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#HERTHAMUSEUM: Die Saison 1990/91 - blau-weiße Tristesse nach dem Mauerfall

Vor 30 Jahren startet Hertha BSC nach sieben Jahren Abstinenz wieder in der Bundesliga. Die 48. Folge #HerthaMuseum blickt auf eine Saison, die von Personalwechseln und sportlichen Rückschlägen gekennzeichnet ist.

Berlin – Nach dem Wiederaufstieg in der Mauerfall-Saison 1989/90 ist der Klassenerhalt in der folgenden Spielzeit das logische Ziel für Hertha BSC. Manager Horst Wolter schätzt die Situation realistisch ein: Um nicht abzusteigen, benötigt die Mannschaft von Trainer Werner Fuchs Verstärkungen. Präsident Heinz Roloff, der sich im Verein seit Jahren finanziell stark engagiert, will jedoch kein Risiko eingehen und weist die Bitte des ehemaligen Hertha-Torhüters um zusätzliche Gelder ab. Verpflichtungen von Stars sind kein Thema für den Aufsteiger. So wechseln auch die besten Spieler aus der DDR-Oberliga allesamt zu wirtschaftlich potenteren Bundesliga-Kontrahenten. 

Der Kader

Mit einem Budget von drei Millionen DM kommt Manager Wolter trotzdem so manchem Trainer-Wunsch nach: In Nationalspieler Uwe Rahn wechselt ein Bundesliga-Torschützenkönig an die Spree. Der Fußballer des Jahres 1987 spielte vorher beim 1. FC Köln. Norbert Schlegel vom 1. FC Saarbrücken sowie der Engländer Mark Farrington von Fortuna Sittard (Niederlanden) werden seine Kollegen. Für das Trainingslager im niedersächsischen Weserbergland stehen Werner Fuchs somit 18 Feldspieler und drei Torhüter zur Verfügung. Mit Torwart Marco Sejna, Dirk Greiser, Thorsten Gowitzke, Sven Kretschmer, Mike Lünsmann, Frank Mischke, Daniel Scheinhardt, René Unglaube und Marco Zernicke hat die 'Alte Dame' mit neun gebürtigen Berliner so viele 'Einheimische' im Kader wie kein anderer Erstligist. Allerdings gilt das Aufgebot mit einem Altersdurchschnitt von lediglich 25,50 Jahren als eher unerfahren.

Der Start in die Bundesliga

Am 9. August 1990 beginnt für Hertha BSC die langersehnte Aufgabe in der höchsten deutschen Spielklasse. 2.623 Tage nach der bislang letzten Partie im deutschen Fußball-Oberhaus ist der FC St. Pauli zu Gast. Trotz Regenschauer und der TV-Live-Übertragung finden 32.000 Zuschauer den Weg ins Berliner Olympiastadion. Nach einer knappen halben Stunde ist es Neuzugang Rahn, der die Blau-Weißen nach schöner Vorarbeit von Robert Holzer mit einem sehenswerten Hackentreffer in Führung bringt. Danach ist das Glück nicht auf Seiten der Herthaner. Zunächst bleibt nach Foulspiel von Gästetorwart Klaus Thomforde an Kapitän Dirk Greiser der fällige Elfmeterpfiff aus, dann scheitert Wolfgang Patzke am Pfosten. Trotz der hochverdienten Pausenführung führen zwei individuelle Fehler nach dem Seitenwechsel zu zwei Gegentoren – und besiegeln trotz verheißungsvoller Leistung die Niederlage.

Das Warten auf den Sieg 

Gleich im ersten Auswärtsspiel wird deutlich, wie hoch die Trauben in der Bundesliga hängen: Beim VfB Stuttgart unterliegen die Spreeathener deutlich mit 0:4. Im folgenden Heimspiel gegen den Karlsruher SC reicht es nach früher Führung immerhin zum Remis. Am 4. Spieltag geht es auf den Betzenberg. In Angriffslaune gehen die Berliner in der ersten Spielhälfte zwei Mal in Führung, ehe der 1. FC Kaiserlautern die Partie mit drei eigenen Toren dreht. Die Hausherren kontern auch den zwischenzeitlichen Ausgleich und jubelten nach einem späten Treffer über den 4:3-Sieg. Es folgen - bei der Premiere des aus Köln geholten Armin Görtz - weitere Pleiten gegen Fortuna Düsseldorf (0:1) und beim VfL Bochum (2:4). Nach sechs Spieltagen rangieren die glücklosen Blau-Weißen am Tabellenende.

