Bild: engler

Damals war's: Das erste Spiel nach dem Mauerfall

Zwei Tage nach dem Fall der Mauer 1989 kamen erstmals nach Jahren wieder Ost und West zu einem Hertha-Spiel ins Olympiastadion.

Berlin - In über 120 Jahren Vereinsgeschichte erinnern sich Herthaner an eine Reihe von bemerkenswerten Spielen. Am 11. November 1989 empfing Hertha BSC im Olympiastadion die SG Wattenscheid 09. Zwei Tage zuvor war die Mauer in Berlin gefallen - es war das erste Spiel der Blau-Weißen nach der Teilung Deutschlands, zu dem wieder alle Berliner gehen konnten. Wohl mehr als 60.000 Zuschauer - offiziell waren es 44.174 - nutzten diese Gelegenheit und sahen am 17. Spieltag der Zweitliga-Saison 1989/90 ein 1:1 (0:1)-Unentschieden.

Vorgeschichte: Wochen zuvor hatte Hertha BSC das Recht am Verkauf von 30.000 Eintrittskarten zu diesem Spiel bereits zu einem Festpreis an mehrere Berliner Autohäuser verkauft. Diese luden nun zu güstigen Eintrittspreisen (5 bzw. 20 DM) ins Berliner Olympiastadion ein und hofften auf eine große Kulisse. Dass sich diese Aktion lohnen würde, zeichnete sich bereits früh ab, da Hertha BSC und die SG Wattenscheid unerwartet gut in der Tabelle standen und es sich damit um eine echte Spitzenpartie handelte.

Saarbrücken, Braunschweig und Wattenscheid führten nach 16 Spieltagen die 2. Liga mit 23 Punkten an, dicht gefolgt von Hertha BSC mit 22 Punkten. Dazu kam, dass die Berliner als einzige Mannschaft zuhause noch unbesiegt waren und sich die Zuschauer somit auf ein gutes und spannendes Spiel freuen durften. Man rechnete also mit regem Zuspruch, und die Karten für die Haupttribüne waren bereits ausverkauft. Doch dann fiel zwei Tage vor dem Spiel die Berliner Mauer und somit konnten an diesem Samstag erstmals seit langer Zeit auch wieder Zuschauer aus dem Ostteil der Stadt und aus Brandenburg ins Olympiastadion kommen. Der Verein und die Sponsoren reagierten schnell und stellten 10.000 Freikarten zur Verfügung, die man am Stadion gegen Vorlage eines DDR-Ausweises bekommen konnte.

Ablauf: Das Berliner Olympiastadion war gut gefüllt, wenn auch nicht ausverkauft. Gemeinsam feiern die Berliner und Brandenburger auf den Tribünen des weiten Runds. Beifallsstürme erntete Stadionsprecher Woborowski, als er alle Berliner Bezirke aufzählt und die Zuschauer von dort begrüßte. Bei den Herthanern fehlte Spielmacher Wolfgang Patzke, dafür bestritt Stürmer Fred Klaus - Leihgabe vom HSV - sein erstes Pflichtspiel für die Blau-Weißen von Beginn an. Die Gäste traten mit ihrem starken Sturm-Duo Tschiskale/Banach an.

Nach verhaltenem Beginn setzten die Wattenscheider das erste Achtungszeichen. Ein Pass in die Spitze landete nach elf Minuten bei Maurice Banach, der den Ball locker ins Tor schoss, doch das Schiedsrichtergespann entschied auf Freistoß für die Berliner, da Banach den Ball mit dem Arm mitnahm. Aber die Gäste setzten mehr Akzente - bei den Gastgebern machte sich das fehlen von Patzke bemerkbar. Nach einer halben Stunde die nächste Gelegenheit für Wattenscheid: Flanke in den Strafraum, Kopfablage von Bach auf Banach, der den Ball erneut im Tor unterbrachte - doch wieder zählte der Treffer nicht: Abseits. Dann probierten es einmal die Herthaner. Gowitzkes Flanke fand in der Mitte Theo Gries, doch dessen Kopfball landete nur an der Latte. Kurz vor dem Pausenpfiff nutzte die SG dann doch eine Gelegenheit zur Führung. Den Schuss des aufgerückten Verteidigers Bach konnte Walter Junghans nicht mehr parieren, sodass die Blau-Weißen mit einem Rückstand in die Kabine gingen.

