Bild: citypress

Aufwand ohne Ertrag

Hertha BSC unterliegt dem VfB Stuttgart, trotz mehr Ballbesitz und mehr Torabschlüssen. Trainer Bruno Labbadia bemängelt ein statisches Spiel mit zu vielen Fehlern im Aufbau.

Berlin - Ein Blick in das Gesicht von Bruno Labbadia nach Schlusspfiff reichte aus, um seine Enttäuschung zu erkennen. Ein Gefühl, das ihm niemand verübeln konnte und wollte - schon gar nicht als Fan des Hauptstadtclubs. Statt des anvisierten zweiten Saisonsiegs standen die Herthaner am frühen Samstagabend (17.10.20) mit leeren Händen da. Nach 90 Minuten leuchtete gegen den VfB Stuttgart eine 0:2-Niederlage auf der Anzeigetafel. "Wir haben uns das komplett anders vorgestellt“, eröffnete der Trainer mit etwas Abstand sein Statement auf der (digitalen) Pressekonferenz. "Das war eine viel zu billige Niederlage, ohne die Leistung des VfB abschwächen zu wollen."

Dabei waren die Blau-Weißen mit viel Schwung in die Partie gestartet, die 4.000 Zuschauerinnen und Zuschauer im Olympiastadion honorierten zu Spielbeginn so manche Aktion mit Szenenapplaus. "Ich hatte in den ersten Minuten ein gutes Gefühl", schilderte Vladimir Darida sein Empfinden. Doch dann zeigte sich der Aufsteiger, der zuletzt schon Bayer Leverkusen geärgert hatte, nach einem Freistoß aus dem Halbfeld effektiv: Marc Oliver Kempf überwand den chancenlosen Alexander Schwolow mit dem Kopf (9.). Die 'Alte Dame' war zwar um eine schnelle Antwort bemüht, der frühe Nackenschlag hinterließ allerdings Wirkung. "Wir haben nach dem Standardgegentor ein wenig den Faden verloren", räumte auch Maximilian Mittelstädt ein, der auf der halblinken, zentralen Position im Mittelfeld agierte. "Nach der ersten Aktion gegen uns haben wir die Linie verloren. Das 0:1 haben wir viel zu einfach kassiert. Genau so eine Szene wie beim Gegentreffer haben wir noch in der Videoanalyse gezeigt und trotzdem steht Kempf nach einem kleinen Schubser blank gegen drei Mann. Da waren wir viel zu unaufmerksam", ärgerte sich Labbadia über das Abwehrverhalten seiner Mannschaft, die in dieser Saison das fünfte Tor nach ruhendem Ball schlucken musste.

Kein Anschlusstreffer trotz mehr Abschlüssen

Die verletzungsbedingte Auswechslung von Peter Pekarik (21.), der nach einem Luftduell unsanft auf der Hüfte gelandet war, trug nicht unbedingt zu mehr Ruhe im Spiel der Hausherren bei. Den Gästen reichte es in dieser Phase, kompakt zu stehen. Erst gegen Ende der ersten Hälfte zeigten sich die Spreeathener wieder vor dem gegnerischen Gehäuse, nur nicht zwingend genug. Zu oft war das Aufbauspiel unsauber. "Wir waren im letzten Drittel zu ungenau, sind oft vor das Tor gekommen, waren dabei aber nicht konsequent genug", fasste es Mittelstädt treffend zusammen.

Gesagt...

"Wir haben sehr statisch gespielt, zu oft falsche Entscheidungen getroffen und unsere Positionen nicht eingehalten"

Bruno Labbadia

Nachdem die Elf von Trainer Pellegrino Matarazzo in Person von Sasa Kalajdzic (47.) nach Patzer von Kapitän Dedryck Boyata das 2:0 verpasste, übernahm die blau-weiße Mannschaft das Kommando. Jhon Córdoba und Matheus Cunha verpassten mit einer Doppelmöglichkeit den Ausgleich, der in dieser Phase allemal möglich gewesen wäre. Lucas Toussart, der immer wieder als Antreiber auffiel, attestierte seinem Team eine Leistungssteigerung. "Unsere zweite Hälfte war besser", sagte der Franzose hinterher, der nach etwas mehr als einer Stunde den Ball nicht richtig erwischte (63.). Schon zuvor hatte Boyata das Spielgerät neben den Kasten geköpft (58.). "Wir hätten den Ausgleich machen müssen", haderte Mittelstädt. Stattdessen kam es so, wie es kommen musste: Gonzalo Castro stibitzte den Ball von Deyovaisio Zeefuik, kombinierte sich durch und überwand Schwolow ansatzlos mit einem Distanzschuss (68.) - mitten rein in die Hoffnung der Blau-Weißen. "Vor dem Gegentor haben wir den Ball sehr einfach verloren, hätten die Situation dennoch klären können. Doch statt aus der Kette rauszugehen, schauen wir nur zu", analysierte Labbadia die zweite kalte Dusche.

Selbstkritik statt Ausreden

Wie dem auch sei: Unterm Strich hat es nichts gebracht, dass die Herthaner mehr Ballbesitz hatten und mehr als doppelt so viele Abschlüsse verzeichneten, die drei Punkte entführte der VfB zum ersten Mal seit 2013 wieder aus der Hauptstadt. Die Spreeathener mussten zudem auch die Verletzung des zweiten Rechtsverteidigers beklagen. Kurz vor Ende musste Zeefuik mit muskulären Problemen wieder vom Feld. Die holprige Spielvorbereitung durch das Fehlen zahlreicher Nationalspieler inklusive Corona-Erkrankung von Mattéo Guendouzi wollten die Berliner derweil nicht als Entschuldigung gelten lassen. "Wir konnten uns nicht hundertprozentig auf diese Partie vorbereiten, aber das darf keine Ausrede sein. Wir hätten trotzdem eine bessere Leistung zeigen müssen", zeigte sich Mittelstädt selbstkritisch. "Es ist ein Teil, der zur Niederlage beigetragen hat, aber wir wussten, dass es nach dem Spiel niemanden jucken würde. Unabhängig davon, haben wir sehr statisch gespielt, zu oft falsche Entscheidungen getroffen und unsere Positionen nicht eingehalten. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Mannschaft auf dem Platz mehr miteinander kommuniziert", befand Labbadia, ehe er das Podium im Presseraum des Olympiastadions verließ.

Viel versucht, viel probiert - doch am Ende ein gebrauchter Fußballnachmittag, den die Herthaner möglichst schnell aufarbeiten und abhaken müssen, denn am kommendem Samstag (24.10.20, 15:30 Uhr) wartet die schwierige Aufgabe bei Tabellenführer Leipzig.

(fw/City-Press)

Profis, 19.10.2020
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