Verbundenheit zu Hertha BSC und der Stadt hält lebenslang!

(fw/imago)

Intern, 08.05.2020
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