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"Als kleiner Junge von solchen Momenten geträumt"

Vor dem Heimspiel gegen Freiburg am Sonntag spricht Vedad Ibišević im Interview über die "tolle Atmosphäre" im Olympiastadion, bescheidene Erwartungshaltungen und die Unberechenbarkeit des Fußballgeschäfts.

Berlin - Der Mann ist ein Phänomen: Im Sommer feierte Vedad Ibišević in Schladming seinen 34. Ehrentag. Von Michael Preetz wurde er wenige Wochen später liebevoll als einer der 'Großväter' im Team von Hertha BSC getauft. Seither stellt der Bosnier eindrucksvoll unter Beweis, dass er ein ziemlich formstarker Großvater ist. Gegen den FC Bayern versenkte der Kapitän den Strafstoß zum wegweisenden 1:0 - mit der Eiseskälte eines Auftragskillers. Es folgte der leichtfüßige Sprung über die Werbebande und der ausgelassene Jubel mit Fans und Mitspielern.

Für die Dárdai-Elf ist der Routinier vielleicht so wichtig wie noch nie zuvor. Wussten die Herthaner vor dem Saisonstart doch selbst nicht so recht, wohin die Reise denn gehen wird. Doch nun findet sich die 'Alte Dame' nach sieben Spieltagen im oberen Tabellendrittel wieder, nicht zuletzt auch dank der vier Liga-Treffer von Ibišević. Mit herthabsc.de sprach der 'Vedator' vor dem Aufeinandertreffen mit dem Sport-Club Freiburg über die "tolle Atmosphäre" im Olympiastadion, bescheidene Erwartungshaltungen und die Unberechenbarkeit des Fußballgeschäfts.

herthabsc.de: Glaubst du an Zufälle, Vedad?
Ibišević: (überlegt) Langfristig? Nein.

herthabsc.de: Saisonübergreifend hast du nämlich in der Bundesliga seit fast einem Jahr nicht mehr in der Fremde getroffen. Deine letzten sechs Bundesliga-Tore fielen ausschließlich im heimischen Olympiastadion. Im altehrwürdigen Rund scheint dein Torriecher also besonders gut zu funktionieren... 

Ibišević: Ist doch geil!

herthabsc.de: … zum Jubeln zieht es dich dann oftmals in Richtung Ostkurve – zuletzt auch wieder nach deinem Führungstreffer gegen die Bayern. Was ist das für ein Gefühl, vor der Kurve und mit den eigenen Fans zu feiern?

Ibišević: Das ist einfach ein geiles Gefühl. Als kleiner Junge habe ich immer von solchen Momenten geträumt. Ich weiß nicht, ob die Jungs heute auch noch solche Träume haben - die Zeiten haben sich geändert. Aber es war immer mein Traum, Fußballer zu werden und mit den Fans zu jubeln: Für mich hängt das miteinander zusammen. Wir haben in unserem Stadion eine so tolle Atmosphäre, der Weg in die Ostkurve macht immer Spaß. Und deswegen habe ich absolut kein Problem damit, das immer mal wieder zu machen.

Vedad Ibišević auf dem Weg in die Ostkurve: Für den Bosnier "ein geiles Gefühl".

herthabsc.de: Im Trainingslager in Schladming meinte dein Kumpel Salomon Kalou: "Ich bin wie guter Wein: Mit zunehmendem Alter werde ich immer besser." Inwiefern trifft das auch auf dich zu?
Ibišević: Im Nachhinein ist es natürlich immer leicht, solche Sprüche zu machen. (schmunzelt) Fakt ist aber nun mal, dass wir älter werden und dass wir jeden Tag kämpfen müssen, um fit zu bleiben. Gleichzeitig haben wir eben auch die Erfahrung, die man nicht trainieren kann.

herthabsc.de: Dabei bist du aktuell auf gutem Wege, seit deiner Ankunft in der Hauptstadt vor mittlerweile über drei Jahren deine beste Spielzeit mit der Fahne auf der Brust abzuliefern. Nach der Saison 2016/17 standen zwölf Tore und sechs Vorlagen in deiner Bilanz. Wie viel hast du noch im Tank?
Ibišević: Es ist gar nicht mal mein vorrangiges Ziel, noch mehr Tore zu schießen als vor zwei Jahren. Solche Zielvorgaben habe ich mir in meiner gesamten Karriere auch noch nie gesetzt. Ich weiß nämlich, wie unberechenbar und unplanbar der Fußball ist.

