Bild: herthabsc

#HerthaMuseum: Volkmar Groß – zwischen ganz oben und ganz unten

Die 41. Ausgabe der Reihe beschäftigt sich mit der Karriere des ehemaligen blau-weißen Torhüters, der am 31. Januar seinen 72. Geburtstag begangen hätte.

Berlin – 19 Jahre alt war Volkmar Groß, als er zur Saison 1967/68 vom Ligakonkurrenten Hertha Zehlendorf zu Hertha BSC wechselte. Mit dem amtierenden Meister der Regionalliga Berlin und seinem Trainer Helmut 'Fiffi' Kronsbein will der Verein endlich die Rückkehr in die Bundesliga schaffen. In dieser Spielzeit erringen die Blau-Weißen zum dritten Mal in Folge die Berliner Meisterschaft und qualifizieren sich erneut für die Aufstiegsrunde zur Bundesliga - auch weil der junge Schlusmann in 30 Saisonspielen lediglich elf Gegentreffer hinnehmen muss. In der Aufstiegsrunde setzt sich die 'Alte Dame' gegen den SV Alsenborn, Rot-Weiss Essen, Bayern Hof und den SC Göttingen durch. Wiederaufstieg! Die Triumphfahrt des Bundesliga-Rückkehrers durch die West-Berliner Innenstadt mit dem Empfang durch den Regierenden Bürgermeister im Rathaus Schöneberg markiert den bis dahin schönsten Tag in der Karriere des blonden Hünen. 

Erfolgreiche Zeiten in der Bundesliga

Aufgrund einer Verletzung von Groß verpflichtet Hertha BSC zur Saison 1968/69 den österreichischen Nationaltorwart Gernot Fraydl. Nach seiner Genesung ist es für Trainer Kronsbein unmöglich, einen der beiden gleichwertigen Torhüter auf die Bank zu setzen. Gemeinsam entscheiden sie sich für eine Rotation im Berliner Gehäuse. In den beiden folgenden Bundesliga-Spielzeiten verzeichnet Fraydl 31 Spiele, während Groß auf 39 Einsätze kommt. Nach der Saison 1969/70, die die Herthaner mit der bis zum heutigen Tage höchsten Punktzahl in der Vereinsgeschichte absolvieren, verlässt der Österreicher die Berliner. Fortan ist der acht Jahre jüngere Groß wieder die alleinige Nummer 1.

Der Ruf des Bundesadlers – Puskas' großes Kompliment

Die erste Hälfte der Saison 1970/71 läuft für den Hauptstadtclub und den Schlussmann herausragend. Nach 16 Spieltagen belegt die 'Alte Dame' auch dank Groß mit nur 16 Gegentoren Rang 5. Die guten Auftritte des Torhüters sind auch Helmut Schön nicht verborgen geblieben. Der Bundestrainer beruft den 23-Jährigen in den Kader für das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Griechenland. Im November 1970 debütiert der Schlussmann als 13. Spieler von Hertha BSC im Nationalmannschafts-Trikot und gewinnt an der Seite von DFB-Legenden wie Franz Beckenbauer oder Wolfgang Overath mit 3:1. Nach der Partie erhält Groß von einer Legende des Weltfußballs ein herausragendes Kompliment. Auf die Frage eines Reporters, wer ihm in der deutschen Mannschaft imponiert habe, antwortet Ferenc Puskas, damals Trainer von Panathinaikos Athen: "Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Den nachhaltigsten Eindruck machte auf mich der große blonde Riese im Tor. Ich bin sicher, dieser Mann wird in wenigen Jahren ein Weltklassetorwart sein!"

Gesagt...

"Ich bin sicher, dieser Mann wird in wenigen Jahren ein Weltklassetorwart sein!"

Ferenc Puskas lobt Groß nach dessen erstem und einzigem Länderspiel

Ein Tag verändert alles

Doch so weit kommt es nicht. Der letzte Spieltag der Saison 1970/71 verändert alles. Die im Olympiastadion bis dahin unbesiegten Berliner empfangen das akut abstiegsgefährdete Arminia Bielefeld. Als die Begegnung trotz Feldüberlegenheit mit 0:1 verloren geht, macht das Wort "Schiebung" die Runde auf den Rängen. Nachdem Horst-Gregorio Canellas, Präsident der abgestiegenen Offenbacher Kickers, einen Tag später durch Tonbandaufnahmen das ganze Ausmaß von Spielabsprachen ans Tagelicht bringt, geraten auch Berliner Spieler in Erklärungsnot. In einem Interview schilderte Volkmar Groß 2004 die Ereignisse aus seiner Sicht: "Ich kann da sowohl für mich als auch für den Großteil der Mannschaft sprechen, wenn ich sage, dass wir uns während des Spiels gegen Bielefeld wirklich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Wir haben uns lediglich nach dem Spiel falsch verhalten. Vor dem Spiel wussten wir zwar auch von dem Angebot, aber da haben wir nur darüber gelacht, es wurde nie ernsthaft darüber diskutiert, dieses Spiel zu verschieben. Als wir dann aber das Spiel tatsächlich ungewollt verloren hatten, haben wir uns im Waldhaus, einem Lokal an der Heerstraße getroffen."

