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"... auch wenn es schmerzt"

Lukas Klünter spricht im Interview über das kräftezehrende Trainingslager in Orlando, Freiheiten unter dem neuen Trainer und sein gutes Bauchgefühl.

Orlando - Schon das Zuschauen macht keinen Spaß, ein Blick in die Gesichter der Herthaner verrät endgültig, wie kräftezehrend die Übung ist. Unter Anleitung der Athletiktrainer Werner Leuthard und Henrik Kuchno müssen die Spieler sich auf der Grundlinie aufbauen und Ausdauerläufe über fast das ganze Spielfeld überstehen - und das nach einer knapp 100-minütigen Einheit. Doch aufgeben gibt es nicht, die Blau-Weißen beißen auf die Zähne, Mal für Mal. Erst nach dem letzten der Läufe sinken sie erschöpft zu Boden. Auch Lukas Klünter hatte mit der Belastung zu kämpfen, da spielt es auch keine Rolle, dass er zu den dynamischsten, schnellsten und lauffreudigsten Bundesliga-Spielern gehört. "Das fühlte sich fast wie ein Halb-Marathon an, aber diese Läufe müssen sein, denn sie helfen uns weiter, auch wenn es schmerzt", sagt der 23-Jährige, nachdem er wieder zu Luft gekommen ist. Im Interview mit herthabsc.de spricht er im Anschluss über das Trainingslager, Ideen und Ansätze von Trainer Jürgen Klinsmann und den Abstiegskampf.

herthabsc.de: Klünti, schon als Außenstehender sieht man, wie sehr euch die Einheiten hier in Orlando - vor allem in konditioneller Hinsicht - fordern. Wie steckst du die Belastungen weg?

Klünter: Wir trainieren hier wirklich intensiv,  aber beispielsweise solche Läufe müssen sein. Sie helfen uns weiter, auch wenn es schmerzt. Wenn wir die Grundausdauer steigern, kommt es unserem Spiel zu Gute. Denn Kondition ist nunmal die Basis. 


herthabsc.de: Die Zeit in Orlando neigt sich so langsam dem Ende entgegen, nach dem Testspiel gegen Eintracht Frankfurt am Mittwochabend (19:00 Uhr Ortszeit) geht es am Donnerstag zurück nach Berlin. Was verrät dir dein Bauchgefühl, wenn du über die Arbeit hier vor Ort denkst?

Klünter: Auf dem Platz herrscht vollste Konzentration und die bereits angesprochene hohe Intensität. Jeder Spieler will sich dem Trainer zeigen. Die Voraussetzungen auf den Trainingsplätzen sind top und ich habe das Gefühl, dass die Mannschaft schon auf einem guten Niveau ist. Wir arbeiten mit neuen Ansätzen im athletischen Bereich und ich glaube, wir haben nicht nur konditionell einen Schritt nach vorne gemacht. Ich bin bislang absolut positiv gestimmt! Aber wichtig ist natürlich, dass wir alles in der Rückrunde auf dem Platz umgesetzt bekommen.

herthabsc.de:
Jürgen Klinsmann bittet euch jeden Vormittag auf den Trainingsplatz, die Nachmittage habt ihr so manches Mal frei. Der Trainer möchte seine Spieler selbst in die Verantwortung nehmen. Wie findest du diesen Ansatz?

Klünter: Im Trainingslager bekommt man als Spieler schnell mal einen Lagerkoller, aber das fängt das Trainerteam gut ab. Wir haben relativ viele Freiheiten, können drumherum unser Ding machen. Der Ansatz des Trainers ist für mich neu, so habe ich das bislang noch nicht erlebt, aber er ist wirklich sehr angenehm. Vielleicht sind diese Freiheiten sogar der Schlüssel dazu, dass wir im Training so intensiv performen können. Denn so wollen wir dem Trainerteam etwas zurückgeben und zeigen, dass das Vertrauen in uns gerechtfertigt ist und wir verantwortungsbewusst damit umgehen. Das heißt, dass wir nach Trainingsende nicht direkt aus dem Hotel stürmen. Wir achten schon auf die nötige Regeneration und pflegen unsere Körper, damit das gute Gefühl in den Beinen und der Muskulatur anhält.