Das Präsidium wendet sich im Vorwort des Stadionprogrammheftes zur Partie gegen Werder Bremen an die Öffentlichkeit, tritt Spekulationen entgegen und spricht dem bei Anhängern und Spielern sehr geschätzten Trainer Fuchs das Vertrauen bis mindestens zum Saisonende aus. Trotzdem müssen die Berliner nach zwei torlosen Remis gegen die Norddeutschen sowie gegen den 1. FC Köln und zwei 0:2-Niederlagen bei Borussia Mönchengladbach und gegen den Hamburger SV weitere vier Spiele auf den ersten Saisonsieg warten. Ausgerechnet gegen den Tabellenzweiten Eintracht Frankfurt gelingt am 11. Spieltag durch Axel Kruses Tor des Tages der eher glückliche erste Erfolg. Eine Woche später setzt es trotz Halbzeitführung beim 1:3 bei Borussia Dortmund jedoch wieder einen Dämpfer.

Manager- und Trainerwechsel 

Im Winter 1990 verdrängt Reinhard Roder Horst Wolter als Manager und verspricht einen namhaften Trainer. Wolter bleibt aber auf Bitte von Präsident Roloff im Verein, um das traditionell stattfindende Hallenturnier in der Berliner Deutschlandhalle zu organisieren. Sportlich ändert sich nichts: Einen Tag nach dem Wechsel verliert Hertha das Spiel bei Mitaufsteiger Wattenscheid 09 mit 1:3. Der neue handelt und ersetzt Aufstiegstrainer Fuchs durch den renommierten Ungarn Pál Csernai. Seine Premiere ist eine ganz besondere: Im Berliner Olympiastadion trotzen die leidenschaftlich kämpfenden Hausherren ausgerechnet dem FC Bayern München, den Csernai zuvor zu zwei Meisterschaften und einem DFB-Pokal-Gewinn geführt hat, vor knapp 40.000 Zuschauern ein verdientes 0:0 ab. Beim Schlusslicht keimt wieder Hoffnung auf, erst Recht nach dem 4:1 beim Vorletzten 1. FC Nürnberg. Ein torloses Remis gegen den Tabellen-16. Bayer Uerdingen im letzten Hinrundenspiel trübt die Stimmung. Hertha BSC geht aufgrund einer nachzuholenden Partie bei Bayer Leverkusen mit einem Spiel weniger und jeweils vier Punkten Rückstand auf den Nichtabstiegs- bzw. Relegationsrang in die bis Anfang März 1991 dauernde Winterpause.

Die Luft war sprichwörtlich raus. Robert Holzer und Daniel Scheinhardt begutachten ein kaputtes Spielgerät.

Die Rückrunde – erneuter Tausch auf der Bank

Vor der zweiten Saisonhälfte gelten die Blau-Weißen als erster Abstiegskandidat. 83 Tage nach dem bis dato letzten Ligaspiel unterliegen die Berliner dem VfB Stuttgart mit 0:2. Bei St. Pauli verspielt die Mannschaft beim 2:2 einen Sieg durch ein Elfmeter und ein Eigentor. Nach nur sechs Spielen und trotz vier gewonnenen Punkten trennen sich Verein und Trainer Csernai nach dem folgenden 0:3 beim Karlsruher SC. Doch auch unter Nachfolger Peter Neururer findet die Mannschaft nicht in die Erfolgsspur: Es setzt drei Niederlagen gegen Kaiserslautern (0:2) sowie in Leverkusen (1:3) und Düsseldorf (2:4). Nach dem 2:4 gegen Bochum folgt im April mit dem desaströsen 0:6 in Bremen der negative Höhepunkt. Eine Woche später trotzen die Spreeathener Borussia Mönchengladbach zwar ein 1:1 ab, aber in Köln (1:2), gegen den HSV (1:4) und in Frankfurt (1:5) verlassen die Berliner das Spielfeld jeweils als Punktelieferant.  

