Bild: herthabsc

#HerthaMuseum: Deutscher Vizemeister 1974/75

Die 47. Ausgabe der Serie beleuchtet die ereignisreiche Saison, die die Blau-Weißen vor 45 Jahren mit der bisher besten Platzierung in der Bundesliga und dem inoffiziellen Titel des Deutschen Vizemeisters krönen.

Berlin – Die Spielzeit 1974/75 beginnt für Hertha BSC turbulent, denn die Mannschaft steht plötzlich ohne Trainer da. Dettmar Cramer, der nach dem freiwilligen Abschied von Helmut 'Fiffi' Kronsbein zu Hannover 96 im März des Jahres von Präsident Heinz Warneke als neuer Trainer präsentiert worden ist, bittet bereits nach der ersten Trainingseinheit im Juli 1974 aus persönlichen Gründen um die Vertragsauflösung. Er begleitet die Mannschaft jedoch noch ins Trainingslager nach Herzogenaurach, bis mit der überraschenden Verpflichtung des bis dahin in Deutschland weitestgehend unbekannten Georg Kessler ein Nachfolger gefunden ist. Die Akzeptanz des neuen Trainers durch die Mannschaft, die sich eigentlich auf die Zusammenarbeit mit dem renommierten Cramer eingestellt hat, erfolgt zunächst widerwillig. Gut drei Wochen vor Saisonbeginn reist die Mannschaft Anfang August nach Japan, um dort drei Freundschaftsspiele auszutragen. Während dieses Aufenthalts wird die anfängliche Skepsis schnell überwunden, eine Vertrauensbasis als Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ensteht.

Der Startschuss – zwei ungeschlagene Serien in der Hinrunde

Der Auftakt in die Saison 1974/75 fällt durchwachsen aus. Nach einem 3:3 gegen Düsseldorf, das die Herthaner erst durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit sichern, und einer 1:2-Niederlage beim Deutschen Meister Bayern München rangieren die Blau-Weißen lediglich auf Platz 14. Zu allem Überfluss bedeutet das 1:4 nach Verlängerung in Braunschweig das Aus in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals. Die Fans der 'Alten Dame' reagieren skeptisch. Nur 20.000 Zuschauerinnen und Zuschauer - und damit 10.000 weniger als am 1. Spieltag - kommen ins Olympiastadion zur Partie gegen die Kickers aus Offenbach. Der klare 4:1-Sieg der Kessler-Elf ist ein Startschuss für eine Serie von insgesamt sechs ungeschlagenen Kräftemessen. Einem 1:1 in Hamburg und einem 2:1-Erfolg in Stuttgart lassen die Blau-Weißen ein 1:1 gegen Köln folgen - mit 43.000 Anhängerinnen und Anhängern war die Heimspielstätte bereits deutlich besser besucht. Unentschieden endet auch die Begegnung in Wuppertal (0:0), ehe das Team gegen Schalke wieder gewinnt (1:0) und auf den achten Rang klettert. Der Lauf endet erst mit der (erneuten) 1:2-Pleite bei der Eintracht in Braunschweig.

Historischer Sieg in einer historischen Saison: 4:1 gegen den FC Bayern.

Aber auch dieses Mal ist der Misserfolg in Niedersachsen der Beginn einer Serie von sechs erfolgreichen Spielen ohne Niederlage. Am 13. Spieltag kommt es zu einem Novum in der Bundesliga-Geschichte: Erstmalig stehen sich zwei Berliner Mannschaften in der höchsten deutschen Spielklasse gegenüber. Hertha BSC ist vor 75.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion bei Tennis Borussia 'zu Gast' und entscheiden das Stadtduell nach drei Treffern in der zweiten Hälfte mit 3:0 für sich. Angetrieben dadurch gewinnen die Blau-Weißen auch gegen Kaiserslautern (2:1) und in Duisburg (3:1). Zudem erzielt Erich 'Ete' Beer mit seinem Führungstreffer im Wedaustadion das erste 'Tor des Monats' für den Hauptstadtclub. Einen Rückschlag setzt es am offiziell letzten Hinrundenspieltag beim VfL Bochum, der im Ruhrstadion noch unbesiegt ist. Die Blau-Weißen, die in den weißen Auswärtstrikots des VfL Bochum antreten müssen, da die mitgebrachten Trikots zu sehr den blauen Heimtrikots der Gastgeber ähneln, unterliegen deutlich mit 0:4 (0:0). Sechs Tage später kehren die Spreeathener in einem Nachholspiel mit einem 4:2 gegen Rot-Weiss Essen in die Erfolgsspur zurück - und thronen zum Jahreswechsel auf dem ersten Tabellenplatz! Allerdings entreißt Borussia Mönchengladbach den Berlinern in zwei Nachholspielen im Januar 1975 aufgrund der besseren Tordifferenz den inoffiziellen Titel des Herbstmeisters.

