Bild: herthabsc

Ein besonderes Rückspiel für Hertha Ü60

Nach dem dramatisch abgebrochenen Pokalfinale stand ein freundschaftliches Treffen mit dem Berliner SC an.

Berlin - 20 Meter Torentfernung. Wolfgang Weber wird auf halbrechts angespielt. Ein Abwehrspieler versucht ihn bei der Ballannahme zu stören, erfolglos. Wolfgang umspielt auch den nächsten Verteidiger, zieht unwiderstehlich und schnell auf den Torwart zu. Noch eine geschickte Körpertäuschung und der Ball zappelt im Netz. Welch‘ eine grandiose Einzelleistung.

9. Mai 2013 – 'Vatertag'. Traditionell finden die Berliner Pokalfinals der Seniorenteams im Stadion Lichterfelde statt. Auch diesmal haben die Endspiele wieder um die 1.000 Zuschauer angelockt. Völlig überraschend ist die Ü60-Mannschaft des Berliner SC im ersten Jahr ihres Bestehens bis ins Finale gegen den Abonnementsieger Hertha BSC gekommen. Die BSCler kämpfen tapfer, liegen aber zur Halbzeit klar und verdient mit 0:3 im Rückstand. Dann passiert es: In der Kabine kollabiert ohne jedes Voranzeichen Wolfgang Weber, Spieler des Berliner SC. Sofort wird seinen Kameraden klar, dass es bei diesem Herzstillstand hier um Leben und Tod geht. Die verzweifelten Hilfeschreie hören in ihrer Kabine die Herthaner.

Blitzschnell kommen sie herübergerast, allen voran Michael Rätsch, Wolfgang Wiese, Uwe Gnädig. Wolfgang atmet nicht, liegt reglos und kalkweiß auf dem Boden. Einer lang eingespielten Mediziner-Crew gleich, beginnen die drei Herthaner sofort mit Wiederbelebungsversuchen mit Herzdruckmassage, Atemspende und Überwachung von Wolfgangs Körperfunktionen. Und das Wunder geschieht tatsächlich! Nach fünf, sechs Minuten setzt Wolfgangs Herzschlag wieder ein, unregelmäßig zwar, aber wenigstens soweit stabilisiert, dass ihn der eintreffende Notarztwagen noch lebendig ins Klinikum 'Benjamin Franklin' fahren kann.

Noch im Stadion verabredeten die Spieler des Berliner SC und Hertha BSC ganz spontan, sich irgendwann zur Wiederaufnahme des natürlich damals nicht zu Ende gespielten Spiels in Freundschaft zu treffen, falls Wolfgang seinen Herzinfarkt überleben würde. Dabei hofften beide Teams, dass Wolfgang eines Tages möglicherweise sogar soweit wiederhergestellt sein würde, um den Anstoß zu diesem Spiel persönlich ausführen zu können. So kam es also zu der denkwürdigen BegegnungEnde September. Ein Spiel, das zum einen Ausdruck der in den letzten Monaten ständig wachsenden Freundschaft zwischen beiden Mannschaften war. Ein Spiel aber auch, was sportlich auf einem absolut hohen Niveau stand.

Obwohl die Herthaner bereits zwei Tage nach dem vereinbarten Termin schon wieder ein schweres Meisterschaftsspiel in der Verbandsliga erwartete, traten sie trotzdem mit allen ihren Assen an. Bereits in der monatelangen Vorbereitung zu dem Spiel war nach und nach eine Verbindung zwischen den Spielern der beiden Mannschaften entstanden, wie sie so im Fußball wohl nur selten vorkommt. Man traf sich auf dem Sportplatz, traf sich privat, und in den Gesprächen ging es beileibe nicht immer nur um den Fußball. Wolfgang Weber war zwei Wochen zuvor zum ersten Mal wieder fußballerisch aktiv gewesen, natürlich mit dem Okay seiner Ärzte.

Allein dies ist bereits ein Grund zu großer Freude, dass er aber läuferisch, technisch und vom Einsatz her wieder ganz der Alte war, macht einen wirklich sprachlos. Ein großer Dank gilt den drei Herthanern! Als eine der Besonderheiten des Spiels hatten beide Teams vor dem Spiel verabredet, einige Spieler ihrer Klubs untereinander auszutauschen. Drei Hertha-Spieler trugen also die Trikots des BSC und spielten auch dort mit und umgekehr. Die drei Herthaner, die Wolfgang seinerzeit das Leben retteten, spielten natürlich mit ihm zusammen im gleichen Team - so, als wäre dies nie anders gewesen.

Das Spiel selbst hätte stimmungsvoller nicht sein können. Nach dem Tausch der individuell gestalteten Wimpel und dem Überreichen von Blumensträußen begann nach kleinen Ansprachen ein tolles Fußballspiel. Beide Mannschaften boten begeisternden Tempofußball, raumgreifendes Spiel, tolle Kombinationen und Tore, von denen eines schöner als das andere war. Es war eine Lust, zuzuschauen, aber auch die BSCler brauchten sich fußballerisch nicht zu verstecken. Obwohl es in diesem Spiel sportlich durchaus zur Sache ging, gab es doch kein einziges wirkliches Foul. Man achtete sich, respektierte sich und jeder merkte, dass hier zwei Teams auf dem Platz standen, denen es wirklich einen Riesenspaß machte.

Die Tore fielen reihenweise - hüben wie drüben, bis der Schiedsrichter das Match mit dem Endergebnis von 6:3 abpfiff. Die Spieler umarmten sich, der e.V.-Vorstand der Herthaner verteilte Geschenke an die Spieler des BSC, an Wolfgang ein originales Hertha-Trikot. Im Casino des BSC ging es dann mit einem kleinen Bankett weiter. Natürlich gab es keine Sitzordnung, und so mischten sich die Spieler und Betreuer beider Mannschaften ein weiteres Mal bunt durcheinander. Es wurde gegessen und getrunken, geredet und gelacht und gesungen. Einer der BSCer hatte seine Gitarre mitgebracht und beide Teams stellten eindrucksvoll unter Beweis, dass sie auch auf anderen Bühnen als denen des Fußballs durchaus respektable Fähigkeiten aufzuweisen haben.

Dass sämtliche Spieler von Hertha BSC ganz hervorragende Fußballer sind, braucht hier wohl nicht nochmals in Erinnerung gerufen zu werden, dass sie aber auch im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich ein meisterlicher Tabellenführer aller Klassen sind, wussten bisher möglicherweise noch nicht alle Anhänger des Fußballsports. Die Freundschaft zwischen den Ü60ern vom BSC und von der Herthaner wird sicherlich weitergehen. Herthas Manager Norbert Schmidt jedenfalls verkündete zum Abschluss des Abends bewegt, er freue sich wie alle anderen auch auf das nächste gemeinsames Treffen mit den Spielern des BSC, dann auf der Anlage der Blau-Weißen. So verging die Zeit fast wie im Fluge. Irgendwann verabschiedeten sich die neuen Freunde voneinander, wohl ein jeder ging von diesem Zusammentreffen berührt nach Hause. Und der Schiedsrichter, der von einem Spieler in dessen Auto mitgenommen und nach Hause gefahren wurde, sagte beim Aussteigen zum Abschied, dass er so ein schönes Spiel noch nie geleitet habe und dass dies in über 30 Jahren seiner Schiri-Tätigkeit tatsächlich das allererste mal gewesen sei, dass niemand gemeckert habe.

Teams, 16.01.2018
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