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"Der absolute Wille muss erkennbar sein"

Spielverlagerung: Hertha BSC. Fußball. Ansichten - heute mit Cheftrainer Pál Dárdai über die Lehren der Vorbereitung, die Saisonziele und das Pokalspiel beim SSV Jahn Regensburg. 

 

herthabsc.de: Pál, wie groß ist die Vorfreude auf die neue Saison?
Pál Dárdai:
Ich glaube, dass ich inzwischen seit zwei Wochen zu Rainer Widmayer sage, dass es endlich losgehen soll (schmunzelt). Die Vorbereitung läuft jetzt schon eine ganze Weile, und es fühlt sich komisch an, weil etwas fehlt. In dieser Woche war es fast schon wieder wie im Bundesliga-Alltag, auch wenn wir im DFB-Pokal spielen. Wir hatten eine volle Trainingswoche und haben den Gegner ganz ausführlich analysiert. Wir sind ein bisschen ungeduldig und heiß darauf, dass es losgeht.

herthabsc.de: Im Umfeld des Hauptstadtclubs gibt es – vor allem seit  dem Aus in der Qualifikation zur UEFA Europa League –  (einige /mal wieder?) kritische Stimmen. Hertha BSC stehe vor einer komplizierten Saison. Wie stehst du zu dieser Meinung?
Dárdai: Vor der abgelaufenen Saison haben alle gesagt, dass wir absteigen – am Ende sind wir Siebter geworden. Vielleicht ist es ein gutes Omen, wenn uns alle schlechtreden (schmunzelt). Aber im Ernst: Natürlich waren wir nach der Niederlage bei Brøndby IF enttäuscht. Im Hinspiel haben wir ordentlich gespielt, im Rückspiel leider nicht mehr. Trotzdem wird es wichtiger sein, dass wir unsere Fitness über die ganze Saison halten. Danach haben wir unsere Trainingsintensität gesteuert. Wir wussten, dass dieses Vorgehen Einfluss auf die beiden Spiele haben wird. Aber das Risiko mussten wir eingehen. Das Aus ist bitter, aber Pokal und Bundesliga starten jetzt. Und unsere Körpersprache stimmt mich optimistisch.

herthabsc.de: Rund sieben Wochen Vorbereitung liegen hinter der Mannschaft. Welche Erkenntnisse hast du in dieser Zeit gesammelt?
Dárdai: Es gab Licht und Schatten in der Vorbereitung. Die erste Halbzeit gegen Neapel war zum Beispiel gut. Die ersten 45 Minuten müssen unser Maßstab sein. Insgesamt habe ich die Vorbereitung ähnlich erlebt wie im Vorjahr. 2015 konnte man sich unsere Testspiele kaum mit ansehen, weil wir keinen guten Fußball gespielt haben. Das war dieses Jahr anders. Außerdem sind die Leistungswerte der Spieler deutlich besser als vergangenes Jahr. Wir hatten auch keine Muskelverletzungen. Klar ist aber auch, dass wir uns weiterentwickeln müssen.

herthabsc.de: Du hast den internen Konkurrenzkampf in den vergangenen Wochen noch einmal verschärft. Wie zufrieden bist du mit dem Trainingseifer deiner Spieler?
Dárdai: Die Jungs haben richtig aggressiv, dynamisch – aber vor allem – richtig gut trainiert! Natürlich haben wir die Einheiten mit den Zweikampfübungen auch so gesteuert, aber trotzdem haben mir Einstellung und Auftreten sehr gefallen. Und trotz Konkurrenzkampf muss ich sagen, dass die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft gut ist. Das beste Beispiel ist Thomas Kraft. Er trainiert weiter total professionell und lässt sich nicht hängen, obwohl Rune Jarstein die Nummer eins ist.  

herthabsc.de: Das Trainerteam hat sich entschieden, Vedad Ibisevic als Nachfolger von Fabian Lustenberger als neuen Kapitän zu benennen. Kannst du diese Entscheidung begründen?
Dárdai: Wie schon gesagt, ist uns diese Entscheidung nicht leicht gefallen und hat nichts mit Lusti zu tun. Er war immer ein wichtiger Ansprechpartner für mich – und wird es auch bleiben. Aber wir hatten einfach das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Vergangene Woche habe ich Fabian, der im Training eine positive Reaktion gezeigt hat, diese Entscheidung in einem Vieraugengespräch mitgeteilt.  Die Spieler habe ich Mittwoch mündlich informiert, aber auch alles für sie aufgeschrieben. Wörter fliegen weg, aber etwas Schriftliches bleibt.

