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#HerthaMuseum: Ellis im Wunderland

Die zwölfte Ausgabe von #HerthaMuseum stellt einen Stürmer in den Mittelpunkt, der am Donnerstag (01.11.18) seinen 67. Geburtstag begeht und in 73 Spielen der höchsten deutschen Spielklasse eine heutzutage wohl kaum mehr zu übertreffende Torquote für Hertha BSC erreichte.

Berlin – In der Saison 1975/1976 erzielt ein aus Lünen in Westfalen stammender 24-jähriger Stürmer in 38 Spielen sensationelle 29 Tore für den SV Röchling Völklingen in der 2. Bundesliga Süd und wird damit Torschützenkönig im zweigleisigen und 40 Mannschaften umfassenden bundesdeutschen Fußball-Unterhaus. Fortan steht Karl-Heinz Granitza, den Familie, Freunde und Mitspieler lediglich 'Ellis' (eine Ableitung von LSV, der Abkürzung des Namens seines früheren Vereins Lüner SV) rufen, im Mittelpunkt des Interesses von diversen Erstligisten.

Auch der FC Bayern München, der in der Saison 1975/1976 den Europapokal der Landesmeister zum dritten Mal in Folge erringt, zeigt bereits frühzeitig großes Interesse an einer Verpflichtung. Der Trainer des SV Röchling Völklingen, Herbert Binkert, spricht sich jedoch mit der Begründung, dass Karl-Heinz Granitza bei den Münchnern kaum Spielzeit erhielte, vehement gegen einen Wechsel aus.

Jetzt schlägt die Stunde von Hertha-Präsident Domrich und dessen Präsidiumskollegen Schäfer, die den aufstrebenden Goalgetter unbedingt verpflichten wollen: Mitte September 1976, die 1. Bundesliga hat bereits fünf Spieltage absolviert, ist es soweit. Karl-Heinz Granitza wechselt für circa 500.000 DM zu Hertha BSC. Eine vergleichsweise hohe Ablösesumme für einen Spieler aus der 2. Bundesliga, die sich jedoch in mehrfacher Hinsicht für die Berliner auszahlen wird.

Die 1. Bundesliga bekommt einen neuen Stürmerstar

Karl-Heinz Granitza hat es geschafft, er ist im 'Wunderland', der höchsten deutschen Spielklasse, angekommen und wird sofort seinem Ruf als Goalgetter gerecht. In seinen ersten drei Spielen erzielt 'Ellis' vier Tore und verhilft seiner neuen Mannschaft zu vier Punkten aus zwei Siegen. Es folgen elf weitere Treffer, mit 15 Toren in 27 Spielen ist Granitza mit Abstand bester Torschütze von Hertha BSC, der Verein beendet die Saison mit 34:34 Punkten auf dem zehnten Tabellenplatz.

Auch im DFB-Pokal leistet der Mittelstürmer seinen Beitrag. Im Viertelfinale schalten die Blau-Weißen den FC Bayern München nach zwei Ausgleichstreffern von Granitza mit 4:2 nach Verlängerung im heimischen Olympiastadion aus und erreichen erstmalig in der Vereinsgeschichte ein DFB-Pokal-Endspiel, in dem man sich dem 1. FC Köln erst im Wiederholungsspiel geschlagen geben muss.

In der folgenden Saison 1977/1978 verhilft 'Ellis' mit 17 Toren in 31 Bundesliga-Partien als erneut mit Abstand bester Torschütze der Mannschaft zu einem sensationellen dritten Tabellenplatz in der 1. Bundesliga. In der Saison 1978/79 erzielt Granitza neben zwei weiteren Bundesliga-Toren auch das im Nachhinein zum Erreichen des UEFA-Pokal-Achtelfinals entscheidende 2:0 gegen Dinamo Tiflis im Berliner Olympiastadion, es ist sein letztes Tor für Hertha BSC. Am 16. Dezember 1978, dem letzten Hinrundenspieltag, endet für den Angreifer nach 81 Spielminuten in der Partie beim 1. FC Köln im Müngersdorfer Stadion seine überaus erfolgreiche Zeit bei Hertha BSC.

