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#HerthaMuseum: Das einzige Wiederholungsspiel der Pokalgeschichte

Auch zu den Pokalendspielen der Herthaner gegen Köln in Hannover nehmen wir euch wieder mit auf eine virtuelle Tour durch Herthas Historie.

Berlin - Es ist das letzte Wochenende im Wonnemonat Mai des Jahres 1977. Die Berliner*innen freuen sich auf ein langes Pfingstwochenende. Und die Hertha-Fans unter ihnen freuen sich auf das später in mehrfacher Hinsicht in die Fußball-Geschichte eingehende und zunächst auf Pfingstsamstag, den 28. Mai 1977 terminierte 34. DFB-Pokal-Endspiel: Erstmals steht mit Hertha BSC eine Berliner Mannschaft im Finale dieses seit 1935 (bis 1943 unter dem Namen Tschammerpokal) ausgetragenen Pokal-Wettbewerbs.

Zigtausende Berliner Schlachtenbummler machen sich im Mai 1977 auf den Weg nach Hannover, um Hertha BSC unter Trainer 'Sir' Georg Kessler gegen den favorisierten 1. FC Köln für den größten Triumph in der Vereinsgeschichte seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaften 1929/30 & 1930/31 zu unterstützen. Köln wird von dem schon zu Lebzeiten als Trainer-Legende gefeierten Hans 'Hennes' Weisweiler trainiert.  
 
Bereits im Vorfeld sorgt eine Personalie für Aufregung in Reihen der Blau-Weißen: Der zu Beginn der Saison 1976/1977 von Hertha BSC verpflichtete Stammtorwart Norbert Nigbur, ist sich mit dem 1. FC Köln bereits vor dieser Begegnung über einen Vereinswechsel zur neuen Saison einig. Skeptiker befürchten, dass Norbert Nigbur deshalb seine gewohnte Leistung nicht abrufen wird, auch Trainer 'Sir' Georg Kessler will Norbert Nigbur aufgrund eines möglichen Gewissenkonfliktes nicht aufstellen. Ersatztorwart Horst 'Luffe' Wolter, der drei Wochen zuvor bei seinem einzigen Bundesliga-Einsatz der abgelaufenen Saison vier Gegentore hinnehmen muss, spricht sich jedoch zusammen mit der Mannschaft für einen Einsatz von Norbert Nigbur aus.
 
54.000 Zuschauer füllen das weite Rund des zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 umgebauten Niedersachsenstadions. In einem dramatischen Spiel egalisiert der 35-jährige Lorenz 'Lenz' Horr in seinem vermeintlich letzten Pflichtspiel für Hertha BSC in der 64. Spielminute nach einer Flanke von Erich 'Ete' Beer per Kopfball den Kölner Führungstreffer von Dieter Müller, der sich kurz vor Ende der ersten Halbzeit von seinem Bewacher Uwe 'Funkturm' Kliemann absetzt und eine Flanke von Harald Konopka per Kopfball verwertet. Hertha BSC erscheint durch mehrere fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt.
 
Nach Foulspielen an Ete Beer in der 55. Spielminute sowie an Karl-Heinz 'Ellis' Granitza in der 116. Spielminute verwehrt Rudolf Frickel den Berlinern jeweils einen Elfmeter, gut zwanzig Minuten vor dem Schlusspfiff läuft Beer allein auf den Kölner Torwart Harald Schumacher zu, als der Münchener Schiedsrichter die gebotene Vorteilsregel zum Nachteil von Hertha BSC nicht anwendet und auf Freistoß für die Berliner entscheidet. So bleibt es in den regulären 90 Spielminuten beim 1:1, zum neunten Mal in der Geschichte des Pokal-Wettbewerbs muss der Sieger in der Verlängerung ermittelt werden und auch nach 120 Minuten bleibt es erstmalig in der Pokal-Geschichte bei einem Remis.
 
