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1.000 Prozent Hertha BSC!

Pál Dárdai ist seit 1.000 Tagen als Cheftrainer im Amt. Seine Beziehung zum Hauptstadtclub geht aber viel tiefer. Ein Interview.

Berlin - Seit dem 5. Februar 2015 leitet Pál Dárdai die Geschicke der Profimannschaft von Hertha BSC. Am Mittwoch (01.11.17) ist der Ungar damit 1.000 Tage im Amt. Doch der 41-Jährige ist nicht nur der Übungsleiter mit der drittlängsten Dienstzeit, er ist viel mehr: Als Rekordspieler der Blau-Weißen mit 286 Bundesliga-Spielen und erfolgreicher Nachwuchstrainertrainer mehrerer Jugendmannschaften ist er Mr. 1.000 Prozent Hertha BSC.

Anlässlich des Jubiläums sprach herthabsc.de mit Pál Dárdai unter anderem über die Beziehung zum Hauptstadtclub, Trainervorbilder, die Entwicklung der Mannschaft und große blau-weiße Momente.

herthabsc.de: 1.000 Tage als Profi-Trainer bei Hertha BSC im Amt. Das klingt beeindruckend. War dir diese Zahl bewusst?
Pál Dárdai: Mich haben schon einige Journalisten darauf angesprochen und befragt. 1.000 Tage als Trainer - das sind offenbar viele in Deutschland nicht mehr gewöhnt (schmunzelt).

Gesagt...

"Was mich eher stolz macht, ist, dass wir hier seit längerer Zeit einen Prozess angeschoben haben."

Pál Dárdai

herthabsc.de: Ist das ein Meilenstein, der dich stolz macht?
Dárdai: Was mich eher stolz macht, ist, dass wir hier seit längerer Zeit einen Prozess angeschoben haben. Wir haben ein gutes Team zusammen - auf und neben dem Platz, machen mit Michael Preetz eine gute Transferpolitik. Das funktioniert bisher gut. Von Nello di Martino über die Fitnesstrainer bis hin zum Scouting - das sind schon große Veränderungen, wenn man das mit der Anfangszeit vergleicht.

herthabsc.de: Hättest du gedacht, irgendwann mal Trainer der Hertha-Profis zu werden?
Dárdai: Lucien Favre hat einmal zu mir gesagt: "Nicht, dass Sie gleich Cheftrainer werden. Fangen Sie im Nachwuchs an." Ich habe ihm geantwortet, dass ich gar nicht vorhätte, Cheftrainer zu werden. Er war sich aber sicher, dass das so kommen würde.

herthabsc.de: Offenbar kein ganz schlechter Rat für deine Trainerkarriere...
Dárdai: Die Zeit mit den Jugendmannschaften war eine gute. Wir sind Deutscher Meister mit der U17 geworden, ich war verantwortlich für die Mannschaften von der U9 bis zur U15 und auch mit dafür, was wir im Nachwuchs alles verändert haben. Mit der U15 haben wir für viele positive Schlagzeilen gesorgt. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Dass ich auch noch als ungarischer Nationaltrainer gearbeitet habe, hat mir viel Erfahrung eingebracht, was wohl auch das Management bei Hertha überzeugt hat, dass ich hier helfen kann. Dass ich die Unterstützung vom Manager und vom Präsidenten bekomme, macht meine Arbeit natürlich einfacher.

herthabsc.de: Übernommen hast du die Mannschaft im Kampf gegen den Abstieg...
Dárdai: Da war es sehr schwer, richtig Einfluss zu nehmen. Die Vorbereitung war schon lange vorbei, als ich die Mannschaft übernommen hatte. Es ist kaum möglich, gleich alles zu verändern: die Taktik, die Fitness, den Teamgeist. Man muss sehr schnell reagieren und dabei hat mir meine Zeit bei der Nationalmannschaft geholfen. Dort hatte ich auch kaum Zeit - da hatten wir auch immensen Druck, haben es aber geschafft, damit klar zu kommen. Ich genieße Drucksituationen ein bisschen und ich glaube, dass die Spieler das merken. Dadurch entwickelt sich Vertrauen. So habe ich es auch damals bei Hertha probiert und es hat sich ganz gut entwickelt.

Lieblingspose: Pál Dárdai (re.) jubelt mit Rainer Widmayer

herthabsc.de: Nach Platz 7 und 6 in den vergangenen Spielzeiten steht die Mannschaft nun vor der Herausforderung der Mehrfachbelastung. Was macht den Unterschied aus?
Dárdai: Im Moment hakt es, aber ich habe schon vorher gesagt: Wenn man zu jedem Spiel eine ganze Trainingswoche hat, um die Automatismen passend zum kommenden Gegner einzuüben, ist es einfacher. Diese Zeit haben wir jetzt nicht. Man muss mit der richtigen Erwartungshaltung an die Sache herangehen. Wer sich unrealistische Ziele setzt, wird am Ende enttäuscht...

herthabsc.de: In den vergangenen Wochen hat sich die Mannschaft zu selten für ihren Aufwand belohnt. Gegen den HSV hat das Team nach dem Pokalaus aber endlich wieder gewonnen...
Dárdai: Die vergangene Woche hat alles andere als Spaß gemacht, doch auch daraus nehmen wir Erkenntnisse und Erfahrungen für die Zukunft mit. Man muss trennen: Was ist Bundesliga? Was ist DFB-Pokal? Was ist Europa League? In der Liga liegen wir, was die Punkte angeht, im Plan. Es ist stark, wie die Mannschaft unter diesem Druck gegen den HSV funktioniert hat. Ich glaube, das wäre uns vor ein paar Jahren noch nicht gelungen.

