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(Fast) Wie ein gefühlter Sieg

Mit viel Kampf, Leidenschaft und einer starken Mannschaftsleistung entführte Hertha BSC einen Zähler aus München. Es ist der erste Punktgewinn beim FC Bayern seit 2004.

Berlin - Pál Dárdai atmete einmal tief durch, als Schiedsrichter Guido Winkmann um 17:21 Uhr die Pfeife in den Mund nahm und das Spiel von Hertha BSC bei Bayern München abpfiff. Binnen Sekunden entspannten sich die Gesichtszüge des Trainers, die Anspannung wich einem breiten Grinsen. Dann flachste er mit Davie Selke, klatsche mit den Herthanern auf der Bank ab und schritt auf den Rasen der Münchner Arena, um seinen Schützlingen zum Unentschieden zu gratulieren. "Hier einen Punkt mitzunehmen ist eine großartige Sache. Ich kann meiner Mannschaft nur ein Kompliment für die Leistung machen", sagte der Coach wenig später auf der Pressekonferenz.

Gesagt...

"Nach zehn Jahren bei Hertha ist das mein erster Punkt in München."

Fabian Lustenberger

Zufriedenheit - und durchaus auch ein wenig Stolz - waren Dárdai bei diesen Worten anzumerken. Nach der enttäuschenden Darbietung gegen Mainz in der Vorwoche zeigte seine Elf die geforderte Reaktion. "Wir haben als Team richtig gut dagegengehalten, haben die Sache ordentlich gemacht, auch wenn man gegen Bayern nicht jede Chance verhindern kann", sagte Marvin Plattenhardt. Der Linksverteidiger und seine Kollegen hatten in der Tat alle Hände voll zu tun, die beste Offensive der Liga in Schach zu halten. Über weite Strecken der Partie gelang das - und wenn mal  ein Münchner durchkam, hatten die Hauptstädter das nötige Glück auf ihrer Seite. Auch weil Jordan Torunarigha in den ersten 20 Minuten gleich zweimal hellwach war und vor der Linie klärte.

Die Berliner Mauer hielt stand

Mal stoppte Torunarigha einen Bayern, mal einer seiner Mitspieler, mal Torwart Rune Jarstein. Der Norweger entschied bei eisiger Kälte das kleine Privatduell mit Top-Torjäger Robert Lewandowski für sich: "Es hat sich viel rund um unseren Sechzehner abgespielt", kommentierte der Schlussmann das Spielgeschehen in skandinavischer Manier. Zwar hatte der Rekordmeister, dem die sechste Meisterschaft in Serie eigentlich nicht mehr zu nehmen ist, knapp 75 Prozent Ballbesitz. Doch die Herthaner stemmten sich aggressiv, leidenschaftlich und aufopferungsvoll gegen die Angriffsbemühungen des Gegners. Dabei nahmen sie keine Rücksicht auf Verluste - wie etwa Fabian Lustenberger. "Ich habe Schmerzen in der Nase, ich glaube, sie ist gebrochen", sagte der Schweizer nach der Partie. Dennoch überwog auch beim Mittelfeldspieler das positive Gefühl, etwas geschafft zu haben, was ihm vorher noch nie geglückt war. "Nach zehn Jahren bei Hertha ist das mein erster Punkt in München", freute er sich. Vladimir Darida bekam einen Schlag auf den Fuß und klagte über Probleme am Zehnagel.

Lustenbergers Premire zeigt, dass es alles andere als selbstverständlich ist, einen Zähler beim Ligaprimus zu entführen. Das belegen auch noch weitere eindrucksvolle Fakten. Für die Blau-Weißen ist es der erste Punktgewinn in der bayrischen Landeshauptstadt seit 2004 - also auch der erste für den Trainer Dárdai. Außerdem war es erst der zweite Punktverlust der Münchner in dieser Saison vor heimischem Publikum, erstmals blieben sie seit 2015 zu Hause ohne Tor. Der Gastgeber, der obendrauf seinen 15. Pflichtspielsieg in Folge verpasste, kam das erste Mal seit 2012 nicht über ein torloses Remis hinaus. Und: Hertha BSC ist nun das dritte Mal hintereinander gegen den amtierenden Meister unbesiegt - das kann kein anderes Bundesliga-Team von sich behaupten. Damit nicht genug: Die Blau-Weißen blieben erstmals drei Liga-Auswärtsspiele ohne Gegentor. Ein Novum!

Für den ganz großen Coup - dem ersten Auswärtssieg in München seit 1977 - hat es zwar nicht gereicht. "Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann dass wir unsere Konter nicht zu Ende gespielt haben und den Bayern so nicht richtig wehtun konnten", sagte Dárdai. Doch das Grinsen des Trainers nach Schlusspfiff verriet, dass ihm das in diesem Moment eigentlich herzlich egal war.

(fw/City-Press)

Profis, 05.11.2018
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