herthabsc.de: Am Ende der besagten Saison habt ihr euch für die UEFA Europa League qualifiziert. Was ist dieses Jahr möglich?
Ibišević: Wir sind gut beraten, uns so früh in der Saison noch nicht so viele Gedanken darüber zu machen, wo wir am Ende stehen könnten. Seitdem ich bei Hertha bin, waren wir schon zwei Mal in der Situation, dass wir eine überragende Hinrunde gespielt haben und im Winter sogar noch besser dastanden, als es aktuell der Fall ist. Und trotzdem konnten wir das nicht bis zum Schluss durchziehen. Es gibt immer noch eine Rückrunde zu spielen und es geht einfach für eine Reihe von Teams um so viel.

Gesagt...

"Der Junge hat einfach viel Potenzial und Qualität - das hat man direkt gesehen."

Vedad Ibišević über Javairô Dilrosun

herthabsc.de: Die allerwenigsten hätten wohl vor der Saison einen so starken Start von euch als Team, aber gerade auch von dir persönlich, prophezeit. Was zeichnet eure Mannschaft aus?

Ibišević: Im Sommer haben wir ohne Frage ein paar junge Spieler mit Qualität dazubekommen, die teilweise direkt den Durchbruch geschafft haben. Vor der Saison wussten wir als Mannschaft aber selbst nicht mal so recht, wo wir stehen und hatten vielleicht sogar ein Stück weit Angst davor, schlecht in die neue Saison zu starten. Dadurch sind wir als Team umso näher zusammengerückt - rückblickend hat uns diese Erfahrung auf jeden Fall geholfen.

herthabsc.de: Vor der Saison sagtest du, dass es vorher immer schwer einzuschätzen sei, wie stark ein Kader ist und dass es umso unberechenbarer sei, wenn man - wie ihr - viele junge Kicker im Aufgebot hat. Du sagtest außerdem, dass man von jungen Spielern nicht erwarten könne, dass sie direkt einen Rieseneinfluss haben werden. Wie sehr hat dich in den ersten Monaten der Saison nun beeindruckt, wie befreit und mutig Jungs wie Javairô Dilrosun aufgespielt haben? Bevor er nach Berlin kam…

Ibišević: (unterbricht) Bei Jeff hat man im Training sofort gesehen, was er draufhat. Dass er das dann auf Anhieb auch in der Bundesliga zeigen und umsetzen kann, war so nicht unbedingt zu erwarten. Der Junge hat aber einfach viel Potenzial und Qualität - das hat man direkt gesehen. Man muss aber auch sagen - und das gilt genauso natürlich auch für unsere anderen jungen Spieler -, dass man nicht erwarten kann, dass sie die komplette Saison so durchziehen. Da werden noch Leistungstiefs kommen, die wir als Team auffangen müssen.

herthabsc.de: Mal sehen, ob du dich auch im gehobenen Fußballer-Alter noch auf dein Gedächtnis verlassen kannst: Welche Erinnerungen hast du an den 10. November 2013?

Ibišević: (denkt lange nach) Habe ich da eine Rote Karte bekommen? (lacht) Nein, keine Ahnung…

herthabsc.de: Das war der Tag, an dem du zuletzt gegen den Sport-Club Freiburg geknipst hast – damals noch für den VfB Stuttgart. Im Trikot von Hertha BSC hast du hingegen noch nie gegen die Breisgauer getroffen.
Ibišević: Ich hoffe, dass sich das am Sonntag (21.10.18, 15:30 Uhr) ändern wird! Diese Statistik spricht aber auch dafür, dass Freiburg keine angenehme Mannschaft ist. Sie sind schwierig zu bespielen. Wir müssen einfach zusehen, dass wir sie schlagen - egal, wer ins Tor trifft. Jetzt weiß ich aber, was zu tun ist! (lacht)

(af/City-Press,imago)

Profis, 05.11.2018
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