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20 Jahre „Hertha-Bubis“: Das Viertelfinale

Auch der Erstligist 1. FC Nürnberg kam beim 1:2 (0:0) nicht an den Herthanern vorbei.

Berlin - Es war eine der größten Sensationen in der Geschichte des DFB-Pokals überhaupt. In der Saison 1992/1993 sorgte die Amateurmannschaft von Hertha BSC für Furore und zog als erstes Amateurteam der deutschen Pokalgeschichte in das Endspiel im Berliner Olympiastadion ein. Das Finale gegen Bayer 04 Leverkusen fand am 12. Juni 1993 statt. Vor 20 Jahren schrieben die „Hertha-Bubis“ Fußballgeschichte und herthabsc.de zeichnet die sensationelle Pokalsaison nach.

Als Jochem Ziegert die Paarungen der Viertelfinals erfuhr, brach es vor Freude aus ihm heraus. „Nürnberg ist mein Wunschlos“, sagte der Trainer der Hertha-Amateure, die Fußballdeutschland in der Pokalsaison 1992/1993 auf den Kopf stellten und nun in der Runde der letzten acht auf den Bundesligisten 1. FC Nürnberg trafen. Auch auf Seiten der Franken war die Freude über die Auslosung groß. „Wenn eine Profimannschaft das Glück hat, im DFB-Pokal-Viertelfinale einen Amateurligisten zugelost zu bekommen, dann darf es nur eine Aussage geben: Wir fahren da hin und gewinnen“, tönte FCN-Coach Willi Entenmann. Doch nicht nur Entenmann, der sich zudem mit Flosskeln, wie „Wir werden den Gegner nicht unterschätzen“, zitieren ließ, wähnte sich bereits im Halbfinale. „Ein Sieg für uns ist Pflicht. Da gibt es keine Ausrede, denn noch nie war es so leicht, unter die letzten vier zu kommen“, stimmte sein Torwart Andreas Köpke in den Kanon ein.

„Bubis“ spielten Nürnberg an die Wand

Aussagen, an denen sich die Nürnberger noch messen lassen mussten. Überzeugt vom Leistungsvermögen seines eigenen Teams, entgegnete Ziegert lässig: „Die werden sich noch über uns wundern.“ Der Coach der Amateure hatte seine Mannschaft an diesem denkwürdigen 1. Dezember 1992 wieder optimal auf das Duell mit einem scheinbar übermächtigen Kontrahenten eingestellt. „Wir wollen nicht so früh ein Tor kassieren und ganz offensiv rangehen. Was anderes können meine Jungs auch gar nicht“, verriet Ziegert seine Marschroute, auf die sich 14.000 Fans im ausverkauften Mommsenstadion freuen durften.

Vollmundige Sätze sind manchmal nur leere Worthülsen, in denen nicht viel steckt. Während die Gäste aus Nürnberg in keinster Weise ihren großspurigen Ankündigungen Taten folgen ließen, überraschten die „Hertha-Bubis“ tatsächlich mit einem herzerfrischenden Sturmlauf. Der Oberligist hatte in der ersten Halbzeit das Zepter in der Hand und erspielte sich Chance um Chance, ohne sich mit etwas Zählbarem zu belohnen. Im Angesicht der aufopferungsvollen Darbietung des Drittligisten waren die Clubberer fasst hilflos gelähmt. Ein pomadiger Aufritt seiner Elf ließ Entenmann, der wutentbrannt in die Kabine stapfte, bereits beim Halbzeitpfiff platzen. „Das ist ja das Letzte, die waren nur vor unserem Tor. Ich denke, ihr wollt weiterkommen“, wetterte der Nürnberg-Trainer.

Lehmann lupfte zum Sieg

Aber auch seine deutlichen Worte brachten keine Besserung. Die Herthaner nahmen diese Reaktionen mit einem Lächeln zur Kenntnis und drehten nach dem Seitenwechsel erst richtig auf. Den Lohn für ihren leidenschaftlichen Einsatz ernteten sie in der 71. Spielminute, als Andreas Zimmermann mit einem fulminanten 25-Meter-Weitschusskracher das 1:0 erzielte. Mit seinem herrlichen Traumtor ließ er Nationalkeeper Köpke keine Chance und das Mommsenstadion zum ersten Mal an diesem Abend erbeben. Allerdings ebbte diese Jubelstimmung kurz vor dem Ende der Partie abrupt ab, denn Markus Bäurle köpfte in der 88. Minute den Ausgleich und gab sich als Partyschreck. „Der Ausgleich war total ungerecht“, konstatierte Ziegert. Wie seine Mannschaft auf diesen Rückschlag reagierte, war ein mentales Glanzstück, denn von Resignation war in den Reihen der Blau-Weißen nichts zu spüren. Nur sechzig Sekunden nach dem 1:1 überlupfte der zehn Minuten zuvor eingewechselte Daniel Lehmann FCN-Schlussmann Köpke und versenkte den Ball im Netz zum Sensations-Siegtor.

Was folgte, war grenzenloser Jubel an einem Abend, an dem die „kleinen“ Herthaner zu echten Riesen wurden. „Wie die Waschlappen habt ihr euch vorführen lassen“, ohrfeigte Nürnbergs Präsident Gerhard Voack die Spieler – Worte, denen die Berliner mit einem gewissen Grad an Genugtuung lauschten, nachdem sich die Clubberer bereits vor dem Spiel als sicherer Halbfinalist sahen. Coach Willi Entenmann trottete nach dem Abpfiff in die „Partyzone“ Hertha-Kabine und beglückwünschte dem David für den Sieg über Goliath. „Ehrlich, für fünf Minuten habe ich mir gewünscht, wieder das Hertha-Trikot zu tragen. Ich war richtig neidisch“, erzählte ein niedergeschlagener Andreas Köpke, der von 1984 bis 1986 bei Hertha BSC das Tor hütete. Die Hertha-Amateure begeisterten die Hauptstadt. Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin Eberhard Diepgen zollte den Pokalhelden seinen Respekt: „Sie haben beste Werbung für Berlin geleistet. Den Halbfinaltermin habe ich mir notiert.“ Im Notizbuch stand: 31. März, 20.15 Uhr, Olympiastadion – Hertha BSC Amateure gegen den Chemnitzer FC.

Das Spiel im Stenogramm:

Hertha BSC Amateure - 1. FC Nürnberg 2:1 (0:0)

Aufstellungen:
Hertha BSC:
Fiedler - Meyer - A. Zimmermann, Nied - O. Schmidt (76. Höpfner), A. Schmidt, Klews, Holzbecher, Kolczyk - Kaiser (78. Lehmann), Gezen
1. FC Nürnberg: Köpke - Zietsch - T. Brunner (72. Bäurle), Kurz - Kramny, Oechler, Dorfner, Wolf, Olivares - Weissenberger (64. Bustos), Eckstein

Tore: 1:0 A. Zimmermann (71.), 1:1 Bäurle (88.), 2:1 Lehmann (89.)
Zuschauer: 14.000 (ausverkauft)
Spielort: Mommsenstadion, Berlin

Teams, 16.01.2018
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