Vorzeitiger Abstieg trotz Kraftakt gegen den BVB

Am 29. Spieltag gastieren die Blau-Weißen in Dortmund. Zwar gleich Sven Kretschmer und Theo Gries mit einem Doppelschlag innerhalb von 120 Sekunden die frühe Dortmunder Führung aus, doch nach 90 Minuten reicht der Punkt nicht, um die Klasse zu halten. Bei noch fünf zu absolvierenden Partien hat Hertha BSC elf Punkte Rückstand auf das rettende Ufer. Selbst Uerdingen und Nürnberg auf den Plätzen 16 bzw. 17 sind mit jeweils zehn Punkten Vorsprung und weitaus besserer Tordifferenzen nicht mehr einzuholen. Was folgt ist ein 2:3 gegen die SG Wattenscheid. Eine Woche später kassieren die Berliner beim FC Bayern ein bitteres 3:7. Das anschließende Statement Neururers auf der Pressekonferenz  veranlasst das Präsidium, dem Trainer aufgrund einer vereinsschädigenden Aussage fristlos zu kündigen. Mit 2:22 Punkten aus zwei Remis und zehn Niederlagen verantwortet der Fußballlehrer die schlechteste Bilanz aller hauptamtlichen Erstliga-Trainer der blau-weißen Vereinsgeschichte.

Der vierte Trainer

Für die letzten drei Saisonspiele übernimmt Co-Trainer Karsten Heine interimsmäßig die Verantwortung. Während seine Schützlinge gegen Nürnberg mit 2:4 verlieren, gelingt ihnen am vorletzten Spieltag bei Bayer Uerdingen erstmals seit dem 15. Spieltag wieder ein Sieg. Nach Toren von Lünsmann und Kretschmer beenden die Berliner mit dem 2:1 ihre Negativserie. Torwart Marco Sejna, der seit dem 29. Spieltag das Gehäuse hütet, feiert seinen einzigen Bundesliga-Sieg und hält dabei sogar einen Strafstoß. Im letzten Saisonspiel gegen Leverkusen setzt ein gebürtiger Berliner den Schlusspunkt unter eine enttäuschende Spielzeit. Thomas Zetzmann erzielt in seinem dritten und letzten Erstligaeinsatz kurz vor Spielende den Treffer zum 1:2-Endstand und sorgt damit für den letzten Torjubel der Herthaner in der Bundesliga-Saison 1990/91.

Die ernüchternde Bilanz

In 34 Bundesliga-Spielen unter den vier Trainern Fuchs, Csernai, Neururer und Heine kommt die Mannschaft mit nur drei Siegen, acht Remis und 23 Niederlagen auf lediglich 14:54 Punkte bei 34:87-Toren. Mit den wenigsten Siegen, den meisten Niederlagen, den meisten Gegentreffern und der schlechtesten Tordifferenz seit Zugehörigkeit in der höchsten deutschen Spielklasse steigt Hertha BSC mit einem Abstand von 15 Punkten als Tabellenletzter direkt wieder ab. Die meisten Spiele bestreiten Torwart Walter Junghans, Theo Gries, Jan Halvor Halvorsen und Mike Lünsmann mit je 28 Einsätzen. Top-Torschützen sind Theo Gries und Sven Kretschmer (je 6 Treffer) sowie Uwe Rahn (5). In den 17 Heimspielen verzeichnet Hertha BSC ein durchschnittliches Zuschauerinteresse von 15.149 Besuchern. Den höchsten Besucherzuspruch vermelden die Blau-Weißen am 14. Spieltag mit 38.752 Zuschauern gegen Bayern München. Lediglich am Premierenspieltag gegen den FC St. Pauli liegt das Besucherinteresse ebenfalls über der Marke von 30.000 Zuschauern. Den geringsten Zuschauerzuspruch verbuchen die Berliner am 30. Spieltag mit lediglich 6.541 Zuschauern Wattenscheid 09.

(fs/HerthaBSC,imago)

Museum, 15.11.2020
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