Gesagt...

"Vielleicht sind diese Freiheiten sogar der Schlüssel dazu, dass wir im Training so intensiv performen können. Wir wollen dem Trainerteam etwas zurückgeben."

Lukas Klünter

herthabsc.de: Nach einer schwierigen Hinrunde hat auch der Jahresabschluss bei allen Herthanerinnen und Herthanern für ein gutes Gefühl gesorgt. Persönlich lief die Hinrunde für dich mit 15 Pflichtspielen zufriedenstellend, als Mannschaft war es eine nicht optimale Berg- und Talfahrt. Welche Erkenntnisse ziehst du aus den vergangenen Monaten?
Klünter: Der Saisonstart mit dem Spiel gegen Bayern lief ganz gut für das Team und mich. Persönlich war es mein Ziel, an die Schlussphase der vergangenen Spielzeit anzuknüpfen. Das ist mir weitestgehend gelungen, ich hatte viel Einsatzzeit und habe das Vertrauen von Ante Covic gespürt. Aber als Mannschaft sind wir danach ein bisschen abgefallen, wir hatten uns das anders vorgestellt. Leider hat es Ende Oktober einen Knacks gegeben, der Verein musste dann mit dem Trainerwechsel reagieren. Das ist schade, aber so ist es im Fußball. Die letzten fünf Spiele im Jahr mit acht Punkten und drei Partien ohne Gegentor sollten uns positiv stimmen.

herthabsc.de:
Hat auch das neue Trainerteam für Aufbruchstimmung gesorgt?
Klünter: Natürlich spielen Jürgen Klinsmann und sein Team eine Rolle, das ist ganz klar, genau das habe ich in diesem Gespräch schon beschrieben. Wir sind als Mannschaft einen Schritt nach vorne gegangen. Aber nach dieser Phase, die nicht positiv für uns lief, hat man dennoch gesehen, dass es an uns Spielern liegt, den Schalter auf dem Platz umzulegen - mithilfe des Trainerteams, das gut harmoniert. Auch die Phase, in der es nicht gut lief, ist eine wichtige Erfahrung, denn wir haben gemerkt, dass wir uns aus ihr befreien können. Wir müssen in der Rückrunde an das Hinrundenende anknüpfen, um möglichst schnell unten rauskommen, denn sicher ist auch: Wir sind noch nicht aus dem Abstiegskampf heraus.

herthabsc.de: Coach Klinsmann hat in Orlando auch von 1a- und 1b-Positionen gesprochen und damit deutlich gemacht, dass jeder Spieler Flexibilität mitbringen muss. Taktisch äußert sich das in den Spielsystemen. Ihr habt sowohl das 3-5-2 als auch das 4-4-2 unter ihm gespielt. In welchem fühlst du dich wohler?
Klünter: Stimmt, wir haben zwei Mal mit Dreier- bzw. Fünferkette gespielt und drei Mal mit einer Viererkette. Als Außenbahnspieler habe ich im ersten System die ganze Seite für mich, mit Viererkette habe ich einen Spieler vor mir, den ich lenken kann und mit dem ich mich abwechseln kann. Mal rücke ich weiter nach vorne, mal er. Das gefällt mir persönlich ein bisschen besser und hat vielleicht auch einen Tacken besser geklappt. Aber wie der Trainer schon gesagt hat: Ich bin nicht spezifisch auf ein System eingestellt, schließlich passen wir unser Spiel auch immer wieder ein bisschen an. Und solange wir punkten, ist es sowieso egal, in welcher Formation wir auflaufen.

(fw/City-Press)

Profis, 11.02.2020
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