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"Die Devise in der Kabine lautet: Fleiß schlägt Talent!"

Saisonauftakt! Am Freitag (27.07.18, 19:00 Uhr) eröffnet die U23 beim FSV Wacker 90 Nordhausen die neue Regionalliga-Spielzeit. Im Interview spricht Cheftrainer Ante Čović über seine Vorfreude, Ziele und das 'Paradies' Fußball-Akademie.

Berlin - Höhen und Tiefen, Auf- und Abstiege: Ante Čović hat mit Hertha BSC schon so ziemlich alles miterlebt, als Profi, aber auch als Trainer. Zu aktiven Zeiten gelang ihm 1997 in seiner ersten Saison im Trikot der 'Alten Dame' der Aufstieg ins deutsche Oberhaus, in der Saison 1999/2000 stand er sogar zwei Mal in der UEFA Champions League auf dem Rasen - das legendäre Camp Nou hat Čović von innen gesehen. Und auch nach seiner aktiven Laufbahn, die der 42-Jährige Berliner mit kroatischen Wurzeln in der U23 des Hauptstadtclubs ausklingen ließ, blieb er den Blau-Weißen erhalten. Im Februar 2012 wurde er kurzfristig als Co-Trainer unter Otto Rehhagel installiert, den Abstieg in die 2. Bundesliga hat Čović seinerzeit hautnah erlebt. Ein Jahr später trainierte er die U19, ehe er erneut als 'Feuerwehrmann' gefragt war: Im November 2013 übernahm Čović eine U23, die nach 13 Spielen und einer dürftigen Punkteausbeute von sechs Zählern gegen den Abstieg kämpfte. Doch Čović gelang es, die Klasse zu halten. Seither leitet er die Geschicke der 'Hertha-Bubis' und steht nun vor seiner fünften kompletten Saison als Cheftrainer.

Vor dem Eröffnungsspiel der Regionalliga Nordost am Freitag in Nordhausen (27.07.18, 19:00 Uhr) hat herthabsc.de mit Čović über seine Vorfreude, die '50-Punkte-Marke' und das 'Paradies' Fußball-Akademie gesprochen.

herthabsc.de: Ante, das WM-Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien liegt nun fast zwei Wochen zurück. Wie gut hast du die Final-Niederlage der Kroaten schon verdaut?
Čović: Schon kurz nach dem verlorenen Endspiel hat ein Umdenken in Kroatien stattgefunden: Wir sehen es nicht so, dass wir das Finale verloren haben. Wir sind vielmehr stolz darauf, Vize-Weltmeister zu sein. Das ist ein Riesen-Erfolg für solch ein kleines Land! Es ist sogar so: Wenn man die Feierlichkeiten der Franzosen mit denen der Kroaten vergleicht, könnte man fast denken, Kroatien wäre Weltmeister geworden. Die kroatischen Spieler haben in ihrer Heimat Heldenstatus erlangt. Und wieder mal hat sich gezeigt, was auch schon während der WM 2006 in Deutschland zu beobachten war: Dieser Sport kann eine ganze Nation vereinen. Das ist Wahnsinn!

herthabsc.de: Nun wird es Zeit, den Blick nach vorne zu richten. Am Freitag (27.07.18, 19:00 Uhr) eröffnet ihr in Nordhausen die neue Saison der Regionalliga Nordost. Wie groß ist deine Vorfreude?
Čović: Sehr groß! Wir stehen schließlich vor einer speziellen Spielzeit, da wir - als Regionalliga Nordost - erstmals nach vielen Jahren wieder einen direkten Aufsteiger in die 3. Liga stellen dürfen. Das spiegelt sich auch darin wider, wie die Teams im Sommer teilweise aufgerüstet haben. Es wird ein brutal schwieriges Jahr für uns! Trotzdem rücken wir nicht von unserem Credo ab. Wir sind eine 'Ausbildungsmannschaft', was bedeutet, dass wir unsere Jungs weiterentwickeln und ihnen die Möglichkeit geben, im Männer-Bereich Fuß zu fassen. Und mit dieser Ausrichtung haben wir in den letzten Jahren große Erfolge verbucht, indem enorm viele Spieler den Sprung aus der U23 zu den Profis geschafft haben. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

