Bild: Citypress

XXL-Nackenschlag

Die Herthaner bewiesen in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals nach Rückschlägen zwar eine Menge Moral, mussten sich aber nach einer aufreibenden Partie effektiven Braunschweigern geschlagen geben.

Braunschweig/Berlin - Nach dem Abpfiff stellten sich das gesamte Team von Eintracht Braunschweig auf dem Grün nebeneinander auf, um eine lange Reihe zu bilden. Vor der mit rund 500 Zuschauerinnen und Zuschauern gefüllten Haupttribüne ließen sich Spieler und Staff mit einer 'La-Ola-Welle' von ihrem eigenen Anhang feiern. Auf der anderen Seite schlichen die erstmals im neuen roten Ausweichtrikot gekleideten Herthaner mit hängenden Köpfen schnellen Schrittes über die gegenüberliegende Tribüne vom Platz. So ausgiebig die Niedersachsen den Pokalerfolg in der 1. Hauptrunde feierten, desto schneller wollten die Schützlinge von Trainer Bruno Labbadia nach der 4:5 (2:3)-Niederlage am Freitagabend (11.09.20) einfach nur noch weg. "Wir sind enttäuscht und das tut richtig weh. Das ist eine brutal bittere Niederlage", schilderte der Coach nach Schlusspfiff seine Gefühlslage gegenüber den TV-Mikrofonen.

Gesagt...

"Wir haben uns selbst geschlagen! Wir konnten die ganzen individuellen Fehler nicht auffangen."

Bruno Labbadia

Ein Auf und Ab: 2:2 nach 0:2, 3:3 nach 2:3

Es war nicht der erhoffte Ausgang des Pflichtspielstarts 2020/21, den sich alle Herthanerinnen und Herthaner von diesem Gastspiel in Niedersachsen gewünscht hatten. Dabei startete der Pokalabend so, wie er knapp zwei Stunden später endete: Mit einer Enttäuschung. Bereits nach 63 Sekunden gelang dem Zweitliga-Aufsteiger durch einen direkt verwandelten Freistoß von Martin Kobylanski die Führung (2.) - zuvor verursachte Karim Rekik ein vermeidbares Foul. Zwar kamen die Hauptstädter - abgesehen von diesem frühen Nackenschlag - gut in die Partie und verbuchten durch Maximilian Mittelstädt (5.), Matheus Cunha (13.) und Mathew Leckie (14.) die ersten Abschlüsse, doch der zweite Nackenschlag folgte prompt. Nach einer Ecke der Hausherren nickte Mittelstädt, den Braunschweigs Jannis Nikolaou zuvor angeköpft hatte, das Spielgerät unfreiwillig in die eigenen Maschen. 0:2 nach 17 Minuten, ein Start zum Vergessen.

Doch die 'Alte Dame' schüttelte sich nach dieser verpatzten Anfangsphase und kam binnen sechs Minuten durch einen Kopfballtreffer von Dodi Lukébakio (23.) und einem Flachschuss von Cunha nach herrlicher Leckie-Vorarbeit (29.) zum umjubelten 2:2-Ausgleich. In Folge beruhigte sich diese rasante Partie etwas, den Spreeathenern war der Wille auf die Pausenführung anzumerken. Allerdings bestraften sich die Blau-Weißen an diesem Abend bei aller Offensivpower und Torgefährlichkeit durch fahrlässige Defensivarbeit selbst. Rekik und Leckie stoppten Ben Balla am Strafraumeck unnötigerweise mit einem Foul. Für dieses regelwidrige Einsteigen gab es 120 Sekunden vor dem Halbzeitpfiff einen Elfmeter für die Hausherren - und Nackenschlag Nummer 3 folgte. Zwar parierte Alexander Schwolow den Versuch von Kobylanski, doch der Kapitän stocherte den Abpraller zum 3:2 über die Linie (44.). "Wir haben uns selbst geschlagen! Wir konnten die ganzen individuellen Fehler, die wir in der Defensive gemacht haben, nicht auffangen", verschwieg auch Labbadia die wackelige Abwehrarbeit an diesem Abend nicht. "Umso ärgerlicher, denn wir können den Gegner gar nicht mehr bespielen, als wir es getan haben - auch von den Torchancen her, die wir uns rausgespielt haben!"

Gesehen...
Rubrik 11.09.2020
Eintracht Braunschweig - Hertha BSC

Klare Verhältnisse in den Statistiken

Diese vom Berliner Fußballlehrer angesprochenen Torchancen gab es auch im zweiten Abschnitt in Hülle und Fülle. Insgesamt verbuchte der Hauptstadtclub 25 Torschüsse (Braunschweig nur zehn), spielte 549 Pässe (299), schlug zehn Ecken (3) und besaß 65 Prozent an Ballbesitz (35). Doch obwohl das Statistikpendel klar in die Richtung der Gäste schwang, präsentierte sich der Zweitligist kaltschnäuzig vor dem von Schwolow gehüteten Kasten. Zwar erzielte Peter Pekarík nach schöner Cunha-Vorlage das 3:3 und stellte somit den erneuten Ausgleich her (65.), doch die Niedersachsen erzielten zwei Minuten später durch Kobylanskis dritten Treffer erneut die Führung (67.). Dieser vierte Nackenschlag zeigte erstmals Wirkung. Kamen die Herthaner nach dem 0:2 und 2:3 noch entscheidend zurück, mussten sie nach dem 3:4 auch noch das 3:5 durch Ben Balla hinnehmen (76.). Lukébakio betrieb mit seiner zweiten 'Bude' noch Ergebniskosmetik, konnte das Ausscheiden in der ersten Runde aber auch nicht mehr verhindern. "Es war ein Albtraum-Spiel. Es lief echt alles schief, was schieflaufen konnte. Es war furchtbar, eine Katastrophe", ließ Torwart Alexander Schwolow seinem Frust nach dem Pflichtspieldebüt freien Lauf (Reaktionen).

"Das ist schwierig zu erklären."

Diese Enttäuschung und der Ärger über die eigenen Fehler war auch seinem Coach anzumerken. "Unsere Gegentore waren teilweise auch Slapstick - wie beim Zustandekommen des Freistoßes vor dem 0:1 oder auch das Tor zum 0:2. Das ist schwierig zu erklären", kommentierte Labbadia und legte den Finger in die Wunde. "In den entscheidenden Momenten hatte es mit jedem einzelnen Spieler zu tun. Da waren wir nicht konsequent genug, haben den Ball nicht geklärt und haben uns auf den Mitspieler verlassen - solche Dinge sind schwierig abzustellen, weil es alles individuelle Sachen sind. Das war extrem - und somit sehr schade!" Schade, weil es in der Offensiv umso besser lief und die 'Alte Dame' Möglichkeiten im Fließbandtempo kreierte. "Wir haben nicht nur vier Tore erzielt, sondern hatten etliche Chancen. Fast jeder Abschluss war eine Torchance. So ein Spiel habe ich bisher selten erlebt", bewertete der 54-Jährige unterm Strich das Erstrundenaus. Labbadia und sein Trainerteam haben nun eine Woche Zeit, die Fehler anzusprechen, damit seine Schützlinge diese beim Bundesliga-Start am kommenden Samstag (19.09.20, 15:30 Uhr) in Bremen abstellen. Die Chancen auf ein Erfolgserlebnis wären so ein ganzes Stücken größer.

(sj/City-Press)

Profis, 12.09.2020
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