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Auf der Suche nach dem Optimum

Als Performance-Manager setzt Arne Friedrich viele Puzzlestücke zusammen, um das Leistungspotenzial der Herthaner herauszukitzeln. Dabei setzt er auch auf Inspiration von Basketball-Legenden oder Elitesoldaten.

Orlando - Es riecht nach frisch gemähtem Rasen an diesem Trainingsmorgen. Jürgen Klinsmann hat die Mannschaft und das Betreuerteam um sich versammelt, richtet ein paar Worte an die Herthaner. Auch Arne Friedrich steht im Kreis dabei, lauscht aufmerksam den Ausführungen des Cheftrainers. Eigentlich ein gewohntes Bild für eingefleischte Herthaner, die den Defensivspezialisten aus seiner Berliner Zeit (2002-2010) bestens kennen. Doch der inzwischen 40-Jährige trägt nicht die blauen Trainingsklamotten der Profis, sondern die schwarze Kleidung, die ihn als Teil des Funktionsteams ausweist.

Auch wenn es den Ex-Kapitän immer noch in den Füßen juckt, seine aktive Karriere ist seit 2013 vorbei. Das Trainingslager der Blau-Weißen erlebt er erstmals in einer anderen Rolle. "Bei so schönen Bedingungen wie hier in Orlando würde ich schon gerne mal dazwischentackeln", gibt der ehemalige Nationalspieler schmunzelnd zu. Hin und wieder greift Friedrich tatsächlich ins Geschehen ein. Auch für individuelle und gruppentaktische Schulungen der Abwehrspieler stand er schon auf dem Platz.

Ein System zur Leistungsoptimierung

Seine eigentliche Hauptaufgabe bei der 'Alten Dame' ist aber eine andere. Seit der Amtsübernahme von Jürgen Klinsmann Ende November unterstützt er den Verein als Performance-Manager. Eine Berufsbezeichnung, die in Deutschland noch recht unbekannt ist. "In erster Linie geht es um 'Bench-Marking'. Wir wollen Vergleichspunkte setzen, mit dem Ziel, die maximale Leistung aus den Spielern und dem ganzen Verein herauszuholen", reißt Friedrich dieses vielfältige Feld an, um danach ins Detail zu gehen. "Die Aufgaben sind ganz unterschiedlich. Ich habe in den vergangenen Wochen ein System aufgebaut, das den Status Quo der Spieler im athletischen, persönlichen und natürlich fußballerischem Bereich erfasst. Dazu nutzen wir ein Ampelsystem. Bei hunderten von Daten muss man Dinge möglichst simpel darstellen. So haben wir für jeden Spieler einen Fixpunkt, eine Gesamteinschätzung, die wir dann im nächsten Schritt hinterfragen und verbessern wollen."

Aufmerksamer Beobachter: Arne Friedrich auf dem Trainingsplatz.

Dabei geht es um viele Hilfestellungen, um ein gutes Gefühl, das Friedrich den Profis vermitteln möchte - zum Beispiel auch beim Thema Ernährung. "Wir analysieren das Blutbild der Spieler, um zu erkennen, wo welche Mineralien an welcher Stelle noch fehlen. Allgemein gilt: Wir durchleuchten alles, um zu erfahren, wo noch Leistungspotenzial da ist, das wir fördern können. Dabei müssen wir natürlich berücksichtigen, dass jeder Spieler anders tickt. Der eine muss mehr gereizt und gefordert werden, der andere braucht vielleicht etwas anderes."

Inspirationen aus dem Basketball und Militär 


Um zu erfahren, wie jeder einzelne Herthaner gestrickt ist, führt Friedrich viele Gespräche - das beobachtet man nicht erst seit diesen Tagen in den USA, sondern auch zu Hause auf dem Olympiagelände. Da seine Verbindung zur 'Alten Dame' ohnehin nie ganz abgerissen ist, kannte der ehemalige Kapitän der Blau-Weißen schon viele Akteure. "Durch die persönlichen Gespräche verstehe ich die Bedürfnisse der Spieler besser, baue Vertrauen auf und kann ihnen helfen, ihre persönlichen Ziele anzugehen. Dass wir alle die Möglichkeit haben, uns zu verbessern, wissen wir", sagt der ehemalige Nationalspieler, der aber auch als Bindeglied zwischen Trainerteam und Management um Geschäftsführer Michael Preetz fungiert. "Ich stehe allen Beteiligten mit Rat und Tat zur Seite, zum Beispiel auch bei Transferdiskussionen."

Der gelernte Innenverteidiger profitiert dabei von seiner langjährigen Erfahrung als Ex-Profi, auch wenn sich der Fußball in den vergangenen Jahren noch einmal verändert hat. "Der Verein hat einen Schritt gemacht, das Funktionsteam ist größer geworden und die Bedingungen sind wirklich sehr, sehr gut. Daran wollen wir in Zukunft anknüpfen und noch professioneller werden", sagt der Herthaner. Nach seiner Zeit in der Hauptstadt und einem Zwischenstopp in Wolfsburg war er 2012 zum Ausklang seiner Laufbahn nach Chicago gewechselt.

