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"Wir wollen das Gehirnlaktat messen!"

Fitnesstrainer Hendrik Vieth über intelligente Muskulatur, die Regeneration der Zukunft und Bankdrücken mit Genki Haraguchi.

herthabsc.de: Hendrik, du arbeitest seit zwölf Wochen mit den Profis. Und Athletiktrainer brauchen einen Spitznamen! Hast du dir schon einen zugelegt?
Hendrik Vieth: (grinst) Nicht, dass ich wüsste…

herthabsc.de: Schade! Wir hatten auf ein herzhaftes „Schleifer“ gehofft.
Vieth: Ich schätze, dafür bin sowohl ich, als auch meine Übungen zu freundlich. Da ich auch eine A-Lizenz als Fußballlehrer besitze, versuche ich immer, die Athletikeinheiten weitgehend spielnah auszuführen. Das heißt, wenn es passt, auch mit dem Ball.

Hendrik Vieth

herthabsc.de: Und das kommt gut an…
Vieth: Ich denke doch. So erkennen die Jungs bei aller Anstrengung auch den Sinn einer Übung übertragen auf das Spiel. Und wenn sie den Sinn sehen, hat man die meisten schon auf seiner Seite.

herthabsc.de: Auf einer Pressekonferenz neulich hat Pál Dárdai seinen Mitarbeiterstab gelobt und auch dich nochmal einzeln hervorgehoben.
Vieth: Hat er das?

herthabsc.de: Das hat er!
Vieth: Das freut mich! Aber in dieser Trainergeneration sagt eh keiner mehr „Ja, für die Athletik müssen wir jetzt mal eine Einheit opfern.“ Pál Dárdai und Rainer Widmayer ist bewusst wie sehr diese Art des Trainings ihre Arbeit erleichtern kann und dass sie unabdingbar ist.


herthabsc.de:
Warum?
Vieth:
Das hat viele Gründe. Einer, an den ich persönlich glaube, ist, dass alle Verletzungen, die nicht aus einem direktem Kontakt mit dem Gegner resultieren, vermeidbar sind. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass das Training richtig gesteuert ist und die Spieler zusätzlich individuell sowohl an Stärken, als auch an Schwächen arbeiten. Zu Teilen sieht man das bereits: diejenigen, die professionell dabei sind, sind relativ stabil und agil und merken im Spiel, dass es was bringt.

"Früher hat Genki Haraguchi zwei Liegestütze geschafft, jetzt 30. Er macht Bankdrücken und sagt immer noch: Hendrik, mehr, mehr!"

Hendrik Vieth

herthabsc.de: Dabei scheint es als verliefe der Großteil deiner Arbeit schon jetzt für die Öffentlichkeit unsichtbar.
Vieth:
Die Anteile auf dem Platz sind tatsächlich die kürzesten des Tages. Da habe ich 30 Minuten, wenn nicht gerade Länderspielpause ist, die ich bestmöglich nutzen muss, ohne die Spieler dabei zu überlasten und auf den kommenden Inhalt des Trainings vorzubereiten. Davor und danach führe ich Trainingseinheiten mit Rekonvaleszenten oder individuelle Sondertrainingseinheiten durch, was allerdings auch nur die praktische Arbeit ist.

herthabsc.de: Worin besteht die theoretische?
Vieth: In der Trainingsvor- und –nachbereitung, Organisation, Aufarbeitung und Optimierung, Leistungsdiagnostik. Außerdem meine Funktion als Leiter der Sportwissenschaft für den Nachwuchs.

herthabsc.de:
Kannst du uns einen Profi nennen, der öfter zu dir kommt, um individuell zu arbeiten?
Vieth:
Genki! (Haraguchi, Anm. d. Red.) Die Physiotherapeuten sagen, er hätte vor meiner Zeit vielleicht zwei Liegestütze geschafft, mittlerweile absolviert er, je nach Art, 30 am Stück, macht Bankdrücken und sagt immer noch "Hendrik, mehr, mehr!" Toll zu sehen, dass so ein Junge dann gegen Schalke reinkommt, ein Tor macht, sich mittlerweile etabliert und eine positive Entwicklung auf dem Platz genommen hat.