Im Laufe des Abends kommt es dort zur Übergabe eines Aktenkoffers mit 250.000 Mark, da die Ostwestfalen davon ausgehen, dass Hertha BSC das Spiel absichtlich verloren habe. Über die Verteilung des Geldes berichtet Groß mehr als drei Jahrzehnte später: "Selbstverständlich hatten wir alle auch ein bisschen Angst, da wurde schon ziemlich diskutiert, das lief nicht innerhalb von 20 Minuten ab. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, allerdings auch nicht zu schwer, um ganz ehrlich zu sein. Wir fühlten uns bei der Sache auch nicht schuldig, weil wir ja nicht absichtlich verloren hatten, was uns hinterher natürlich keiner geglaubt hat." Die falsche Entscheidung: Der Torhüter wird später gesperrt und muss 15.000 Mark für karitative Zwecke an den DFB zahlen. Der Schlussmann wird jedoch vorzeitig begnadigt.

In die USA und zurück

Nach dem Urteil und insgesamt 141 Pflichtspielen für Hertha BSC zieht es den Schlussmann zur Saison 1972/73 für zwei Spielzeiten zum Hellenic FC nach Kapstadt. 1974 kehrt er nach Europa zurück und schließt sich Twente Enschede an. Gleich in der ersten Saison erreicht er die UEFA Pokal-Endspiele gegen Borussia Mönchengladbach, muss sich mit seiner Mannschaft nach einem 0:0 im Hinspiel im Rückspiel in Enschede aber mit 1:5 geschlagen geben. Nach zweieinhalb Spielzeiten in den Niederlanden folgt Groß dem Ruf von 'Rudi' Gutendorf, der ihn 1977 zum abstiegsbedrohten Lokalrivalen Tennis Borussia zurück in die Bundesliga holt. Er bestreitet alle 17 Rückrundenspiele, kann den Abstieg trotz starker Leistungen aber nicht verhindern. Immerhin gelingt dem Keeper am letzten Spieltag per Elfmeter sein einziger Karrieretreffer. Groß wechselt zu Schalke 04, bevor er sich im Dezember 1978 dem Stress trotz sehr guter Darbietungen nicht mehr gewachsen sieht. Nach der Winterpause geht er in die USA, wo er für die Minnesota Kicks und die San Diego Sockers das Tor hütet. Wenige Wochen vor seinem 36. Geburtstag beendet Groß 1983 seine aktive Laufbahn.

Ende 2003 kehrt Volkmar Groß aus den USA nach Deutschland zurück und eröffnet die Sports-Bar 'Volkmar’s Tor' in Charlottenburg. 2006 erhält er die Diagnose, dass er an Prostatakrebs erkrankt ist. Im Berliner Olympiastadion ist er dennoch regelmäßig bei den Heimspielen seines Herzensclubs zu Gast. Mittlerweile leidet Groß neben seiner Krebserkrankung zudem an der Lungenkrankheit COPD. Trotzdem wirkt er weiterhin im HFC-Treff 'Sporteck', den er seit 2008 in Schöneberg mitbetreibt, auch wenn er jetzt nicht mehr hinter dem Tresen steht.

Letzte Ruhe in Zehlendorf

Der einstige Keeper trifft sich regelmäßig mit ehemaligen Mitspielern sowie Fans und erzählt dabei Anekdoten aus seiner aktiven Zeit. Bei einem solchen Austausch erwähnt Groß im Juni 2014 fast beiläufig ein "baldiges Ende" und äußert auf privater Ebene die Hoffnung, die kommende Saison von Hertha BSC noch zu "überstehen". Doch kurze Zeit später wird der Berliner in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er einen Tag vor dem WM-Viertelfinale zwischen Frankreich und Deutschland im Alter von nur 66 Jahren aus dem Leben scheidet. Einen Monat später findet der 'Lange' nach einer bewegenden Trauerfeier, bei der Lothar Pötschke als Vorsitzender des Ältestenrats von Hertha BSC die Trauerrede hält, in einer blau-weißen Fußball-Urne seine letzte Ruhe auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof.

(fs/HerthaBSC)

Museum, 24.01.2020
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