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#HerthaMuseum: Hertha am langersehnten Ziele – endlich Deutscher Meister!

In unserer neuen Serie nehmen wir euch wieder mit auf eine virtuelle Tour durch Herthas Historie.

Berlin/Düsseldorf - Samstag, der 22.06.1930: Rund 40.000 Zuschauer erwarten bei hochsommerlichen Temperaturen um die 40° Grad im Glutkessel des Düsseldorfer Rheinstadions den Anpfiff des Endspiels um die 23. Deutsche Fußball-Meisterschaft. Etwa 100 Anhänger begleiten Hertha bei dem Versuch, im fünften Anlauf seit 1926 endlich die begehrte Victoria, die dem Deutschen Meister seit 1903 verliehen wird, für die blau-weißen Farben in die Hauptstadt zu holen.

Der Weg ins Finale

Der Weg der Mannschaft ins Endspiel beim 3:2 (2:2) gegen die Beuthener SuSV im Achtelfinale sowie beim 1:1 (1:1, 1:1, 1:0) nach Verlängerung bei der Spielvereinigung Köln-Sülz 09 im Viertelfinale fällt anfangs allerdings noch schwer.

Erst durch das überzeugende 8:1 (4:0) im notwendigen Wiederholungsspiel gegen die Rheinländer im Poststadion in Berlin und dem eindrucksvollen 6:3 (3:3) gegen den 1. FC Nürnberg im Halbfinale in Leipzig, wächst Hertha BSC in die Favoritenrolle gegen die eher überraschend im Endspiel stehende Elf von Holstein Kiel, die zuvor den VfB Leipzig sowie die beiden höher eingeschätzten Mannschaften von Eintracht Frankfurt und des Dresdner SC ausgeschaltet haben.

Früher Rückstand

Bereits in den Anfangsminuten gerät Hertha BSC gegen den vermeintlichen Außenseiter, dem deshalb die Sympathien des fast gesamten Publikums gehören, nach Toren von Werner Widmayer (4.) und Oskar Ritter (8.) mit 0:2 gegen den Deutscher Meister von 1912 in Rückstand.

Nachdem Holstein Kiel eine große Chance nicht zum wohl vorentscheidenen 3:0 verwerten kann, gleicht Johannes 'Hanne' Sobek mit einem Doppelschlag (22./26.) für die Spreeathener aus, bevor Johannes Ludwig seine nächste Möglichkeit nutzt und die Rothemden fast postwendend erneut in Führung bringt (29.). Nach verstärkten Angriffsbemühungen erzwingt Mittelstürmer Bruno 'Tute' Lehmann (36.) noch vor der Halbzeitpause den Ausgleich, bevor er die Herthaner mit seinem zweiten Treffer (68.) erstmals auf die Siegerstraße zu bringen scheint.

Hertha BSC ist dem 5:3 nun näher als die Kieler dem Ausgleich, doch dann sorgt eine höchst umstrittene Entscheidung des Essener Schiedsrichters Willi Guyenz zehn Minuten vor Spielende dafür, dass sich die 40.000 zumeist rheinischen Zuschauer nun endgültig gegen den Berlin-Brandenburger Meister wenden und sich auf die Seite des auserkorenen Außenseiters schlagen.

Die Szene des Spiels

Der Kieler Mittelstürmer Johannes Ludwig reklamiert eine Freistoßentscheidung, die der Schiedsrichter zu Gunsten von Hertha BSC trifft, obwohl augenscheinlich der Berliner Ernst Müller das Foulspiel begeht. Willi Guyenz quittiert das verständlich aufgebrachte Verhalten des Kielers kurzerhand mit einem Platzverweis, der daraufhin weinend und nur mit Mühe von seinem Trainer Karl Heinlein vom Platz in die Kabine geführt werden kann.

Ab diesem Moment schlägt der Mannschaft von Hertha BSC bei jeder Aktion der lautstarke Unmut der Zuschauer - der zwischenzeitlich sogar den Einsatz von berittener Polizei bedingt - entgegen, während die Angriffe der Kieler 'Störche' dagegen frenetisch gefeiert werden. Und tatsächlich erzielt Holstein Kiel durch Oskar Ritter (82.) in Unterzahl den durch die Zuschauer ohrenbetäubend gefeierten Ausgleichstreffer.

Die von Konditionstrainer Heiner Schuldt, Mannschaftsarzt Dr. Hermann Horwitz und durch Erfahrungen der vorausgegangenen Jahre hervorragend gewappnete Berliner Elf übernimmt gegen die zunehmend physisch nachlassenden Norddeutschen nun erneut die Initiative und drängt auf eine Entscheidung in der regulären Spielzeit.

Entscheidung kurz vor Schluss

Wenige Minuten vor Spielende überwindet Hans 'Hanne' Ruch (87.) mit einem glücklich einzustufenden Fernschuss den Kieler Schlussmann Dr. Alfred Kramer zum 5:4-Führungstreffer, dem der Gegner bis zum Schlusspfiff nichts Nennenwertes mehr entgegensetzt. Und so schallt der bekannte Berliner Schlachtruf "Ha-Ho-He, Hertha BSC!" der zahlenmäßig weit unterlegenen blau-weißen Schlachtenbummler über das weite Stadionrund.

Die größte Sportzeitung wertet dieses Finale, dass Hertha BSC verdient für sich entscheidet, als "eines der schönsten Endspiele". Für die siegreichen Hertha-Spieler bleibt jedoch auch der ungerechte Zorn des Düsseldorfer Publikums in Erinnerung. So berichtet Johannes 'Hanne' Sobek ein Vierteljahrhundert später: "Wir sahen unsere sehnlichsten Wünsche erfüllt - und dennoch unendlich verbittert. Niemals, in keiner ausländischen oder deutschen Stadt, in keinem deutschen Meisterschaftsspiel der hinter uns liegenden Jahre fühlten wir uns derart ungerecht und fast wie Verbrecher behandelt wie im Düsseldorfer Rheinstadion."

Versöhnlich stimmt die Haltung der unterlegenen Kieler, die als erste den siegreichen Herthanern gratulieren und sich als echte Sportsleute sogar für ein gemeinsames Foto mit dem erstmaligen Deutschen Meister präsentieren - gekrönt lediglich von dem euphorischen und herzlichen Empfang der Menschenmassen in der Heimatstadt Berlin.

(fs/dpa)

Museum, 22.06.2018
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