herthabsc.de:
So konkrete positive Rückmeldungen sind ja sicher selten für einen Athletiktrainer.
Vieth:
Es kommt darauf an. Auf das Spiel bezogen lassen sich sicherlich einige objektive Korrelationen aus den erhobenen Spieldaten ableiten. Betrachtet man das Ganze vom Spieler aus kann ich diese Daten selbstverständlich ebenso, aber auch seine subjektive Wahrnehmung, sein Empfinden nutzen. Das sind sehr wichtige Rückmeldungen für die vergangene und vor allem kommende Trainingssteuerung!

herthabsc.de:
Die du durch vielfältiges Training anzusprechen scheinst. Wir haben da mal ein paar Beispiele parat…

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Vieth: Das ist eine Übung, bei der die Spieler eine seitliche Bewegung gegen einen Widerstand ausführen müssen. Sie spricht sowohl die Bein- als auch die Rumpfmuskulatur an. Zusätzlich ist auch eine koordinative Komponente vorhanden.

herthabsc.de: Was hat es mit dem Ringparcour auf sich?

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Vieth: Die Spieler müssen ihre Schrittlänge und -frequenz an den Abstand der Ringe anpassen. Bewegungserfahrung ist immer wichtig und es schult die Auge-Fuß-Koordination. Im Sommer kann man die Übung auch mal barfuß machen lassen. Dann merken die Jungs schneller, wenn sie die Ferse beim Laufen aufsetzen.

herthabsc.de: Warum wäre das ein Problem?
Vieth: Auf dem Vorderfuß laufen ist wichtig, um schnell die Richtung wechseln zu können und generell weniger Kraft beim Laufen zu verbrauchen. Wenn man gemein wäre, würde man die Übung auf einer Tartanbahn ansetzen, dann würde jeder Schritt auf dem Ballen auffallen.

herthabsc.de: Und hier? Wenigstens einmal eine Kraftübung?

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Vieth: Sicherlich stellt das Gewicht des Medizinballes eine größere Belastung dar als ohne, aber es geht auch um Propriozeption (Gleichgewicht, Anm. d. Red.) und Rumpfstabilität. Denn - das sieht man auf dem Foto nicht - unten liegt zur Steigerung der Schwierigkeit ein Pad, auf dem die Spieler balancieren müssen.

herthabsc.de: Jetzt: Staffellauf. Der Klassiker?

Vieth: Ich habe die Jungs in Teams mit je einem Staffelstab eingeteilt. Dann ging es los. Einmal komplett um das begrenzte Feld – Stabübergabe und weiter bis alle einmal den Lauf absolviert haben.

herthabsc.de: Ganz allgemein ist es schwer vorstellbar, dass diese Sachen in den paar Wochen schon anschlagen.
Vieth: Rein von der Rücksprache mit den Spielern schien unsere gemeinsame Arbeit schnell zu wirken. Wir haben den athletischen Anteil bewusst langsam integriert und nie zu viel gemacht, sodass die Spieler schnell von "Puh, sehr anstrengend" zu "Ist okay, gehört dazu" kamen. Letztlich halten wir stets Rücksprache mit den Jungs und die merken, dass es was bringt.

"Unser Plan ist es, in absehbarer Zeit mit Gehirnlaktat zu arbeiten."

herthabsc.de: Mancher ist schnell bei „Ist okay, gehört dazu“, der andere nicht. Wie kann man denn die unterschiedlichen Regenerationsbedürfnisse der Spieler händeln?
Vieth: Da gehen die Meinungen stark auseinander, bislang kann man das nicht wirklich fassen. Unser Plan ist es, in absehbarer Zeit mit Gehirnlaktat zu arbeiten, so nennt das eine kleine Arbeitsgruppe und ich zumindest, also zu schauen wie es um die Stressparameter des Einzelnen steht. Zusätzlich befragt man die Spieler, wie sie sich fühlen und bringt das in Einklang. Zur weiteren Steuerung kämen dann noch Blutuntersuchungen und die Ermittlung der Herzfrequenzvariabilität, um ein Ideal für den einzelnen Spieler zu ermitteln.

herthabsc.de: Wird das nicht ein riesiger Datenwust?
Vieth: Klar. Aber einer anhand dessen die Trainer wüssten, wie sie wen, wann und wie effektiv belasten können und wann vielleicht eher eine regenerative Einheit von Vorteil wäre.

(ph/citypress)

Teams, 16.01.2018
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