herthabsc.de: Mehr als 20 Jahre bist du nun bei Hertha BSC. Trotz Angeboten anderer Vereine - Stichworte: Ulm und Bayern - bist du in Berlin geblieben. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?
Dárdai: Ich war bei der Anfrage von Ulm ein junger Spieler und unzufrieden mit meinen Einsatzzeiten. Als junger Spieler brauchst du Spielpraxis - das machen wir jetzt hier mit unseren Talenten genauso. Sie kommen in der U19, der U23 oder auch bei den Profis zum Einsatz. Jürgen Röber hat meinen Wechsel verhindert und es hat sich ausgezahlt. Beim Bayern-Angebot war es etwas anderes. Wir haben als Mannschaft gut gespielt - auch ich habe gute gespielt. Aber ich habe mich dann entschieden, zu bleiben, weil sich Hertha als Verein und wir als Mannschaft toll entwickelt haben. Ich wollte ein Teil davon sein.

herthabsc.de: In so vielen Jahren als Spieler hast du auch einige Trainer erlebt. Von wem hast du das meiste mitgenommen?
Dárdai: Ich habe von Hans Meyer sehr viel gelernt, was die Pädagogik angeht. Ich habe auch immer den holländischen Fußball geschätzt, was die Nachwuchsausbildung angeht - da hat der deutsche Fußball aber inzwischen mindestens nachgezogen. Deswegen habe ich auch von Erwin Koeman als ungarischem Nationaltrainer viel mitgenommen, genauso wie von Huub Stevens und Lucien Favre mit ihren taktischen Fähigkeiten.

herthabsc.de: Wieviel von diesen Erfahrungen sieht man auf dem Trainingsplatz?
Dárdai: Das sind alles meine Erfahrungen, die ich als Nachwuchstrainer gemacht habe - die ganze Trainingsarbeit funktioniert nur mit Rainer Widmayer und Admir Hamzagic. Ohne die beiden könnte ich meine Arbeit nicht machen. Dazu kommen noch Zsolt Petry als Torwarttrainer, unsere beiden Fitnesstrainer Henrik Kuchno und Hendrik Vieth. Wir harmonieren sehr gut als Team.

herthabsc.de: Hätte der Trainer Pál Dárdai gerne den Spieler Pál Dárdai in seiner Mannschaft?
Dárdai: Ich war nie das größte Talent. Ich war aber ballsicher, hatte eine gute Übersicht, einen guten Schuss und großen Willen. Ich konnte die Mannschaft auch auf dem Feld organisieren und Ordnung schaffen. Unter jedem Trainer habe ich am Anfang kaum gespielt, nach fünf Spieltagen war ich dann wieder in der Mannchaft und nach einem halben Jahr haben mich die Trainer gefragt: Pál, wie machen wir das heute? Aus diesen Gesprächen habe ich sehr viel gelernt. Für solche Spieler, wäre immer Platz. Per Skjelbred ist zum Beispiel auch so einer (schmunzelt).

herthabsc.de: Hattest du als Spieler ein Vorbild?
Dárdai: Mein Idol war immer mein Vater. Ich hatte früher über meinem Schreibtisch drei Fotos hängen: Lothar Matthäus in seiner Zeit bei Bayern München, Pelé, der schon in jungen Jahren eine unglaubliche Athletik besessen hat und Maradona. Darüber hing ein Poster von meinem Vater, der in Ungarn in der ersten Liga gespielt hat. Er war mein Vorbild, weil er als Sportler immer ein Gewinnertyp war.

herthabsc.de: Und unter den Hertha-Spielern?
Dárdai: Der größte Herthaner für mich ist ganz klar Ete Beer. Ich habe ihn nicht gekannt - in Ungarn kannte ich bei Hertha nur Zoltan Varga -, aber ich habe viel über ihn gelesen. Was er in seiner Zeit bei Hertha geleistet hat, war unglaublich. Und er trug auch die 8.

herthabsc.de: Du hast sowohl als Spieler als auch als Trainer einiges bei Hertha erlebt. Welcher dieser Momente war dein größter Hertha-Moment?
Dárdai: Für mich war das Spiel gegen Mailand in der Champions League der bisher größte Moment. Das war etwas ganz besonderes - wir haben gegen eine europäische Spitzenmannschaft gewonnen. Ok, ich habe mich auch in dem Spiel verletzt, musste operiert werden und bin sieben Monate ausgefallen, aber das war schon ein sensationelles Spiel.

herthabsc.de: Und welcher könnte es in der Zukunft sein? Das DFB-Pokal-Finale?
Dárdai: Ja, und es ärgert mich sehr, dass wir nicht mehr dabei sind, wenn ich sehe, dass Bayern und Dortmund in der nächsten Runde gegeneinander spielen. Aber jetzt lässt es sich nicht mehr ändern, wir müssen unser Aus akzeptieren. Und es nächstes Jahr wieder versuchen.

herthabsc.de: Welche Wünsche und Hoffnungen hast du für die nächsten 1.000 Tage?
Dárdai: Ich wünsche mir Stabilität für Hertha BSC und dass alle gesund bleiben.

(war/City-Press)

Profis, 05.11.2018
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