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#HERTHAMUSEUM: Jürgen Mohr – Hüftwackler und Zauberfuß

Zu seinem 62. Geburtstag beleuchtet das #HerthaMuseum in seiner 49. Ausgabe die Zeit des Mittelfeldstrategen im blau-weißen Trikot, in welcher Mohr zum Publikumsliebling und Mannschaftskapitän aufsteigt.

Berlin - Nach dem Schock des ersten sportlichen Abstieges aus der Bundesliga 1979/80 formiert Hertha BSC unter Trainer Uwe Klimaschefski eine Mannschaft mit vielen neuen Gesichtern. Mit zahlreichen Neuzugängen gehen die Blau-Weißen in die 22 Mannschaften umfassende und mit 42 Saisonspielen anstrengende Saison 1980/81 der 2. Bundesliga Nord. Drei Ziele gibt die Vereinsführung für die von Kapitän Holger Brück angeführten Blau-Weißen aus: Eine Platzierung vor dem Lokalrivalen Tennis Borussia, einen gesicherten Tabellenplatz als Basis zur Teilnahme an der eingleisigen 2. Bundesliga 1981/82 und im besten Fall die direkte Rückkehr ins Oberhaus. Nach drei Niederlagen in den ersten vier Partien wird allerdings deutlich, dass in der 2. Liga ein rauer fußballerischer Wind weht. Zwar zeigt die Leistungskurve nach zwei Siegen in den folgenden drei Punktspielen und dem Weiterkommen in der ersten DFB-Pokal-Runde wieder nach oben, doch mangelt es noch an Kontinuität.

Der Wechsel aus der Dom- in die Mauerstadt

Hertha BSC ist deshalb auf der Suche nach einer weiteren Verstärkung und wird auf den 22-jährigen Jürgen Mohr aufmerksam, der beim 1. FC Köln unter Vertrag steht. Präsident Wolfgang Holst kontaktiert die Domstädter und lädt Mohr zu einem Probetraining ein, bei dem der Spielmacher auf Anhieb überzeugen kann. Beide Vereine einigen sich für eine Summe von 50.000 DM auf eine Ausleihe des Spielmachers bis Saisonende. Mohr, der im Starensemble des ambitionierten DFB-Pokal-Finalisten eher geringe Aussichten auf Einsatzzeiten erwartet, sieht in dem Wechsel in die 2. Bundesliga und die bevölkerungsreichste und durch die Mauer geteilten Großstadt eine Chance zur fußballerischen und persönlichen Weiterentwicklung.

Nach der Premiere geht es bergauf - Pokalfinale und Aufstieg zum Greifen nah

Sein Debüt im blau-weißen Trikot ist mit großen Erwartungen verbunden, die Mohr mit seinem Premierentreffer beim 4:1 gegen die Spielvereinigung Erkenschwick im Berliner Olympiastadion auch gleich erfüllt. Es ist der Start einer Serie, in der die Berliner elf von 14 Punktspielen gewinnen, darunter ein 8:0 gegen Wattenscheid sowie ein 2:0 im Derby gegen Tennis Borussia. Nach der Hinrunde belegt Hertha BSC einen aussichtsreichen zweiten Tabellenrang, der zur Teilnahme an den Relegationsspielen zur Bundesliga berechtigt. Zudem ziehen die Berliner nach zwei Erfolgen gegen den FV Würzburg und den SV Darmstadt ins Achtelfinale des DFB-Pokals ein.

Nach der Pause setzen die Blau-Weißen im neuen Jahr die Erfolgsserie in der Liga mit zehn Siegen, darunter der zweite Derbysieg bei Tennis Borussia (4:1), aus zwölf Spielen fort. Im Februar schalten die Berliner im DFB-Pokal zudem Bayer Uerdingen und den amtierenden DFB-Pokalsieger Fortuna Düsseldorf aus und erreichen zum vierten Mal das Semifinale des prestigeträchtigen Wettbewerbs. Bei der Auslosung hat Hertha aber kein Losglück und muss Anfang April beim viertplatzierten Erstligisten Eintracht Frankfurt antreten, wo sich die Elf von der Spree im Waldstadion nach großem Kampf geschlagen geben muss. Jürgen Grabowski, Frankfurter Idol und Fußball-Weltmeister 1974, attestiert den Berlinern eine Leistung, "über die man ins Schwärmen geraten konnte".

Trotz Rekordmarken: verpasste Rückkehr ins Oberhaus

Zwölf Tage später kommt es gegen Werder Bremen zum großen Showdown der beiden Erstplatzierten der 2. Bundesliga Nord vor 72.000 Zuschauern im Olympiastadion. Die Herthaner müssen nach einer Führung zur Halbzeit kurz vor Spielende den entscheidenden Gegentreffer hinnehmen und rutschen nach dieser bitteren 1:2-Niederlage sogar auf den dritten Tabellenrang ab. Die Mannschaft gibt sich jedoch nicht auf und trifft Mitte Mai nach fünf aufeinanderfolgenden Siegen als Tabellenzweiter auf die mit einem Punkt dahinter platzierte Elf von Eintracht Braunschweig. 69.000 Zuschauer wollen der Vorentscheidung um den Relegationsplatz beiwohnen. Doch trotz einer Halbzeitführung reicht es nicht einmal zu einem Remis, das die Gäste zumindest auf Distanz gehalten hätte. Als sich die Braunschweiger auch in Aachen keine Blöße geben und bei der bis dahin zu Hause unbesiegten Alemannia gewinnen, ist die letzte Chance auf die vor wenigen Wochen schon sicher geglaubte Rückkehr in die Bundesliga dahin. Mit den meisten Saisonsiegen (31) und der für die 2. Bundesliga neuen Rekordmarke von 123 Treffern sowie dem mit Abstand besten Torverhältnis (+81), verpassen die Berliner auf dem undankbaren dritten Tabellenplatz hinter den beiden Bundesliga-Absteigern aus Bremen und Braunschweig nicht nur den direkten Aufstieg, sondern mit einem Punkt Rückstand auch die beiden Relegationsspiele.

