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"Meine Erziehung war schon vorher vollkommen deutsch": Über das Hertha-Mitglied Eljasch Kaschke

Eljasch Kaschke kam in jungen Jahren als gebürtiger Russe nach Berlin, wo er nicht nur den Großteil seines Lebens verbrachte, sondern auch Mitglied bei Hertha wurde. Sein tragisches Schicksal nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten arbeiteten blau-weiße Fans nun auf.

Etwa 400 – durch die Bank männliche – Mitglieder hatte Hertha BSC um 1930, in einer Zeit, als die Plumpe, das alte Stadion am Gesundbrunnen, regelmäßig mit über 30.000 Zuschauern und Zuschauerinnen aus allen Nähten platzte. Eines der Vereinsmitglieder war Eljasch Kaschke, dessen Geschichte bislang nie erzählt worden ist. Im Rahmen des Projekts "Aus der eigenen Geschichte lernen" recherchierten rund 15 Fans zu seinem Leben – der folgende Text ist ein Ergebnis dieser Arbeit.

Von Warschau nach Berlin

Eljasch Kaschke wurde am 16. Juni 1897 in Warschau geboren, was damals noch zum Russischen Zarenreich gehörte. Kaschke wuchs in einer jüdischen Familie auf. Seine Eltern zogen mit Eljasch im Jahr 1905 nach Berlin, wo er den Großteil seines Lebens verbrachte. Im Jahre 1917 legte er eine Prüfung über die wissenschaftliche Befähigung zum einjährigen freiwilligen Dienst ab. Das Bestehen der Prüfung bedeutete für ihn, dass er noch während des Ersten Weltkrieges als Wehrpflichtiger hätte dienen müssen. Nach dem Ersten Weltkrieg bekam Kaschke, der bis dato die russische Staatsbürgerschaft innehatte, plötzlich die polnische Staatsbürgerschaft zugewiesen: 1918 wurde Polen unabhängig, Kaschkes Geburtsstadt Warschau war die neue polnische Hauptstadt. Dass Eljasch Kaschke seit über zehn Jahren nicht mehr dort, sondern dauerhaft in Deutschland lebte und von Kindesbeinen an fließend deutsch sprach, hatte keinen Einfluss.

Vereinsmitglied bei Hertha BSC

Während der 1920er Jahre absolvierte Eljasch die Ausbildung zum Kaufmann und trat somit in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters. Er heiratete Marianne Thrane, eine Hamburgerin mit dänischer Staatsangehörigkeit. Nach der Hochzeit bekam auch Marianne automatisch die polnische Staatsangehörigkeit zugewiesen, obwohl sie Polen nie betrat. Beide wohnten zusammen in Berlin. Ihre erste gemeinsame Wohnung befand sich in der Müllerstraße 165 im Ortsteil Wedding. Im Oktober 1927 wurde Eljasch Mitglied des Berliner Fußballvereins Hertha BSC. Einen aktiven Posten im Verein hatte Kaschke nicht, bei der geringen Mitgliederzahl von rund 400 ist jedoch davon auszugehen, dass zu jener Zeit die kostenpflichtige Mitgliedschaft bei Hertha BSC eine enge Verbindung zum Verein ausdrückte. Kaschke pflegte den Kontakt zum Verein: Er schrieb Postkarten aus dem Urlaub, bezahlte regelmäßig die Mitgliedschaft und besuchte die Plumpe, das ehemalige Stadion von Hertha BSC, welches in der Nähe seines damaligen Wohnsitzes in der Müllerstraße 165 lag. Auch gratulierte ihm die Schriftführung der damaligen Vereinzeitung regelmäßig zum Geburtstag.

Zwischen den Staaten: Der Einbürgerungsantrag

Bedingt durch die massive Wirtschaftskrise ab 1929 wurde Eljasch Kaschke arbeitslos. Auf der Suche nach Arbeit wechselten Marianne und er häufig den Wohnsitz, bis Eljasch im Oktober 1932 eine Arbeit als Buchhalter und Korrespondent bekam. Im selben Monat stellte er für sich und seine Frau einen Einbürgerungsantrag, er wollte die preussische Staatsangehörigkeit erlangen. Eine einheitliche deutsche Staatsangehörigkeit führten in Deutschland erst die Nationalsozialisten ein. In einem Lebenslauf, der seinem Einbürgerungsantrag von 1932 beiliegt, schrieb Eljasch Kaschke selbst: "Nach dem Kriege wurde ich, der ich ursprünglich als russischer Staatsangehöriger ins Reich gekommen war, auf Grund des Versailler Vertrages automatisch polnischer Staatsangehöriger und es gab hierbei für mich nicht einmal die Möglichkeit, für eine andere Staatsangehörigkeit zu optieren. Ich habe keinerlei Beziehung zu Polen und es verbindet mich nichts mit diesem Lande, da ich, wie vorher schon erwähnt, deutsch erzogen bin und Deutschland als meine Heimat betrachte." Nichtsdestotrotz lehnten die deutschen Behörden den Antrag im April 1933, nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, ab. Offizieller Grund der Ablehnung war Eljasch Herkunft, er wurde als sogenannter "jüdischer Ostausländer" bezeichnet – die Staatsangehörigkeit wurde bereits zu diesem Zeitpunkt immer stärker an eine vermeintlich "arische" Abstammung geknüpft. Dass Eljasch Kaschke seit 1905 permanent in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, interessierte nicht – Ziel der Nationalsozialisten war es schließlich, eine homogene "Volksgemeinschaft" auf der Basis einer "arischen Abstammung" zu etablieren.

©Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep.030-06, Nr. 22342

Ausgrenzung und Verfolgung im Nationalsozialismus

Im weiteren Verlauf des Jahres 1933 verlor Eljasch Kaschke auch seine Arbeit, ebenfalls aufgrund seiner Herkunft aus einer jüdischen Familie. Er blieb mit seiner Frau in Berlin und arbeitete selbstständig in Buchführungsangelegenheiten und als Berater für "Nichtarier". Diese Tätigkeit erbrachte kein großes Einkommen und wurde mit der Zeit immer schwieriger. Den Hauptanteil des Lebensunterhaltes brachte Marianne auf, die als Buchhalterin ihr Geld verdiente. Am 26. September 1938 wurde Kaschke zusammen mit fünf anderen jüdischen Mitgliedern vom Fußballverein Hertha BSC ausgeschlossen. Unter den ausgeschlossenen Mitgliedern war auch Hermann Horwitz, der ehemalige Mannschaftsarzt. Die antisemitische Politik der Nationalsozialisten griff erneut das persönliche Leben Kaschkes an. Am 15. Juni 1939 erhielt Eljasch Kaschke ein Aufenthaltsverbot für das Reichsgebiet und somit auch für seine eigentliche Heimatstadt Berlin. Er sollte innerhalb von zwei Wochen das Land verlassen. Dieser Aufforderung ist das Ehepaar Kaschke nicht nachgekommen.  

Deportation in das KZ Sachsenhausen

Am 13. September 1939 wurde Eljasch von der Polizei aus seiner Wohnung verschleppt und gemeinsam mit über 500 anderen polnischen Staatsbürgern vom Stettiner Bahnhof (heute: Nordbahnhof) mit einer Vorortbahn ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Die Szenen am Stettiner Bahnhof, wo sich viele Schaulustige versammelt hatten, beschrieb Leon Szalet, der ebenfalls an diesem Tag verhaftet worden ist und den Holocaust überlebt hat: "Wären nicht die Polizisten gewesen, die mit aufgepflanztem Bajonett auf jedem Lastwagen standen, der Mob hätte die Autos gestürmt. […] Wir warfen alles fort, kreuzten die Hände Genick und liefen. Die Menge stand so nahe, dass sie uns ungehindert ins Gesicht spucken konnte. Polizisten trieben uns mit Knüppeln und Gewehrkolben vorwärts und schlugen blindlings auf uns ein. Es gab keinen, der nicht ein paar wuchtige Hiebe abbekommen hätte. Blut sickerte aus vielen Gesichtern. Es war wie eine richtige Treibjagd. Bei dem Anblick von Blut verfiel die Menge in Jubel und Begeisterung." Im KZ Sachsenhausen war die Gruppe der polnisch-jüdischen Häftlinge um Kaschke extremster Gewalt ausgesetzt, viele verstarben bereits nach einigen Tagen. Auch Eljasch Kaschke wurde im KZ Sachsenhausen ermordet, laut seiner Sterbeurkunde verstarb er am 17. März 1940 in den Krankenbaracken des Lagers.

Nach 1945

Nach seinem Tod wurde die Urne von Eljasch Kaschke von einer unbekannten Person in Sachsenhausen abgeholt und auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. 1946 wurde in der jüdischen Zeitung "Aufbau" in den USA eine Traueranzeige mit mehreren Namen, darunter auch der von Eljasch, veröffentlicht. In Deutschland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg keine Verwandten mehr. Seine Ehefrau Marianne, die kurz nach seiner Verhaftung nach Dänemark flüchtete, musste alle Erinnerungen an ihren Mann zurücklassen. 1954 stellte sie einen Antrag an das Entschädigungsamt Berlin, um eine finanzielle Entschädigung für die Ermordung ihres Mannes und den Verlust ihres Eigentums zu erhalten. Sie schildert darin ausführlich, wie es ihr und ihrem Mann in den 30er Jahren ergangen war, und welchen Schikanen sie durch die nationalsozialistische Politik ausgesetzt waren. Da Marianne in Dänemark nicht arbeiten durfte, wurde ihr Leben dort notgedrungen von ihren Verwandten finanziert. Aufgrund der Tatsache, dass viele wichtige Papiere im Krieg verloren gingen, zog sich das Verfahren über Jahre hinweg. Nachdem das Verfahren um eine Entschädigung beendet war und Marianne am 29.1.1973 verstarb, verliert sich die Spur der Kaschkes.

Verfasst von Robert Daniels, Marena Genrich, Jannik Noster, Juliane Röleke
(HerthaBSC/Hertha-Archiv)

Museum, 17.10.2018
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