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Eine Verbindung fürs Leben

Als Jugendlicher besucht Walter Frankenstein zwischen 1936 und 1939 regelmäßig die Heimspiele von Hertha BSC im Stadion am Gesundbrunnen. Als Verwandte von ihm aufgrund der antisemitischen Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime verhaftet und deportiert werden, taucht er mit seiner Familie unter – sie überleben als Juden im Untergrund den Zweiten Weltkrieg. 80 Jahre nachdem Walter Frankenstein die Herthaner zuletzt im Stadion spielen gesehen hat, war er nun zum ersten Mal bei einem Spiel der Blau-Weißen im Olympiastadion zu Gast.

Berlin - "So Kinder, von hier an finde ich den Weg!", verkündet Frankenstein, als er in der Tiefgarage des Olympiastadions aus dem Auto aussteigt. Die Umgebung kennt er nur zu gut, auch wenn er mehr als 80 Jahre nicht auf dem Olympiagelände gewesen ist. Die Begleitumstände seines heutigen und die seines bis dahin letzten Besuches könnten jedoch kaum unterschiedlicher sein. "Heute sitze ich hier zwischen Freunden. Damals habe ich hier zwischen Feinden gesessen", sagt Walter Frankenstein.

Frankenstein trifft bei seinem Stadionbesuch auf Bernd Sobeck, den Sohn seines Idols Hanne Sobek. Foto: Katja Anders

Am vergangenen Freitag (16.02.18) hat er mit seinen knapp 94 Jahren erstmals ein Heimspiel seiner Herthaner im Olympiastadion besucht. Es war der Sommer 1936, als er diesen Ort zuletzt betreten hatte: bei den Olympischen Spielen, die Adolf Hitler und die NSDAP für ihre Propaganda-Zwecke missbraucht hatten. Als Jugendlicher wird er bei den Wettkämpfen damals Zeuge, wie Jesse Owens dominiert - und muss voller Fremdscham mitansehen, wie Adolf Hitler dem afroamerikanischen Ausnahmeathleten bei der Siegerehrung den Handschlag verweigert. Seither war er nicht mehr im Olympiastadion.

So viele Bilder

Die Rückkehr nach so langer Zeit ist für ihn ein höchstemotionales Ereignis: "Wenn man das erste Mal an diesen Ort, an dem man die Olympischen Spiele 1936 erlebt hat, zurückkommt, weckt das enorme Bilder in einem", so Frankenstein. "Ich sehe nicht nur das Olympiastadion, sondern auch meinen Onkel, mit dem ich 'Die Spiele' besucht habe und der später im Baltikum erschossen worden ist."

Im selben Jahr, in dem die Olympischen Spiele in Berlin stattfinden, entwickelt Frankenstein als junger Mann seine Zuneigung für Hertha BSC. Damals pilgert er zusammen mit seinen Freunden in die 'Plumpe', das Stadion am Gesundbrunnen, wo Hertha - abgesehen von einigen Unterbrechungen - zwischen 1924 und 1968 die Heimspiele austrägt. Lautstark und voller Überzeugung feuert er sein Team an. Allen voran hat es Hanne Sobek dem jungen Frankenstein angetan: "Hanne Sobek war der Stratege. Er hat das Spiel aufgebaut. Sobek konnte nicht nur gut mit dem Ball umgehen, sondern vor allem auch seine Mitspieler in Szene setzen. Er war einer jener Fußballspieler, die einen Kopf auf dem Hals haben", sagt Frankenstein über den Mann, der großen Anteil daran gehabt hat, dass Hertha in den Jahren 1930 und 1931 die Deutsche Meisterschaft gewinnen konnte.

"Die Insel im braunen Meer"

Seit bald 82 Jahren ist Frankenstein nun schon Anhänger des Hauptstadtclubs. Wenn jemand die Bezeichnung 'Ur-Herthaner' verdient hat, dann ist es wohl er. Völlig zurecht und längst überfällig ist Frankenstein seit Neustem Mitglied des Vereins – Mitgliedsnummer: 1924, sein Geburtsjahr. Der Kontakt zu Walter Frankenstein kam über die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zustande, die sich intensiv um Überlebende des Holocaust kümmert. Die Stiftung ist auf die Projekte der Reihe 'Aus der eigenen Geschichte lernen' aufmerksam geworden und hat den Kontakt vermittelt.