Gesagt...

"An der Leistung des Teams lasse auch ich mich am Ende messen. Wir wollen unsere gemeinsam gesetzten Ziele erreichen. Denn unterm Strich ist Fußball ein Ergebnisspiel."

Arne Friedrich

Dieses Engagement in den Vereinigten Staaten hat ihn und seine Sichtweise geprägt. "Ich habe mir in den vergangenen Jahren viele Dinge angeschaut und habe mich viel mit Sportlern aus anderen Sportarten ausgetauscht, beispielsweise ist Steve Nash (Anm. der. Red.: amerikanische Basketball-Legende) ein Freund von mir", berichtet der gebürtige Ostwestfale. Doch auch in anderen Bereichen ist er seitdem unterwegs, stets auf der Suche nach Inspiration und mit dem Bestreben, über den eigenen Tellerrand zu blicken. So pflegt Friedrich enge Kontakte zu den Marines und Navy SEALs, den amerikanischen Elitesoldaten, und untersucht deren Trainingsmethoden wie beispielsweise Unterwasser-Workouts. "Ob dieses Training etwas für Hertha ist? Darüber habe ich schon mit Werner Leuthard gesprochen, vielleicht kann man sich manche Dinge abschauen", sagt der Ex-Profi grinsend und wohlwissend, das die beinharten Drilleinheiten nicht eins zu eins auf das Training mit Fußballern zu übertragen ist.   

Reger Austausch mit Klinsmann

So oder so genießt Friedrich einen Ruf als Netzwerker. Ob als Co-Trainer in der deutschen U18-Auswahl, einem einjährigen Ausblick in eine Marketing-Agentur oder als TV-Experte für den amerikanischen oder chinesischen Markt - auf all seinen Stationen hat er Personen kennengelernt, mit denen er sich austauscht und den eigenen Horizont erweitert. "Ich wollte in verschiedenste Bereiche eintauchen, um zu sehen, was mir Spaß macht und wo meine Stärken und Schwächen liegen", schildert der 40-Jährige, der sich gerne aus der eigenen Komfortzone hinausbewegt. "Man muss auch Dinge machen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht nur Spaß machen. Ich glaube, nur so entwickelt man sich." Stets offen zu sein für Neues, für Austausch und Diskussionen - das zeichnet Friedrichs Charakter aus.

Die Verbindung über den großen Teich hinaus ist nie abgerissen. Auch wenn sein Erstwohnsitz nach seiner Rückkehr wieder in Berlin liegt, hat er eine Wohnung in Los Angeles, in der er mehrere Monate im Jahr verbringt. "Ich fühle mich dort sehr wohl und verfolge den amerikanischen Sport und insbesondere die MLS genau. Ich habe dort einen Freundeskreis, auch aus Sportlern und ehemaligen Athleten." Zu seinen Bekannten gehört auch Jürgen Klinsmann, den Friedrich seit der gemeinsamen Zeit beim DFB inklusive Heim-WM 2006 kennt und schätzt. "Wir haben uns seitdem regelmäßig über Fußball ausgetauscht, auch über Hertha BSC. 'Bench-Marking' war immer ein Thema. Jürgen war und ist eine Inspiration und jemand, der klare Vorstellungen hat und diese mit Esprit verfolgt. Das schätze ich sehr."

Hohe Ziele

Als dann Ende November der Anruf von Klinsmann kam, musste er nicht lange überlegen. "Hertha ist ein unglaublich spannendes Projekt. Ich war dem Verein immer verbunden und freue mich, wieder meinen Teil auf der Reise beitragen zu können. Wir haben eine unglaubliche Möglichkeit bekommen, die auch nicht jeder Verein hat. Daraus wollen wir natürlich das Bestmögliche machen", sagt Friedrich, der sich mit den Ambitionen der Blau-Weißen identifiziert. "Wir wollen hoch hinaus und das können wir nur, wenn wir uns hohe Ziele setzen." Doch zunächst gilt die volle Konzentration der bevorstehenden Rückrunde. "Wir haben nun einen guten ersten Schritt gemacht und uns Punkte zur Stabilisierung holen können. Trotzdem sind wir immer noch in einer Tabellenregion, in der wir uns nicht wohlfühlen", so der Ex-Profi.

Als Performance-Manager möchte er mithelfen, das Polster zur Abstiegszone weiter aufzubauen, indem er dazu beiträgt, viele Puzzleteile zusammenzuführen - das ist auch Friedrichs eigener Anspruch. "An der Leistung des Teams lasse auch ich mich am Ende messen. Wir wollen unsere gemeinsam gesetzten Ziele erreichen. Denn unterm Strich ist Fußball ein Ergebnisspiel und da werde ich genauso bewertet wie die sportliche Leitung." Da spielt es selbstverständlich keine Rolle, ob er blaue oder schwarze Trainingskleidung trägt.

(fw/City-Press)

Profis, 09.01.2020
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