herthabsc.de: Warum hat sich das Trainerteam für Ibisevic entschieden?
Dárdai: Vedad ist eine Persönlichkeit, ein Leistungsträger, der sich voll mit den blau-weißen Farben identifiziert. Keiner aus der Mannschaft war gegen diese Entscheidung, ich habe mich eng mit dem Mannschaftsrat abgestimmt. Auch Michael Preetz wusste Bescheid. Mit einem neuen Kapitän versuchen wir, eine andere Körpersprache, einen anderen Willen auf den Platz zu bekommen.

herthabsc.de: In die Vorsaison seid ihr mit Siegen im Pokal bei Arminia Bielefeld und in der Bundesliga beim FC Augsburg gestartet. Für euch waren diese Spiele so etwas wie der Schlüssel zum Erfolg, zumindest eine gute Basis für die starke Spielzeit. Wie wichtig ist es, mit Erfolgserlebnissen in die Saison zu gehen?
Dárdai: Es ist unsere Aufgabe, zu punkten! Profifußball lebt von Punkten. Es bringt nichts, wenn wir wunderbaren Fußball spielen, viel Ballbesitz haben und am Ende verlieren. Wichtig ist, in den ersten Ligaspielen Zähler zu sammeln – und im Pokal weiterzukommen! Dann wächst das Selbstvertrauen – und danach können wir über andere Sachen sprechen.

Gesagt...

"Unsere Aufgabe ist es, von der ersten Minuten an zu zeigen, dass nur wir als Gewinner vom Platz gehen können."

Pál Dárdai

herthabsc.de: Wie kann Hertha BSC ein positiver Start in die Saison 2016/17 gelingen?
Dárdai: Die Basis ist eine kompakte Defensive – und das zählt eigentlich für jeden Verein. Wir hatten in der Vorsaison lange Zeit die drittbeste Abwehr. Es muss unser Ziel sein, hinten wieder sehr sicher zu stehen und dem Gegner wenige Chancen zu ermöglichen. Wir haben im Training viel an den Abständen zwischen den Spielern gearbeitet. Schon ein halber Meter Raum reißt große Lücken auf. Die Fehler, die wir zuletzt gemacht haben und die zu 'Eigentoren' geführt haben, müssen wir abstellen. in der Offensive wollen wir mehr Torgefahr ausstrahlen als zuletzt, wollen so effektiv auftreten wie in der vergangenen Hinrunde. Entscheidend wird es sein, die richtige Balance zu finden – über die ganze Saison. Schließlich wollen wir Hertha BSC dauerhaft in der Bundesliga etablieren und stabil auftreten.  

herthabsc.de: Am Sonntag (21.08.16) startet Hertha BSC auf nationaler Ebene in die neue Saison. Im DFB-Pokal steht das Duell bei Drittligist Jahn Regensburg an. Wie schätzt du den Gegner ein?
Dárdai: Uns erwartet eine Mannschaft, die kompromisslos in jeden Zweikampf gehen und leidenschaftlich kämpfen wird. Regensburg ist als Aufsteiger nach vier Spieltagen Tabellenführer, noch ungeschlagen. Unser Gegner geht mit viel Euphorie in die Partie, darauf müssen wir uns einstellen. Unsere Aufgabe ist es, von der ersten Minuten an zu zeigen, dass nur wir als Gewinner vom Platz gehen können. Die Körpersprache muss stimmen, der absolute Wille erkennbar sein! Am Ende zählt nur das Weiterkommen – und das müssen wir zeigen!

herthabsc.de: Ein kurzer Rückblick am Ende: In der Vorsaison stürmten die Blau-Weißen bis ins Halbfinale des Pokals. Der Traum vom Finale war zum Greifen nah…
Dárdai: Ich muss meinen Spielern nicht mehr ständig vom Pokalfinale und der besonderen Bedeutung für Berlin erzählen. Sie haben vergangene Saison an eigener Haut erfahren, wie besonders der Pokalwettbewerb für Hertha BSC ist und welche Begeisterung er auslöst. In dieser Saison wollen wir natürlich auch möglichst weit kommen, aber dafür müssen wir von Spiel zu Spiel denken. Wenn wir immer gewinnen, können wir alle rechnen, wohin uns das führt (lacht). Aber wir müssen keine Sprüche klopfen, jetzt zählt nur das Spiel gegen Regensburg.

(fw/City-Press)

Profis, 05.11.2018
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