Bild: privat

"Die Hilfe hat uns ermöglicht, als Verein weiter zu existieren"

Camille Andrelan und Johanna Small vom 'Champions ohne Grenzen e.V.' sprechen über die Herausforderungen während der Corona-Zeit, die Integrationsarbeit, Zukunftsziele sowie die Unterstützung seitens der Hertha BSC-Stiftung.

Berlin - "Raus aus dem Abseits!" ist ein gängiger Ruf im Fußball, den sich der 'Champions ohne Grenzen e.V.' aus Berlin auch auf die Fahne geschrieben hat. Seit 2012 engagiert sich der gemeinnützige Verein für Geflüchtete aus aller Welt und hilft den Betroffenen dabei, in Deutschland Fuß zu fassen. Als Hilfestellung dafür soll der Fußball dienen, mehrfach in der Woche kommen die Teilnehmenden zum Training zusammen und finden dabei nicht nur Freunde, sondern können sich zudem in alltäglichen Fragen beraten lassen. Darüber hinaus wollen die Verantwortlichen die Neuankömmlinge auch vor Anfeindungen schützen. "Wir probieren in unserem Training immer, einen sicheren Ort zu schaffen, an dem Diskriminierung keinen Platz findet", erklären Projektkoordinatorin und Vorstandsmitglied Camille Andrelan sowie 'Ladies'-Trainerin Johanna Small im Gespräch mit herthabsc.de. Im Interview sprechen die beiden über die Herausforderungen in der Corona-Zeit, die Integrationsarbeit, Zukunftsziele sowie die im Mai getätigte Unterstützung in Höhe von 7.500 Euro seitens der Hertha BSC-Stiftung.

herthabsc.de: Die Ausbreitung des Coronavirus hat den Alltag auf den Kopf gestellt und einen starken Einfluss auf sämtliche Bereiche genommen - auch ihr seid davon betroffen. Welche Herausforderungen gab es für euch in den vergangenen Wochen und Monaten?
Andrelan: Es war eine sehr schwierige Zeit, weil wir zum einen finanzielle Schwierigkeiten hatten und zum anderen das Training nicht stattfinden konnte. Für uns war eine große Herausforderung, wie man den Kontakt mit unseren Spielerinnen und Spielern aufrechterhalten kann. Es hat lange gedauert, den Kontakt aufzubauen, unsere Zielgruppe ist ohnehin nur schwer zu erreichen. Wir probieren, die Motivation zu halten und immer ansprechbar zu sein. Wir haben in der Corona-Zeit Online-Training angeboten. Es war zwar kein klassisches Fußballtraining, dafür aber mehr Fitnessinhalte und unsere Spielerinnen und Spieler konnten weiterhin im Austausch stehen. Zudem haben wir Pakete mit Bildern, Briefen, Trainingsshirts und kleinen Sportutensilien an unsere Teilnehmenden geschickt.

herthabsc.de: Schritt für Schritt kehrt die Normalität in den Alltag wieder ein, dennoch gibt es bislang weiterhin Einschränkungen – wie sieht eure Arbeit derzeit aus?
Small: Wir konnten Mitte Mai nach dem Ramadan wieder ins Training einsteigen. Es hat natürlich ganz anders ausgesehen als wir es gewohnt waren. Wir mussten Wege finden, das Hygienekonzept vor Ort umzusetzen und ein Training mit den geltenden Abstandsregeln zu gestalten. Es war fitnessorientierter als sonst, unsere Einheiten basieren normalerweise auf Spaß, Bewegung, Vertrauensbasis sowie kleinen Sportspielen. Das war schwierig umzusetzen. Wir mussten kreativ mit der Situation umgehen. Es war auch ein Prozess, denn das Training hat sich von Woche zu Woche verändert, nachdem wir gemerkt haben, was gut und nicht so gut ging. Seit Kurzem sind wir wieder in der Lage, Fußball spielen zu können, wie wir es kennen. Das macht es auch von der Motivation her wieder interessanter. Die spielerischen Spaßelemente umzusetzen, dass alle mit voller Motivation dabei sind, war am schwierigsten.

Johanna Small (M.) kümmert sich im 'Champions ohne Grenzen e.V.' um die 'Ladies'.

herthabsc.de: Wie läuft derzeit der Kontakt mit den Teilnehmenden ab?
Small: Wir haben ein Training, das auf Beziehungsarbeit basiert. Es ist ein offenes Miteinander, für das man sich normalerweise nicht anmelden muss. Nun haben wir aber die Situation, dass man darauf achtet, dass es nicht zu viele Teilnehmende sind und man auch weiß, wer da ist, um das Protokoll zu erfüllen. Das ändert die Art des Trainings. Es gab Teilnehmende, die sofort wieder da waren, was uns gefreut hat, aber es gibt auch Spielerinnen und Spieler, die haben wir seit Beginn der Corona-Zeit nicht mehr gesehen und es ist dabei schwierig, den Kontakt zu halten.

