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"Hertha wird immer einen speziellen Platz haben"

Nach zwölf Jahren bei Hertha BSC sagt Fabian Lustenberger 'Tschau'. Im zweiten Teil seines letzten großen Interviews spricht er über Wehmut beim Abschied, Ziele bei seinem neuen Verein und Pläne nach der Karriere.

Berlin - Im Sportjournalismus werden so manche Formulierungen beinahe schon inflationär benutzt. Im Fall von Fabian Lustenberger hat eine von ihnen jedoch zweifelsohne ihre Berechtigung: Nach zwölf Jahren und über 300 Pflichtspielen geht nach dem letzten Spieltag der Saison 2018/19 die Ära Lustenberger bei Hertha BSC zu Ende. Am Samstag im Spiel gegen Bayer Leverkusen (18.05.19, 15:30 Uhr) wird der Schweizer seine Fußballschuhe ein letztes Mal für den Hauptstadtclub schnüren. Für den Verein, bei dem er fast seine gesamte Karriere verbracht hat. Für den Verein, mit dem er im Europapokal spielte, aber auch zwei Mal aus der Bundesliga abstieg. Für den Verein, bei dem er ein halbes Dutzend Trainer erlebte. Für den Verein, für den er noch deutlich häufiger gespielt hätte, wenn ihn nicht die eine oder andere Verletzung zu längeren Pausen gezwungen hätte.

Als Lustenberger 2007 auf Wunsch von Ex-Coach Lucien Favre zu den Blau-Weißen kam, sahen in ihm viele nur den blonden, lockenköpfigen Lausbuben aus der Schweiz. Nur mal so zur Einordnung: Damals war sein aktueller Trainer Pál Dárdai noch sein Mitspieler, Salomon Kalou hatte sich in seiner Debütsaison erste Sporen beim Chelsea FC verdient und Arne Maier stand als Achtjähriger kurz vor dem Sprung in den Nachwuchs der Hauptstädter. Nun, zwölf Jahre später, wird ein Führungsspieler, der immer da war und sein letztes Hemd für seinen Verein gab, eine Identifikationsfigur, die für Fans immer nahbar geblieben ist, kurzum ein echter Herthaner, seiner Wahlheimat den Rücken kehren - natürlich im Guten. "Ich bin Herthaner und werde immer Herthaner bleiben" hatte die Nummer 28, hatte der "Fußballgott" Anfang des Jahres erklärt, nachdem sein Entschluss feststand. Die Gründe für diesen sind nachvollziehbar, schließlich lebt seine Frau mit den drei Kindern bereits seit 2017 in der Schweiz in der Nähe von Luzern. Dorthin, genauer gesagt zum Schweizer Meister BSC Young Boys, wird es Lustenberger in der kommenden Spielzeit verschlagen. Wenige Tage vor seinem letzten Pflichtspiel hat sich Lustenberger in einem Gespräch von den Medienvertretern, die er mit Currywurst und Brezeln überraschte, verabschiedet und mit herthabsc.de gesprochen. Teil 2 seines Abschiedsinterviews.

Fabian Lustenberger über…

… seine Gedanken in diesen Tagen: Ein bisschen wehmütig werde ich schon, wenn ich nach dem Training Abschiedsgeschenke von den Fans bekomme oder Abschiedsfotos machen muss. Dann realisiere ich, dass die Zeit bei Hertha BSC bald vorbei ist. Wirklich begreifen werde ich es vermutlich aber erst, wenn ich in der Schweiz bin und keinen Flug mehr nach Berlin buchen muss und wenn dort die Vorbereitung angefangen hat. Aber gleichzeitig freut es mich auch, dass die Fans mir solche Geschenke machen, denn das zeigt, dass sie mich schätzen.

… Dinge und Abläufe, die ihm fehlen werden: Was mir fehlen wird, weiß ich noch nicht, das wird sich zeigen. Fußball spiele ich schließlich weiter, den werde ich also nicht vermissen. Vermutlich wird mir das ganze Drumherum hier fehlen. Wahrscheinlich wird mir Berlin fehlen. Diese Stadt hat so viel zu bieten, hier kann man unheimlich spontan sein. Das ist in der Schweiz ein wenig anders. In einem halben Jahr kann ich mehr dazu erzählen. Aktuell freue ich mich aber eher auf die neue Herausforderung beim BSC Young Boys und auf die Rückkehr in meine Heimat.