Karl-Heinz Granitza erzielt in 92 Pflichtspielen insgesamt 39 Tore, neben den 34 Bundesliga-Toren ist er für die Berliner dreimal im DFB-Pokal und jeweils einmal im UEFA-Pokal sowie im UEFA-Intertoto-Cup erfolgreich.

Bis zum heutigen Tage hat kein Spieler für Hertha BSC in der 1. Bundesliga eine bessere Torquote als 'Ellis' erreicht. Mit 34 Treffern in 73 Spielen erreicht er einen Quotienten von 0,47 Toren pro Spiel und liegt damit sogar vor Vereinsikonen bzw. Top-Torschützen, wie z.B. Michael Preetz (0,43), Marcelinho (0,42), Marko Pantelić (0,39), Adrian Ramos (0,35), Vedad Ibišević (0,34), Erich „Ete“ Beer (0,33) und Salomon Kalou (0,33).

Ein blau-weißer Torjäger: Karl-Heinz Granitza

Vor 40 Jahren über den großen Teich

Trotz der sportlichen Erfolge von Hertha BSC hat der Verein immer wieder finanzielle Schwierigkeiten zu überbrücken, sodass es in der aufgrund der Fußball-WM 1978 in Argentinien dreimonatigen Sommerpause zu einem für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlichen Ausleihgeschäft kommt: Chicago Sting, eine Mannschaft aus der North American Soccer League (NASL), leiht den Berliner Mittelstürmer für drei Monate aus und spült so circa 400.000 DM in die Kasse von Hertha BSC.

Zur Winterpause 1978/1979 wechselt Karl-Heinz Granitza endgültig zu Chicago Sting. Der Klubeigner Lee Stern bietet dem Angreifer einen hochdotierten Fünfjahresvertrag. Die Ablösesumme in Höhe von circa 1,5 Millionen US-Dollar inklusive der Leihgebühr hilft Hertha BSC enorm, zumal der Verein eine Schuldenlast von 2,9 Millionen DM zu tragen hat und der veranschlagte Zuschauerschnitt von 25.000 zu diesem Zeitpunkt um 8.000 Zuschauer unterschritten ist.

In den USA avanciert der Deutsche zum Superstar, in den folgenden Jahren spielt er zusammen mit den ehemaligen Herthanern Arno Steffenhagen, Jörgen Kristensen und Hans 'Hanne' Weiner. Mit seinem neuen Verein gewinnt Karl-Heinz Granitza 1981 und 1984 zweimal die Meisterschaft und belegt mit 128 Toren in 199 Spielen den zweiten Platz in der ewigen Torschützenliste der NASL. Neben der Berufung in das NASL-All Star Team 1984 wird ihm 1982 eine ganz besondere Ehre zuteil. 1982 wird er vor NBA-Superstar Michael 'Air' Jordan zum Sportler des Jahres in Chicago gewählt.

Die Rückkehr nach Deutschland

Anfang der 1990er-Jahre hat die Familie Heimweh nach Deutschland. Karl-Heinz Granitza zieht mit seiner Ehefrau Roswitha und den Kindern Nadine, Kim und Nikolas zuerst nach Dortmund, nach zehn Jahren Großstadt-Flair verschlägt es sie aber nur wenige Monate später in die Umgebung der Metropole Berlin, wo die Familie nun in Potsdam-Babelsberg wohnhaft ist.

Kurz darauf eröffnet der ehemalige Hertha-Profi in der Charlottenburger Grolmanstraße das 'State Street', benannt nach der berühmten Straße in Chicago, das er sechs Jahre lang innovativ mit dem heute längst etablierten Konzept einer Sportsbar betreibt. Mehrere Jahre zeichnet er zudem für die Sendung 'HÖR MA' mit Video-Interviews rund um Hertha BSC verantwortlich.

Bis zum heutigen Tage ist 'Ellis' unserem Verein eng verbunden. Wann immer es seine Zeit als Scout für diverse namhafte europäische Spitzenvereine zulässt, ist er Gast bei unseren Heimspielen im Olympiastadion und zudem Mitglied beim offiziellen Hertha BSC-Fan Club 'Die Lenau Um-Pflüger'.

Hertha BSC gratuliert Karl-Heinz Granitza zu seinem Ehrentag und wünscht ihm alles erdenklich Gute, Glück und viel Gesundheit!

(fs/privat)

Museum, 01.11.2018