Das diesbezüglich mehr als drei Jahrzehnte alte Regelwerk sieht anstatt einer Entscheidung im Elfmeterschießen auch für das Endspiel ein Wiederholungsspiel vor, dass zwei Tage später am 30. Mai 1977 lediglich 44 Stunden nach Ende des ersten Endspiels angepfiffen werden soll. Was nur wenige wissen: Der DFB hat bisher zu jedem Pokal-Endspiel mit einem Kostenaufwand von umgerechnet 5.000 Euro Eintrittskarten für ein eventuelles Wiederholungsspiel drucken lassen, lediglich 1977 müssen diese nun aber auch tatsächlich verwendet werden.
 
Das obligatorische abendliche Bankett des DFB findet somit zum ersten Mal überhaupt ohne einen feststehenden Sieger statt. Um die Zeit zur Regeneration und Vorbereitung für die zweite Auflage des Endspiels zu nutzen, nimmt die Mannschaft von Hertha BSC jedoch nicht daran teil, was den Unmut von DFB-Präsident Hermann Neuberger nach sich zieht. Da die Mannschaft vom 1. FC Köln zudem lediglich in Trainingsanzügen erscheint, verzichtet der DFB-Präsident wegen des nun nicht feierlich anmutenden Rahmens gänzlich auf offizielle Reden und lässt sogar die Ehrung von Walter Eschweiler als Schiedsrichter des Jahres 1977 entfallen.

Hier das Spielankündigungsplakat in 3D.

Zahlreiche Hertha-Fans nehmen teilweise enorme Strapazen auf sich und bleiben nach dem ersten Finalspiel in Hannover, trotzdem finden lediglich 35.000 Zuschauer den erneuten Weg in das Niedersachsenstadion, um dieser historischen Wiederholungspartie beizuwohnen.
 
Auch in dieser Begegnung hadert Hertha BSC mit dem Schiedsrichter. Klaus Ohmsen aus Hamburg verwehrt Ete Beer nach gut einer Stunde wegen eines angebliches Foulspiels an Heinz Simmet die Anerkennung seines Treffers zum vermeintlichen 1:0, nur wenige Momente danach verhindert Gerhard Strack mit einem Haltegriff das sichere 1:0 durch Granitza. Und so kommt es, dass sich erneut Dieter Müller nach einer Flanke von Harald Konopka gegen Kliemann, der durch eine Oberschenkelverletzung aus dem ersten Finale stark beeinträchtigt erscheint, durchsetzt und in der 70. Spielminute mit einem weiteren Kopfball den Siegtreffer erzielt, der für den 1. FC Köln nach 1967/68 bei der sechsten Endspiel-Teilnahme zum zweiten Mal den Gewinn des DFB-Pokals bedeutet.
 
Norbert Nigbur zeigt entgegen aller vorherigen Befürchtungen in den 210 Spielminuten, die das 'kicker sportmagazin' als "Ein Drama in zwei Akten" bezeichnet, jeweils eine herausragende Leistung. Als er Zeuge wird, wie Peter Weiand, Präsident des 1. FC Köln, nach der Partie Schiedsrichter Klaus Ohmsen zu dessen Leistung gratuliert, will der Berliner Schlussmann dem Vereinsfunktionär wortwörtlich an den Kragen, was zur Folge hat, dass der 1. FC Köln Abstand von der bereits vereinbarten Verpflichtung von Norbert Nigbur nimmt und dieser noch zwei weitere Spielzeiten großartige Dienste für Hertha BSC leistet.
 
Erich 'Ete' Beer kritisiert im Nachgang mehrfach vehement die beiden Schiedsrichterleistungen, so dass sich Bundestrainer Helmut Schön auf einer anschließenden Südamerikareise der deutschen Nationalmannschaft veranlasst sieht, dem Berliner Mannschaftskapitän und Spielmacher eine Rüge auszusprechen und ihm zudem nahelegt, keine Kritik mehr am DFB zu üben.
 
Der DFB ändert nach den Erfahrungen aus diesen beiden Endspielen den in das Kreuzfeuer geratenen Pokalmodus und führt für zukünftige und nach 120 Minuten noch nicht entschiedene DFB-Pokal-Endspiele das Elfmeterschießen ein, so dass die Partie vom 30. Mai 1977 das einzige Wiederholungsspiel in der Geschichte von DFB-Pokal-Endspielen bleibt.

(fs/dpa)

Museum, 22.06.2018