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#HerthaMuseum: Leipziger Allerlei

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Grund genug, um in der 25. Episode unserer Reihe #HerthaMuseum auf die beiden ersten deutsch-deutschen Duelle von Hertha BSC vor 54 Jahren zurückzublicken.

Berlin – In der Saison 1964/65 nimmt Hertha BSC das erste Mal am International Football Cup teil. Der Wettbewerb, auch bekannt als Intertoto-Cup, ermöglicht es, europäischen Mannschaften, die weder in den Landesmeister- noch in den Pokalsieger-Wettbewerben vertreten sind, Begegnungen auf internationaler Bühne auszutragen.

Gruppensieger, Freilos, Halbfinale

Die Berliner treten bei der vierten Ausgabe des Cups, der bereits im Mai 1964 mit 44 Teams beginnt, in einer von elf Gruppen gegen den FC Lausanne-Sport (Schweiz), Standard Lüttich (Belgien) und Feyenoord Rotterdam (Niederlande) an. Nach einer Auftakt-Niederlage in Belgien verbuchen die Blau-Weißen, die ihre Heimspiele in der Vorrunde an der 'Plumpe' austragen, nach zwei Siegen und drei Remis den Gruppensieg. Kurios: Die Vorrunde ist noch vor dem Bundesliga-Start beendet. Mit einem Freilos in der ersten K.o.-Runde erreicht der Verein das Viertelfinale, in dem die tschechoslowakische Mannschaft von Slovan Bratislava wartet. Im November 1964 gewinnen die Herthaner vor etwas mehr als 3.000 Zuschauern im Poststadion durch drei Treffer von Hans-Joachim Altendorff und einem Doppelpack von Michael Krampitz deutlich mit 5:0. Die 0:2-Niederlage im März 1965 ist reine Makulatur.

Die Auslosung für die Vorschlussrunde hat es in sich: Als Gegner wartet niemand Geringeres als die Elite-Mannschaft des SC Leipzig. 1.353 Tage nach Errichtung der Berliner Mauer begrüßt Hertha BSC wieder eine Mannschaft aus der DDR. Letztmals war 1956 Lokomotive Leipzig zu Gast bei den Blau-Weißen. Das 'Berliner Fußball-Programm' aus dem April 1965 titelt dementsprechend emotional: "Über dieses Spiel freut sich ganz Deutschland."

Deutsch-deutsches Halbfinale

Die Spieltermine Ende April und Anfang Mai passen den Herthanern allerdings wenig. Bei noch drei anstehenden Bundesliga-Partien steckt der Club mitten im Abstiegskampf. Der aktuelle Tabellendritte der DDR-Oberliga kann sich hingegen vollends auf diese beiden prestigeträchtigen Duelle konzentrieren, denn die nationale Meisterschaft ruht seit zweieinhalb Wochen wegen der Vorbereitungen der Nationalmannschaft für die anstehenden Qualifikationsspiele für die Weltmeisterschaft 1966 in England.

12.274 Zuschauer werden im Olympiastadion Zeuge einer überlegenen Darbietung der Gäste, die mit Torwart Horst Weigang sowie Manfred Geisler und Henning Frenzel, Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 1964 in Tokio, gleich drei Auswahlspieler aufbieten. Die Hausherren sind gegen diese Qualität chancenlos. Dieter Engelhardt, Hans-Jürgen Naumann (2) und Frenzel treffen für die Leipziger, die nach der Verletzung von Arno Zerbe und dem ausgeschöpften Auswechselkontingents Teile des Spiels zu neunt bestreiten. Uwe Klimaschefski gelingt beim 1:4 lediglich der zwischenzeitliche Ausgleich.

Der Besuch in Leipzig

Lediglich drei Tage später wird deutlich, wo die Priorität von Hertha BSC in diesen Wochen liegt. Denn mit einem knappen 1:0 beim Tabellenletzten Karlsruher SC kann die Mannschaft von Trainer Gerhard Schulte zwei Spieltage vor Saisonende den Vorsprung auf die Abstiegsränge auf vier Punkte ausbauen. Entsprechend gelöst begeben sich die Spieler in Festtagskleidung auf die zweistündige Autofahrt nach Leipzig.

Aber auch zahlreiche Freunde und Anhänger aus dem Ostteil der Stadt, die mitunter lediglich fünf Minuten und doch so weit entfernt wohnen, machen sich auf den Weg in die Messestadt, um ihr Team spielen zu sehen. In Leipzig gibt es ein emotionales Wiedersehen zwischen der Mannschaft und Klaus Taube, der bis zum Tage des Mauerbaus Vereinsmitglied und fester Bestandteil der Hertha-Mannschaft war. Auch wenn das Ergebnis des Hinspiels praktisch schon die Vorentscheidung um den Einzug in die beiden Endspiele bedeutet, genießt diese Begegnung höchste Bedeutung. Denn nur die Chance des Gastgebers auf den Einzug in die beiden Endspiele und die Angst vor Konsequenzen durch die UEFA bei einem Verzicht auf dieses Spiel, ermöglicht Hertha BSC diesen Auftritt hinter dem „eisernen Vorhang“.

Am Spieltag finden 35.000 Fußballfreunde den Weg in das auf Trümmerschutt des 2. Weltkrieges errichtete und 1956 eröffnete Leipziger Zentralstadion - mit einem Fassungsvermögen von 100.000 Zuschauern zudem das größte Stadion auf gesamtdeutschem Boden. Aber auch in dieser Partie können sich die Blau-Weißen nicht entscheidend durchsetzen und unterliegen durch drei Tore von Dieter Engelhardt und Karl Drößler mit 0:4 (0:1).

Der Ausklang

Erneut drei Tage später jubeln die Herthaner trotzdem. Nach einem späten Remis gegen Borussia Neunkirchen feiern sie den Klassenerhalt in der Bundesliga, den der Deutsche Fußball-Bund (DFB) allerdings am 18. Mai nach unerlaubten Handgeldzahlungen in den umstrittenen Zwangsabstieg umwandelt. Dem SC Leipzig bleibt der Triumph im Intertoto-Cup trotz eines 3:0 im Hinspiel nach einem 1:5 im Rückspiel beim polnischen Vertreter Polonia Beuthen verwehrt. Das Duell gegen die Leipziger sollte für 13 Jahre das letzte Kräftemessen mit einer ostdeutschen Mannschaft werden: Nach jahrelangen Bemühungen trifft Hertha BSC erst 13 Jahre später wieder auf ein Team aus der DDR. Im April 1978 kommt es zu einem Vergleich bei Dynamo Dresden, 13 Monate später folgt der Gegenbesuch der Dresdener im Berliner Olympiastadion.

(fs/Pressefoto)

Museum, 29.05.2019
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