… seine Ziele beim neuen Verein: Wenn man als langjähriger Bundesliga-Spieler in die Schweiz wechselt, hat man ein Standing. Diesem möchte ich gerecht werden. Ich glaube, der Schritt kommt nun im richtigen Moment. Es ist schöner jetzt zu gehen, wenn es sportlich gut läuft und ich der Mannschaft helfen kann, als wenn ich keine Rolle mehr spielen würde. Und man weiß nie, wann das der Fall sein könnte. Die Leute sehen, dass ich in jeder Phase in den zwölf Jahren immer alles gegeben habe, auch in meiner letzten Saison. Sportlich und menschlich ist es nun an der Zeit. Bei den Young Boys bin ich als Innenverteidiger eingeplant. Als Schweizer Meister treten wir in der Champions-League-Qualifikation an. Es wäre natürlich noch ein großes Highlight, in der Königsklasse zu spielen. Schade ist, dass Steve von Bergen aufhört. Er hätte mir am Anfang sicher dabei geholfen, dass ich mich schnell zurecht finde. Aber für ihn ist es auch ein guter Schritt, nach zwei Meisterschaften als Kapitän seine Karriere zu beenden.

… sein letztes Pflichtspiel am Samstag (18.05.19, 15:30 Uhr) gegen Bayer 04 Leverkusen: Wir werden sehen, was am Samstag passiert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was mich erwartet. Ich weiß nur, dass der Verein mich vor dem Spiel verabschieden wird. Ich lasse mich überraschen. Aber es ist schon so, dass ich mir meine Gedanken mache. Das wird sicher ein spezieller Moment. Ich werde mit meinen Söhnen einlaufen, das wird sehr emotional. Wie emotional, das werde ich dann spüren und mich treiben lassen.

Gesagt...

"Ich habe so viele Erfahrungen gesammelt, die ich gerne weitergeben würde. Ich werde sicher den Trainerschein machen; ob ich wirklich Coach werde, weiß ich noch nicht."

Fabian Lustenberger

… zwölf Jahre Hertha BSC: Das ist eine so lange Zeit, über die ich hier gar nicht ausführlich genug berichten kann. Es war auf jeden Fall eine supertolle Zeit, an die ich immer gerne denken werde. So lange für einen Verein zu spielen, das kommt nur zustande, wenn es mit dem Club und der sportlichen Entwicklung passt. Und das kommt nur zu Stande, wenn es auch privat passt. Das war bei mir der Fall. Es könnte auch noch länger passen, aber meine familiäre Situation hat sich durch den Umzug meiner Familie verändert. Zwölf Jahre - um so lange für einen Verein zu spielen, gehört Loyalität, aber auch das richtige Gefühl und Empfinden dazu. Ich bin sehr froh, diese Zeit gehabt zu haben.

… die Zukunft von Hertha BSC: Wir… (bricht ab und führt fort)… ich muss ja bald die sagen (lacht). Ich denke, dass Hertha gut aufgestellt ist für die Zukunft. Ich bin gespannt, wie die Mannschaft in der neuen Saison aussieht, wer kommt und ob noch wer geht. Mit dem Charakter der Mannschaft ist der Verein gut aufgestellt. Aus der Schweiz werde ich auf jeden Fall die Daumen drücken. Ante Čović kenne ich ganz gut, er hat in der U23 sehr gute Arbeit geleistet. Ich traue ihm zu, die Mannschaft ab Sommer weiterzuentwickeln. Ich wünsche ihm auf jeden Fall einen guten Start!

… sein Leben nach der Karriere: Ich weiß nicht, was in vier oder fünf Jahren sein wird. Aktuell ist mein körperlicher Aufwand, mich zu Topleistungen zu quälen, noch im Rahmen. Einzig die Regeneration nach den Spielen dauert etwas länger. Nach meiner Karriere gehe ich davon aus, dass ich dem Fußball erhalten bleibe. Ich habe in meiner ganzen Laufbahn so viele Erfahrungen gesammelt, die ich gerne weitergeben würde. Ich werde auf jeden Fall den Trainerschein machen; ob ich wirklich Chefcoach werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht arbeite ich auch im Jugendbereich. Ob ich irgendwann, in zehn Jahren oder so, zu Hertha zurückkehre? Theoretisch kann ich mir das vorstellen. Hertha wird immer einen speziellen Platz bei mir haben.

(fw,HerthaBSC/City-Press)

Profis, 16.05.2019
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