herthabsc.de: Habt ihr in eurer Arbeitsweise etwas umstellen müssen?
Andrelan: In der 'Nachspielzeit' organisieren wir über die Beratungen hinaus auch Ausflüge. Beispielsweise picknicken wir im Park, verbringen Zeit am See oder schauen zusammen Fußballspiele - wir besuchen aber auch Jobmessen. Es findet außerhalb des Trainings statt und ist nicht nur Beratung, es ist zusammen Freizeit verbringen. Wir bieten den Teilnehmenden dort an, sie auch über das Training hinaus sozial zu begleiten. Das Projekt haben wir dann im Internet stattfinden lassen und waren weiterhin für Fragen per Telefon erreichbar. Es ging für uns auch darum, die Leute in der schwierigen Zeit zu begleiten, in der unter anderem Behördenstellen und Ämter geschlossen waren.
Small: Wir wollen wieder mehr individuelle Beratungen abseits des Platzes anbieten und haben das in der Vergangenheit teilweise getan. Wie viel wir aber anbieten können, ist auch davon abhängig, wie viele Leute das im Ehrenamt machen - die ja auch ihren Lebensunterhalt verdienen müssen - oder ob wir eine Finanzierung anbieten können, um das zu unterstützen und weiter ausbauen zu können.

herthabsc.de: Wie hat euch die Unterstützung der Hertha BSC-Stiftung durch die ungewisse Zeit geholfen?
Small: Wir sind dankbar für die Unterstützung seitens der Hertha BSC-Stiftung. Die Hilfe hat uns ermöglicht, als Verein weiter zu operieren und existieren. Wenn man sein Grundgerüst nicht finanzieren kann, kann man auch keine weiteren Trainings und Beratungen anbieten. Als Verein hat man laufende Kosten, die gedeckt werden müssen. Die Unterstützung hat uns geholfen, dass wir das erhalten können. Es wäre sonst nicht möglich gewesen. Es war ein wesentlicher Beitrag, damit wir den Kontakt mit den Leuten halten konnten und nicht alles eingebrochen ist.

herthabsc.de: Eine enge Beziehung zu euren Teilnehmern ist das A und O. Was motiviert euch, Menschen mit den verschiedenen Hintergründen zu helfen?
Andrelan: Ich denke, es motiviert, wenn man einen Ort bietet, an dem sich die Teilnehmer gut fühlen können und auch die Möglichkeit bekommen, Sport zu treiben. Sport hilft. Es hilft, eine Freizeitaktivität ohne den ganzen Alltagsstress zu haben. Es ist wichtig, dass in unserem Training trotz der unterschiedlichen Migrationshintergründe alle gleich angesehen werden, was in der allgemeinen Gesellschaft nicht immer der Fall ist. Das ist eine große Motivation.

Gesagt...

"Wir probieren in unserem Training immer, einen sicheren Ort zu schaffen, an dem Diskriminierung keinen Platz findet."

Camille Andrelan

herthabsc.de: Du sprichst es an, in der Gesellschaft gibt es Tag für Tage Fälle von Ungleichheiten. Rassismus ist ein allgegenwärtiges Thema. Aufgrund der Proteste in den USA rückte das Thema in den vergangenen Wochen und Monaten noch stärker in den Fokus. Wie geht ihr damit um?
Andrelan: Rassismus ist für unsere Teilnehmenden immer ein Thema, Diskriminierung ist ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Es ist auch beispielsweise für Frauen schwierig, die Sexismus erfahren. Wir probieren in unserem Training immer, einen sicheren Ort zu schaffen, an dem Diskriminierung keinen Platz findet und wir sie davon fernhalten können. Das ist ein großer Aufwand für uns, wir können sie dabei nur beraten. Wir versuchen uns nach dem Training immer zusammenzusetzen, das hängt dann auch von der Situation der Teilnehmenden ab. Uns begleitet auch immer ein erfahrener Sozialarbeiter. 

herthabsc.de: Wie sehen die kommenden Wochen und Monate bei 'Champions ohne Grenzen' aus?
Small: Die größte Herausforderung für uns ist es nun, wieder einen laufenden Betrieb auf die Beine zu stellen, der auch gut funktioniert - besonders nach den strukturellen Veränderungen vor Kurzem, da wir vermehrt auf Ehrenamt umstellen. Danach wollen wir dann Projekte umsetzen. Die 'Nachspielzeit' wollen wir ausbauen, weil das wichtig ist. Zudem ist die Nachfrage hoch, die Teilnehmer wollen unterstützt werden. In den vergangenen drei Jahren waren wir außerdem aktiv in der Förderung des ehrenamtlichen Engagements. Wir unterstützen Mädchen, die Trainerinnen werden wollen. Meine Co-Trainerin hat beispielsweise die Lehrgänge gemeistert und ist in meinem Training dabei - so ein Fall ist auch ein gutes Vorbild für die anderen. Daran wollen wir wieder anknüpfen.

(pm/privat)

Soziales, 28.07.2020
Newsletter
Social
Werbung