Die 'Alte Dame' mit zwei Gesichtern in der Rückserie

Nach einem torlosen Remis in Düsseldorf zu Beginn der Rückrunde steht eine Woche später ein weiterer Höhepunkt an. Der FC Bayern, mittlerweile pikanterweise von Dettmar Cramer trainiert, ist zu Gast. Mehr als 80.000 Zuschauern erleben in einer historischen Partie beim 4:1 den ersten Bundesliga-Heimsieg gegen den amtierenden Ligaprimus. Die Ernüchterung folgt allerdings schon eine Woche später im Spitzenspiel am Bieberer Berg, als die Herthaner nach einem 1:3 beim punktgleichen Tabellenzweiten Kickers Offenbach mit leeren Händen nach Berlin zurückkehren. Mit zwei Heimsiegen gegen den HSV (1:0) und Stuttgart (4:0) bringt die Mannschaft den Hertha-Dampfer allerdings postwendend wieder auf Kurs. In den darauffolgenden fünf Wochen zeichnet sich dann ab, woran der erneute Sprung an die Tabellenspitze scheitert. Denn die drei Gastspiele in Köln (1:2), auf Schalke (0:1) sowie in Bremen (0:4) verliert die Mannschaft allesamt. Nur die Heimstärke mit zwei Siegen gegen Wuppertal (2:0) sowie gegen Braunschweig (3:1) ist es zu verdanken, dass es am 28. Spieltag zum großen Showdown mit Tabellenführer Borussia Mönchengladbach kommt.

Gesagt...

"Erich 'Ete' Beer"

Ja, da überleg' ich heut‘ noch! Auf die Frage, warum es nicht zum großen Wurf reichte

Hertha BSC entscheidet diese Begegnung vor 81.455 Zuschauern im Olympiastadion mit 2:1 für sich und verkürzt den Abstand auf zwei Punkte. Durch Erfolge in Frankfurt und gegen den praktisch bereits als Absteiger feststehenden Lokalrivalen Tennis Borussia (je 2:1) vor nur noch gut 45.000 Zuschauern in der gemeinsamen Heimspielstätte bleibt die 'Fohlenelf' auch nach dem 30. Spieltag in Schlagdistanz. Aber bereits eine Woche später fällt die Vorentscheidung im Titelkampf. Während sich Gladbach am heimischen Bökelberg mit einem Schützenfest gegen Absteiger Wuppertal keine Blöße gibt, unterliegen die Blau-Weißen beim 1. FC Kaiserslautern mit 0:3. Trotz des folgenden blau-weißen 3:0 gegen den MSV Duisburg krönen sich die 'Fohlen' am 32. Spieltag mit einem Auswärtssieg in Gelsenkirchen aufgrund des weitaus besseren Torverhältnisses vorzeitig zum neuen Deutschen Meister. Durch ein 1:2 in Essen rutschen die Berliner vor dem letzten Spieltag sogar auf den dritten Tabellenplatz ab. 25.000 Zuschauer wollen einem versöhnlichen Saisonabschluss beiwohnen und werden mit einem 4:2 gegen Bochum für ihr Kommen belohnt. Da die zweitplatzierten Frankfurter etwas überraschend in Braunschweig unterliegen, platziert Hertha BSC sich auf der Zielgeraden noch auf den zweiten Rang und ist Deutscher Vizemeister.

"Nur" Vize trotz enormer Heimstärke – Kessler lädt ein, Beer überlegt "heute noch"

Unmittelbar nach dem Abpfiff strömen zahlreiche blau-weiße Fans auf das Spielfeld und feiern ihre Mannschaft. Zu den Leistungsträgern zählen neben Mannschaftskapitän Ludwig 'Luggi' Müller, der vor dem Anpfiff offiziell verabschiedet wird und mit dieser Partie seine aktive Karriere beendet, vor allem Torwart Thomas Zander, Gerhard Grau, Lorenz 'Lenz' Horr und Uwe Kliemann, die in allen 34 Saisonspielen zum Einsatz kommen. Weitere Dauerbrenner und Säulen des Erfolges sind Hans 'Hanne' Weiner (33 Einsätze), 'Ete' Beer und Erwin Hermandung (je 32), Michael Sziedat (31), Kurt 'Kudi' Müller und Wolfgang Sidka (je 30) sowie Holger Brück (25). Als beste Torschützen zeichnen sich 'Ete' Beer mit elf Toren, Uwe Kliemann (7), Gerhard Grau, 'Kudi' Müller und Sidka (je 6) aus. Detlev Szymanek trifft in 14 Einsätzen fünf Mal.

'Ete' Beer, der nach eigener Aussage seine beste Zeit als Spieler unter der Regie von Georg Kessler erlebt, berichtet von einem besonderen Ereignis im Anschluss an die Spielzeit. Der Trainer, später bekannt mit dem Beinamen 'Sir', hat vor seiner Verpflichtung eine Prämie für das Erreichen der Tabellenränge 1 bis 3 ausgehandelt. Nach der Vizemeisterschaft lädt Kessler von dieser Summe die Spieler mit Frauen ins 'Hotel Berlin' zu einer großen Feier ein, von der die Beteiligten bis zum heutigen Tage schwärmen. Auf die Frage, warum es für die beste Heimmannschaft mit 15 Siegen und zwei Remis in der Festung Olympiastadion letztendlich nicht zum ganz großen Wurf gereicht hat, antwortet der Berliner Torjäger Beer mit den Worten "Ja, da überleg' ich heut' noch." Dennoch bleibt es eine historische Saison, die hinsichtlich der Platzierung bis zum heutigen Tage unerreicht ist.

(fs/HerthaBSC)

Museum, 15.06.2020
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