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"Der Virus kennt keine Nationalität und Hautfarbe"

Vedad Ibisevic ist mit seiner Familie in Quarantäne. Der derzeit schwierigen Situation kann der Herthaner durchaus etwas Positives abgewinnen. Für die Zeit nach dem Virus formuliert er eine klare Hoffnung.

Berlin - Es ist eine Redensart, die Menschen nutzen, wenn sie ungünstige Umstände möglichst positiv umschreiben wollen: das Beste draus machen. In Zeiten des Coronavirus hört und liest man diese Formulierung oft. Im (Facetime-)Gespräch mit den Eltern oder Freunden, in Videokonferenzen mit den Kolleginnen und Kollegen oder bei den seltenen Gängen in den Supermarkt. Aber wer kann es den Menschen auch verübeln, wenn Ausgangseinschränkungen und begrenzte Kontaktverbote den Alltag dominieren und neben den Sorgen vor einer Erkrankung berufliche Existenzängste wachsen? Wenn eine generelle Unsicherheit quält? Auch Vedad Ibisevic, seit anderthalb Wochen mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern in Quarantäne, bemüht sich dieser Floskel – wohlwissend, dass er als Profifußballer in einer komfortableren Situation ist als viele seiner Mitmenschen. "Uns geht es soweit ganz gut, wir sind alle gesund. Und machen einfach das Beste draus", sagt der Kapitän der Blau-Weißen.

Normalerweise trainiert der 35-Jährige beinahe täglich mit seinen Mitspielern auf dem Schenckendorffplatz. Am Wochenende geht es für den bosnischen Angreifer in vollen Bundesliga-Stadien um Erfolgserlebnisse, um Punkte und Tore. Momentan ist an all das nicht zu denken, statt Teamtraining spult der Stürmer ein individuelles Programm ab, um sein Fitnesslevel möglichst zu halten. "Meistens trainiere ich am Vormittag, manchmal unterstützt mich meine Frau und macht mit, wenn die Kinder zusammen spielen", gewährt der Herthaner Einblicke in den Tagesablauf der Ibisevic'. Dann schwingt auch mit, was der 'Vedator' meint, wenn er "das Beste" sagt, nämlich die gemeinsame Zeit mit seiner Frau Zerina und den beiden Söhnen Ismail (8), Idris (10 Monate) und Tochter Zejna (3). "Durch den Fußball kann ich sonst nicht immer so viel Zeit mit ihnen verbringen. Natürlich genieße ich das jetzt sehr intensiv", sagt der Familienvater. Wer Ibisevic etwas näher verfolgt, weiß, dass der Heißsporn, der kein Trainingsspiel verlieren kann, eben nur auf dem Platz aufbraust.

Vedad Ibisevic mit seinem ältesten Sohn Ismail beim Kicken im heimischen Garten.

Zwischen Papa-Pflichten, Hausarbeit und Fußball im Garten

Mit Ismail spielt Papa Ibisevic dann meistens Fußball im Garten. Ob der Sprössling auch den Torriecher vererbt bekommen hat? "Auf jeden Fall ist er mit acht Jahren schon besser, als ich es damals war", berichtet der ehemalige Nationalspieler Bosniens-Herzegowinas lachend. Sind die Kinder im Bett, haben die Eltern noch ein wenig Zeit für sich. Hier und da werkelt Ibisevic auch noch im heimischen Gartenhaus.

Warum ihr Vater momentan rund um die Uhr da ist, kann der Nachwuchs noch nicht ganz begreifen. Wenn auch der älteste Sohn merkt, dass der Coronavirus und die damit verbundenen Einschränkungen den Alltag ganz schön durcheinander wirbelt. "Er muss nicht zur Schule gehen, nur seine Hausaufgaben machen und ein wenig lernen. Sonst ist er zu Hause und kann die meiste Zeit spielen. Als Kind ist das natürlich erstmal schön", sagt der Offensivspieler, der 2015 vom VfB Stuttgart an die Spree gewechselt ist. Ohnehin möchte er das Thema nicht so nah an seinen Nachwuchs heranlassen. "Wir haben ihm gesagt, dass es einen Virus gibt, der Corona heißt und dass alle Menschen deshalb ein wenig aufpassen müssen." Ernstere Gespräche führt er dagegen mit den Schwiegereltern und Eltern, die in Bosnien beziehungsweise in den USA leben. Über Videotelefonie, die alle Beteiligten sowieso bestens kennen. "Unsere Eltern sind es gewohnt, sich um ihre Kinder zu kümmern, auch wenn wir längst erwachsen sind und schon selbst eine Familie haben. Sie werden uns immer umsorgen, aber jetzt sind wir gefragt, uns zu kümmern. Gemeinsam mit meiner Schwester, die noch in St. Louis wohnt, schaffen wir es, dass sie uns zuhören und zu Hause bleiben", erzählt Ibisevic über den Austausch und bringt auf den Punkt, worum es aktuell geht. "Wir müssen jetzt die Älteren und die Menschen mit einer Vorerkrankung schützen und wenn das bedeutet, dass wir dafür einfach nicht das Haus verlassen, dann bleiben wir eben zu Hause."

Gesagt...

"Dieser Virus kennt keine Nationalität, keine Religion und keine Hautfarbe. Plötzlich sind wir alle gleich. Vielleicht nehmen wir das für die Zukunft mit."

Vedad Ibisevic

Lehren für die Zukunft

Natürlich ist die Situation in Folge des Coronavirus weitaus komplexer – das weiß der Torjäger natürlich auch. "Egal, mit wem ich spreche, die Menschen sind alle besorgt, die Gespräche drehen sich immer um dieses Thema. Bei mir ist das nicht anders", räumt der Kapitän der Blau-Weißen ein. "Ich bin schockiert und hätte vor Wochen nicht erwartet, dass sich alles so entwickelt. Wir müssen was gegen den Virus tun, das ist ganz klar. Was genau, müssen die Politiker in Rücksprache mit den Experten entscheiden. Keiner hat Erfahrung mit einer solchen Ausnahmesituation, deswegen ist es schwierig, Antworten zu geben. Wir hoffen, dass die ergriffenen Maßnahmen dazu führen, dass die Infektionskurve bald nach unten geht." Ibisevic hat aber eine weitere Hoffnung, die sich an die Zeit richtet, in der unser aller Alltag wieder ein stückweit zur Normalität zurückgekehrt ist. "Wir haben jetzt sehr viel Zeit, um zu lernen und zu sehen, wie schnell sich alles verändern kann. Alle Menschen sind gleich, unabhängig von Einkommen oder Status. Keiner kann sich komplett vor diesem Virus verstecken. Dieser Virus kennt keine Nationalität, keine Religion und keine Hautfarbe. Plötzlich sind wir alle gleich. Vielleicht nehmen wir das für die Zukunft mit." 

Im Idealfall besteht Ibisevic’ Alltag dann auch wieder aus sportlichen Erfolgserlebnissen, Punkten und Toren. Bis es soweit ist, muss er sich wie seine Mitstreiter in Geduld üben. "Wir wollen schnell wieder weiterspielen, das ist ganz klar, aber es gibt momentan wichtigere Dinge. Ich frage mich zwar, wann ich wieder im Trikot auf dem Platz stehen kann, aber das ist nicht die wichtigste Frage in meinem Leben." Solange wird der Herthaner – wie so viele andere Menschen – das Beste aus der Situation machen. Für sich, seine Familie und die Gesellschaft.  

(fw/City-Press,privat)

Profis, 26.03.2020
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