Jürgen Mohr, der die Anhänger immer wieder mit seinem unnachahmlichen Hüftwackler und zentimetergenauen Pässen in Begeisterungsstürme versetzt, steuert neun Treffer in 34 Spielen bei und avanciert zum Dreh- und Angelpunkt der Blau-Weißen. Nach der Saison verpflichtet Wolfgang Holst den Mittelfeldstrategen, der in der Angerburger Allee heimisch geworden ist, für eine Ablösesumme von 300.000 DM endgültig vom 1. FC Köln und stattet ihn mit einem Zweijahresvertrag aus.

Der ersehnte Wiederaufstieg – auch dank 17 Mohr-Toren

Die Euphorie in Berlin ist vor der eingleisigen 2. Bundesliga 1981/82 groß. 1.600 Zuschauer schwören die Mannschaft beim öffentlichen Training im Stadion Rehberge auf den Wiederaufstieg ein. Nach 17 Spieltagen belegt Hertha BSC jedoch lediglich den siebten Tabellenplatz. Als die 'Alte Dame' Anfang Dezember im Heimspiel gegen den Regionalligisten SSV Ulm aus dem Pokal ausscheidet, übernimmt Georg Gawliczek die Mannschaft von Klimaschefski. Die Herthaner gewinnen die beiden nächsten Punktspiele und rücken zur Winterpause auf den vierten Tabellenplatz vor. Die Rückrunde beginnt mit einem ernüchternden Remis gegen abstiegsbedrohte Fürther, bevor man sich bei Tabellenführer Schalke 04 knapp geschlagen geben muss. In den folgenden 14 Spielen gelingen aber acht Siege und vier Remis. Mit einem Kantersieg beim Schlusslicht Bayreuth rücken die Blau-Weißen am 36. Spieltag erstmals auf den zweiten Tabellenrang vor, der gleichbedeutend mit der Rückkehr ins Oberhaus ist. Eine Woche später macht der Hauptstadtclub vor 43.000 Zuschauern im Olympiastadion durch zwei Treffer von Bernd Beck gegen Hannover 96 den Aufstieg in die Bundesliga perfekt. Regisseur Mohr, der wegen seiner blonden Mähne und der Rückennummer 10 in der Presse zuweilen mit Günter Netzer verglichen wird, weckt mit 17 Toren in 37 Spielen das Interesse von Serie-A-Aufsteiger Hellas Verona, bleibt Hertha BSC jedoch treu und wird auf Geheiß von Wolfgang Holst zum Mannschaftskapitän bestimmt.

Abstiegskampf, Ernüchterung, Abschied

Den erneuten Abstieg kann aber auch Jürgen Mohr, seit Mitte November 1982 Nationalspieler in der deutschen Olympiaauswahl, trotz seiner 33 Einsätze mit fünf Toren nicht verhindern. Nach der Hinrunde belegen die Berliner nach drei Siegen und sechs Remis noch den 15. Tabellenplatz, jedoch gelingen in der Rückrunde lediglich zwei weitere Siege und vier Remis. Mit zwei Punkten Rückstand auf den zur Teilnahme an den Relegationsspielen berechtigenden 16. Tabellenrang steigen die Blau-Weißen als Tabellenschlusslicht zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren in die 2. Bundesliga ab.

Nach 112 Pflichtspielen und 31 Toren für die Blau-Weißen wechselt Mohr als einer der ersten Bundesligaspieler für eine siebenstellige Ablösesumme in Höhe von einer Million DM zu Eintracht Frankfurt. Im Sommer 1985 zieht es ihn zum Ligakonkurrenten 1. FC Saarbrücken, bevor er für drei Spielzeiten zum FC Luzern wechselt, mit dem ihm 1989 der Gewinn des schweizerischen Meistertitels gelingt. Es folgen zwei einjährige Engagements beim FC Sion sowie bei Servette Genf, bevor Jürgen Mohr für die Saison 1991/92 nach Berlin zurückkehrt und für Blau-Weiß 90 in der 2. Bundesliga Nord die Fußballschuhe schnürt. Nach drei Spielzeiten bei Eintracht Trier in der Ober- und Regionalliga beendet der mittlerweile fast 37-Jährige 1995 seine aktive Karriere.

Immer noch auf der Höhe des Balls

Heute lebt Jürgen Mohr in Rheinland-Pfalz an der schönen Mosel in der Nähe von Bernkastel-Kues. Nach 20 Jahren als selbstständiger Weinvertreter ist er nun in der Firma seiner Lebensgefährtin im ambulanten Pflegedienst tätig. Selbstverständlich verfolgt der ehemalige Mittelfeldspieler das aktuelle nationale und europäische Fußballgeschehen, zudem ist sein Neffe Tobias für den 1. FC Heidenheim in der 2. Bundesliga aktiv. Auch heute noch denkt der Zauberfuß sehr gerne an seine Zeit an der Spree zurück. Die Verantwortlichen und Fans von Hertha BSC bedanken sich bei Jürgen Mohr für unvergessliche Fußballmomente und wünschen ihm auch für das neue Lebensjahr stete Gesundheit und alles erdenklich Gute.   

(fs/HerthaBSC,imago)

Museum, 15.11.2020
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