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Auswärts, aber zu Hause

Mitchell Weiser spricht im Interview über besondere Momente als Fußballer, Olympia und das Duell mit dem 1. FC Köln.

Berlin – Es gibt Spielszenen, die es schaffen, sich fest in das Unterbewusstsein einzubrennen. Noch Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre danach haben Fußballfans diese Momente klar vor Augen. Gelungene Spielzüge, vergebene Großchancen oder entscheidende Tore: All diese Momente erzählen eine  Geschichte – für Fans, Spieler oder Vereine aus ganz unterschiedlichen Perspektiven mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen. Auch Mitchell Weiser geht es da nicht anders, wenn er über den 2:0-Hinrundensieg der Blau-Weißen gegen den 1.FC Köln denkt.

Warum Herthas Nummer 20 gerne an eine Szene in der 63. Minute zurückdenkt, wie er seine Entwicklung beim Hauptstadtclub sieht und warum er sich auf das Duell mit seinem Ex-Verein aus Köln freut, erzählt er im Interview mit herthabsc.de.

herthabsc.de: Mitchell, wieso kannst du dich noch so genau an die Szene aus dem Hinspiel gegen den 1. FC Köln erinnern?
Mitchell Weiser: Das hat mehrere Gründe. Wir haben durch ein Tor von Vedad Ibisevic 1:0 geführt, als Köln gleich drei Chancen hintereinander hatte. Erst hat Rune Almenning Jarstein einen Schuss abgewehrt, danach habe ich einen Kopfball von Yannick Gerhardt auf der Linie geklärt, und den Abpraller hat Rune dann endgültig gehalten. Wir haben die Führung verteidigt, in der Nachspielzeit hat Vedad das 2:0 gemacht. Der Sieg war sehr wichtig für uns und für mich etwas Besonderes, weil wir gegen meinen Ex-Verein, bei dem ich in der Bundesliga debütiert habe, gewonnen haben.

herthabsc.de: Es gibt kurz nach dieser Szene Bilder von dir, auf denen du Gegenspieler Yannick Gerhardt angrinst. Was steckt dahinter?
Weiser: (lacht) Yannick und ich sind sehr gute Freunde. Wir kennen uns aus der FC-Jugend und haben seit der D-Jugend in einer Mannschaft gespielt. Wir versuchen auch heute noch so oft wie möglich zu quatschen oder uns zu sehen. Ich habe ihm aus der Emotion heraus einfach signalisiert, dass es für Köln in Berlin nichts zu holen gibt (lacht). Wir haben schon nach dem Spiel darüber geschmunzelt – alles gut.

herthabsc.de: Am Freitag (20.30 Uhr) kommt es zum Wiedersehen mit Gerhardt und dem 1. FC Köln. Welche Bedeutung hat dieses Spiel für dich?
Weiser: In Köln hat alles für mich angefangen, ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit dem Verein und der Stadt. Die prägen mich bis heute und ich sehe mich nach wie vor als Rheinländer. Ich habe als Elfjähriger beim FC angefangen zu spielen, bin dann irgendwann zu den Profis gekommen und habe 2012 mein erstes Bundesligaspiel für Köln bestritten. Für mich ist es jetzt das erste Mal, dass ich wieder dort spiele. Auch wegen Yannick verfolge ich den FC ganz besonders.

Gesagt...

"Komplett zufrieden sollte man als Leistungssportler nie sein. Diese Formulierung stört mich ein wenig."

Mitchell Weiser

herthabsc.de: Bei Hertha bist du in den vergangenen Monaten zur festen Größe geworden, bereitest Tore vor und bringst deine Leistung rechts in der Abwehr oder im Mittelfeld. Wie schätzt du deine Entwicklung beim Hauptstadtclub ein?
Weiser: Ich bin zu Hertha gekommen, um Stammspieler zu werden. Ich denke, dass hat geklappt und darüber freue ich mich sehr. Ob ich vorne oder hinten spiele, ist mir fast egal. Beide Positionen machen Spaß. Ich möchte der Mannschaft helfen, das ist wichtig. Ich glaube, dass ich hinten ein bisschen besser bin, weil ich das Spiel vor mir habe. Mir macht es Spaß, gegen technisch starke Spieler im Eins gegen Eins zu verteidigen. Für mich ist es nach wie vor entscheidend, mich weiterzuentwickeln, die Bundesliga noch besser kennenzulernen und aus Fehlern, aber auch aus Dingen, die gut geklappt haben, zu lernen – und das in jedem Spiel.

herthabsc.de: Deine Leistungen bei den Blau-Weißen haben dich zum U21-Nationalspieler gemacht und dich zu einem Anwärter auf einen Platz in der deutschen Auswahl für Olympia in diesem Sommer gemacht. Wie sehr lässt du dieses Thema an dich heran?  
Weiser: Ich möchte unbedingt bei Olympia dabei sein. Das ist mein großes Ziel. Ich setze mich schon mit dem Thema auseinander, denn ich muss der Anti-Doping-Agentur (Anm. d. Red.: NADA) jetzt immer mitteilen, wo ich mich aufhalte und wo ich schlafe. Es kann jeden Tag zwischen 6.00 und 23.00 Uhr sein, dass ich kontrolliert werde. Aber das gehört eben dazu. Trotzdem liegt der Fokus auf Hertha BSC, wir haben in der Rückrunde noch einiges vor. Außerdem ist doch klar, dass sich meine Chancen auf Rio erhöhen, wenn ich in der Mannschaft gute Leistungen bringe.

herthabsc.de: Wenn man dich beobachtet, auf und neben dem Platz, scheinst du bei Hertha BSC sehr zufrieden zu sein. Täuscht der Eindruck?
Weiser: Nein! Ich fühle mich im Verein, aber auch in der Stadt sehr wohl. Ich könnte nicht in einer Kleinstadt Fußball spielen, ich brauche Leute um mich herum und möchte etwas sehen und erleben. Aber komplett zufrieden sollte man als Leistungssportler nie sein. Diese Formulierung stört mich ein wenig. Wie sollen wir zufrieden sein, wenn wir jetzt fünf Spiele hintereinander nicht gewonnen haben? Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Das zählt schließlich, nicht irgendwelche persönliche Sachen.  Deswegen zählen in Köln auch nur die Punkte für Hertha!

(fw/City-Press)

Profis, 05.11.2018