Gesagt...

"Auch Hertha hat Fehler gemacht. Meine Liebe zum Club ist allerdings nie weggewesen. Einmal Hertha, immer Hertha!"

Walter Frankenstein

So treu Frankenstein seinem Herzensverein über all die Jahre geblieben ist, so beschämend ist allerdings der Hintergrund, warum er seinerzeit überhaupt Anhänger von Hertha BSC geworden ist. Am 30. Juni 1924 wird Walter Frankenstein in Flatow, das heute zu Polen gehört, geboren. Zwölf Jahre später erhält er den Verweis von seiner Volksschule - genauso wie alle anderen Schüler jüdischen Glaubens auch. Frankensteins Vater war bereits einige Jahre zuvor gestorben. So kommt der Jugendliche am 27. Juli 1936 nach Berlin - vier Tage vor Beginn der Olympischen Spiele. Sein Onkel hat ihm einen Platz im Auerbach'schen Waisenhaus verschafft, das Frankenstein später die "Insel im braunen Meer" tauft. Es war ein Ort, an dem er sich als jüdischer Jugendlicher sicher gefühlt hat, abgekapselt von der Welt draußen, in der die Nationalsozialisten geherrscht haben.

In der Hauptstadt besucht der junge Walter die Jüdische Schule in der Rykestraße in Prenzlauer Berg. Schon in Flatow ein fußballbegeisterter Junge, kommt er in Berlin zum ersten Mal mit Hertha in Berührung: "Im Auerbach'schen Waisenhaus haben wir sonntags immer Radio gehört – unter anderem die Sportberichte. Ich weiß nicht genau warum, aber Hertha BSC hat mich von Anfang an interessiert – mehr als alles andere", erinnert sich Frankenstein. Nicht nur an den Hauptstadtclub verliert Frankenstein "im Auerbach" sein Herz. Er lernt Leonie Rosner kennen, die beiden verlieben sich ineinander und heiraten am 20. Januar 1942. Bereits im Oktober 1941 beschließen sie, im Zweifelsfall unterzutauchen und Hitler zu überleben. Als sie miterleben, wie Walter Frankensteins Cousin mit einem der ersten 'Juden-Transporte' aus Berlin ins Ghetto Litzmannstadt deportiert wird, sagen sie sich: "Nicht mit uns".

Die Nazis überlebt, Hertha die Treue gehalten

Im März 1943 tauchen die Frankensteins zusammen mit ihrem sechs Wochen alten Sohn schließlich unter. Die Nationalsozialisten verhaften Ende Februar/Anfang März 1943 im Rahmen der Fabrik-Aktion in Berlin innerhalb weniger Tage mehrere tausend jüdische Zwangsarbeiter, die Stadt soll bis zum Sommer 1943 "judenrein" werden. Auch Leonie Frankenstein wird in diesen Tagen kurzzeitig inhaftiert und entkommt nur knapp der Deportation. Walter Frankensteins Mutter jedoch hat keine Chance zu fliehen: Sie wird am 1. März 1943 von Berlin-Grunewald nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Dem jungen Ehepaar in Berlin wird deutlich, dass ihre Deportation nur eine Frage der Zeit ist, sie tauchen ab. Leonie wird kurz darauf erneut schwanger und bekommt einen zweiten Sohn – für das Leben in der Illegalität ein großes Risiko. Es grenzt an ein Wunder, dass die vierköpfige, junge Familie den Nazi-Terror überlebt. "Um den Krieg und die Verfolgungen zu überstehen, kam es für uns auf mehrere Dinge an: Wir waren frech, wir hatten gute Freunde, keine Angst, und riesiges Glück", erinnert sich Frankenstein heute. Immer wieder gibt es Situationen, in denen sie von der Gestapo kontrolliert werden oder Nachbarn ihre Verstecke aufspüren. Walter Frankenstein verbringt die meiste Zeit in Berlin und versteckt sich in Trümmerhäusern, alten Autos, Wohnungen von Bekannten und im Grunewald. Leonie überlebt mit den Kindern auf einem Bauernhof im Umland von Berlin - unter falscher Identität.