herthabsc.de: Ihr habt euch einen guten Monat auf die neue Spielzeit vorbereitet. Von euren fünf Testspielen habt ihr drei gewonnen (ein Unentschieden, eine Niederlage). Welche Schlüsse ziehst du aus der Vorbereitung?
Čović: Wir haben gegen ordentliche Gegner eine ordentliche Bilanz eingefahren. Die Schwierigkeit besteht für mich wie jedes Jahr darin, eine fast komplett neue Mannschaft zu formieren, die sich erst noch einspielen muss. Außerdem wird es entscheidend sein, die Profis, die Pál Dárdai nun zu mir 'heruntergeschickt' hat, aufzubauen und ihnen klarzumachen, dass sie die Ärmel hochkrempeln müssen. Es ist nun mal so, du darfst als Sportler keine Zeit in Mitleid verschenken. Im Gegenteil: Die Jungs müssen jetzt umso härter arbeiten, um sich bei Pál anzubieten. Klar ist nämlich auch, dass ihnen weiterhin alle Türen offenstehen. Es ist alles andere als ausgeschlossen, dass sie im Laufe der Saison wieder zum Profi-Kader stoßen.

Gesagt...

"Wir wollen es wieder schaffen, zwei oder drei Jungs im Kader zu haben, die sich so in den Fokus spielen, dass Pál über sie nachdenken muss."

Ante Čović

herthabsc.de: Du sprachst bereits von einem "brutal schwierigen Jahr", das vor euch liegt. Mit welchen Erwartungen gehst du in die neue Saison?
Čović: In der abgelaufenen Spielzeit war der FC Energie Cottbus der klare Favorit auf den Aufstieg. Das ist in diesem Jahr anders. Diese Saison gibt es in meinen Augen sechs bis sieben Teams, die oben mitspielen werden und um den Aufstieg spielen können. Die Liga ist also insgesamt ausgeglichener geworden. Für uns wird es darauf ankommen, von Anfang an Punkte zu sammeln, sodass wir hinten raus nicht in eine gefährliche Situation geraten. Dennoch ist es völlig logisch, dass eine junge Mannschaft, die sich erst noch finden muss, im Laufe einer Saison immer gefestigter wird. Das hat man auch bei uns in den letzten Jahren gesehen: Wir waren in der Rückrunde immer besser als in der Hinrunde.

herthabsc.de: Welche Ziele habt ihr euch als Mannschaft gesetzt?
Čović: In erster Linie möchten wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Wenn man sieht, über welch große Etats manche Vereine in der Regionalliga mittlerweile verfügen, kann es für uns vorerst gar kein anderes Ziel geben. Bei uns geht es nicht um einen möglichen Aufstieg, sondern allein um die Entwicklung unserer Spieler. Auch dieses Jahr wollen wir es schaffen, zwei oder drei Jungs im Kader zu haben, die sich so sehr in den Fokus spielen, dass Pál über sie nachdenken muss. Sofern uns das gelingt, haben wir einen guten Job gemacht. Diese Tür steht allen Spielern offen, ich werde einen Teufel tun, hier Namen zu nennen, denen ich den Sprung am meisten zutraue. Die Devise in unserer Kabine lautet: Fleiß schlägt Talent!