Joker Sven Kretschmer sticht


Zur zweiten Halbzeit startete Hertha BSC mit dem 19-jährigen Sven Kretschmer für Marco Zernicke und kämpfte sich fortan in die Partie. Wattenscheid blieb spielerisch stark, kam jedoch aufgrund der wiedererstarkten Gegenwehr und der beeindruckenden Anfeuerung von den Rängen ein wenig aus dem Tritt. So kamen die Herthaner in der Folge zu Möglichkeiten. In der 64. Minute landete eine Flanke bei Jan Halvor Halvorsen, dessen wuchtigen Kopfball SG-Schlussmann Eilenberger gerade noch an den Pfosten lenken konnte. Den zurückspringenden Ball landete beim jungen Kretschmer, der in Torjägermanier unter lautstarkem Jubel des Olympiastadions zum 1:1 einschoss. Die letzte halbe Stunde verging ohne große Torchancen. In der Schlussphase scheiterten die Wattenscheider Kontny und Kügler am sicheren Walter Junghans, so dass es am Ende bei der Punkteteilung blieb.

Historische Einordnung: Das Olympiastadion war an diesem Tag zwar nicht ausverkauft, aber dennoch lag die Zuschauerzahl wohl weit über den offiziellen 44.174 - eher bei über 60.000, da nach der Ausgabe der 10.000 Freikarten für DDR-Bürger jeder weitere Zuschauer beim Vorzeigen seines DDR-Passes ins Stadion eingelassen wurde. Am Ende der Saison wurde Hertha BSC Meister der 2. Bundesliga und stieg damit nach sieben Jahren wieder in die höchste Spielklasse auf.


Stimmen zum Spiel:

"Irrsinnig, absolut irrsinnig."
(Horst Wolter - Manager von Hertha BSC - über den Ansturm auf Eintrittskarten nach Öffnung der Mauer)

"Die Mannschaft saß vor dem Spiel schweigend in der Kabine. Alle waren wie gelähmt vor Rührung, aber auch durch den Druck dieses historischen Spiels."
(Werner Fuchs - Trainer von Hertha BSC - nach dem Spiel)

"Es war eine festliche Stimmung im Stadion. So eine Euphorie nach unserem Ausgleichstor, obwohl wir vorher wirklich nicht gut gespielt haben, erlebt man nicht alle Tage. Eigentlich war das Ergebnis völlig nebensächlich. Daran hat es wohl gelegen, dass wir so schwer in Gang gekommen sind."
(Walter Junghans - Torwart von Hertha BSC - nach dem Spiel)

"Wir freuen uns, diesen 11.11. in Berlin miterlebt zu haben. Meine Spieler und ich waren seit der Ankunft von den Geschehnissen in dieser Stadt stark berührt."
(Hannes Bongartz - Trainer von Wattenscheid 09 - nach dem Spiel)


Das Spiel im Stenogramm:

Termin: 11. November 1989, Samstag, 15.00 Uhr
Wettbewerb: 2. Bundesliga, Saison 1989/1990, 17. Spieltag

Aufstellungen:
Hertha BSC: Walter Junghans - Frank Mischke - Michael Jakobs - Jan Halvor Halvorsen - Mike Lünsmann - Marco Zernicke (46. Sven Kretschmer) - Mika Aaltonen - Torsten Gowitzke - Theo Gries - Dirk Kurtenbach (74. Stephan Täuber) - Fred Klaus
SG Wattenscheid 09: Ralf Eilenberger - Jörg Sobiech - Jörg Bach - Uwe Neuhaus - Stefan Emmerling - Frank Kontny - Harald Kügler - Thomas Langbein - Thorsten Fink - Uwe Tschiskale - Maurice Banach

Tore: 0:1 Bach (43.), 1:1 Kretschmer (64.)
Gelbe Karte: Jakobs

Schiedsrichter: Anton Matheis
Spielort: Olympiastadion, Berlin
Zuschauer: 44.174

Teams, 11.01.2020
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