Walter Frankenstein im Stadion (mit Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Juliane Röleke, Vereinsarchivarin) Foto: Katja Anders

Wie seine Familie und er selbst, hat auch Frankensteins Liebe zu Hertha BSC den Krieg und die harten Jahre im Untergrund überlebt. Keine Selbstverständlichkeit - insbesondere vor dem Hintergrund, dass Hertha als einer von vielen Vereinen spätestens 1940 alle Mitglieder jüdischen Glaubens ausgeschlossen hat. "Auch Hertha hat Fehler gemacht. Meine Liebe zum Club ist allerdings nie weggewesen", meint Frankenstein. "Es ist nun mal so: Wenn man in seiner Kindheit und Jugend an einem Verein gehangen hat, dann wird man diese Liebe nie wieder los. Hertha ist ein Teil meines Lebens - einmal Hertha, immer Hertha!"

Nach Kriegsende wollen die Frankensteins mit Deutschland bis auf Weiteres nichts mehr zu tun haben. Sie wandern aus. Erst nach Palästina, dann nach Schweden, wo Walter Frankenstein und seine Söhne immernoch in einem Vorort Stockholms wohnen. Bis heute verfolgt Frankenstein die Spiele von Hertha am Fernsehbildschirm – die abnehmende Sehstärke seiner Augen hält ihn davon nicht ab. "Meine Söhne sagen immer zu mir: 'Du kannst doch den Ball überhaupt nicht sehen!' Woraufhin ich immer antworte: 'Ich sehe aber sehr wohl, wohin die Spieler laufen!'" Was Frankenstein jedoch umso mehr bedauert, ist die Richtung, in die sich die Stimmung in den Stadien über die Jahre bewegt hat: "Damals war Fußball eine Vergnügung des Volkes, heute ist es eine Religion. Es hat früher keine hasserfüllte Stimmung im Stadion gegeben. Man hat seinen Verein angefeuert, sich aber nie mit den Fans des Gegners angefeindet."

Gegen das Vergessen, für eine friedliche Zukunft

Heutzutage ist Frankenstein, der mittlerweile schwedischer Staatsbürger und Atheist ist, wieder regelmäßig in Deutschland zu Besuch. Wenn er hier ist, sucht er in Schulen und auf Veranstaltungen das Gespräch – vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Auf diese Weise will er seinen Teil dazu beitragen, dass sich eine Zeit wie die während des Nazi-Regimes nie wiederholt. Um zu verhindern, dass sich Diskriminierungen in der Gesellschaft ausbreiten, gibt er den Kindern mit auf den Weg: "Denkt selbst, lasst euch nicht von Parolen manipulieren und helft Menschen in Not." Auf seinen Reisen hat er stets ein Foto seiner Ehefrau dabei, die 2009 verstorben ist. Außerdem hat er den Judenstern, den er ab 1941 offen tragen musste, sowie das Bundesverdienstkreuz, welches er 2014 für sein Wirken als Zeitzeuge erhalten hat, stets in einer Schatulle in seiner Tasche. "Mit dem Judenstern wurde ich gezeichnet. Mit dem Verdienstkreuz wurde ich ausgezeichnet – vom selben Land", erklärt Frankenstein treffend.

Ende Juni wird Walter Frankenstein 94 Jahre alt. Nach allem was war, ist diese inspirierende Persönlichkeit noch voller Lebenslust, Tatendrang und Scharfsinn. Auch den eigenen Humor haben ihm die Nazis – zum Glück – nicht genommen: "Wenn ich keine Rückenprobleme und keine Schwierigkeiten mit der Balance hätte, könnte ich auch heute noch für Hertha auflaufen!"

(af/HerthaBSC)

Intern, 05.11.2018
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