herthabsc.de: Du gehst in deine fünfte komplette Spielzeit als Cheftrainer der U23. Im November 2013 hast du das Team übernommen, als es mit dem Rücken zur Wand stand. Am Ende der Saison 2013/14 habt ihr dennoch die Klasse gehalten. Seitdem ging es stetig bergauf: In den vergangenen drei Jahren habt ihr jeweils 48 Zähler gesammelt. Die 50-Punkte-Marke wird langsam mal fällig...
Čović: Das ist auf jeden Fall etwas, was wir uns fest vornehmen und was wir im Hinterkopf haben. Erstmal wollen wir aber die 40-Punkte-Marke erreichen (lacht). Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass die Jungs zum Ende der Saison auf die Weide wollen. Es gibt nämlich immer Spieler, die schon vor Saisonende wissen, dass sie den Verein wechseln und dadurch mit angezogener Handbremse spielen. Wenn diese Jungs sich also im Klaren darüber sind, dass ihr Weg bei uns für sie zu Ende geht, ist es für uns als Trainerteam sehr schwierig, sie weiterhin anzustacheln und zu motivieren. Dadurch kann es also passieren, dass wir ein paar Spieltage 'herschenken'.

Für Coach Čović "die perfekte Geste": Neuzugang Pfeiffer trug gegen seinen Ex-Verein St. Pauli die Kapitänsbinde.

herthabsc.de: Es ist für dich längst nichts neues mehr: Wieder mal hast du einen fast komplett neuen Kader. Einige A-Jugend-Meister stoßen in diesem Jahr zur U23, aber auch einige 'externe' Neuzugänge wurden verpflichtet, beispielsweise Niko Bretschneider, Gordon Büch oder Irwin Pfeiffer, der in eurem letzten Testspiel gegen die U23 des FC St. Pauli sogar als Kapitän aufgelaufen ist. Was erhoffst du dir von den Neuzugängen?
Čović: Ich habe Irwin die Binde gegeben, weil wir gegen seinen Ex-Verein gespielt haben. Das ist in meinen Augen die perfekte Geste, um den ehemaligen Kollegen zu zeigen, dass der Spieler die richtige Entscheidung getroffen hat und von seinem neuen Club geschätzt wird. Von den Neuzugängen erhoffe ich mir zum einen, dass jeder von ihnen Sprünge nach vorne macht. Zum anderen, dass sie den Spielern, die schon lange für unseren Verein aktiv sind, zeigen, in was für einem Paradies sie sich hier befinden. Das Problem ist nämlich, dass es bei uns in der Akademie Jungs gibt, die seit Jahren die Nachwuchsteams von Hertha durchlaufen. Irgendwann erachten sie die Top-Voraussetzungen, die sie hier vorfinden, als selbstverständlich an – das wird für sie zur Normalität. Und dann kommen Spieler wie Irwin von St. Pauli oder Gordon vom TSV Buchbach dazu, die jeden Tag aufs Neue in die Kabine kommen und sagen: "Boah, habt ihr es hier gut!" Ich hoffe also, dass auch unsere langjährigen Jugendspieler irgendwann dieses Aha-Erlebnis haben und sich sagen: "Alter, das ist nicht normal, was wir hier für Bedingungen haben!"

herthabsc.de: Auch in dieser Saison nehmt ihr wieder am Premier League International Cup teil – mit Sicherheit ein Highlight des kommenden Jahres. Doch auch im Ligabetrieb gibt es in jeder Spielzeit Höhepunkte und besondere Partien. Auf welche Begegnungen freust du dich am meisten?
Čović: Mit dem FC Rot-Weiß Erfurt und dem Chemnitzer FC spielen diese Saison zwei Vereine in unserer Liga, deren Namen allein zum Aufstieg verpflichten. Auf diese beiden Gegner freue ich mich von daher besonders. Gleichzeitig haben aber auch Spiele gegen Teams wie den VfB Auerbach ihren Reiz. Und das sage ich jetzt, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen. Aber diese Spiele zeigen einem immer, wie viele Facetten der Fußball hat. Da musst du gegen mental starke Mannschaften kämpfen und Standards verteidigen. Das hat man ja auch gerade bei der WM gesehen: Dort fielen 60 Prozent der Tore nach Standards. Du kannst also schön spielen und viel Ballbesitz haben – wenn du am Ende aber drei Gegentreffer nach Standards schlucken musst, hilft dir das alles nichts. Und das gilt auch für Spiele in der Regionalliga.

(af/imago,HerthaBSC)

Akademie, 27.07.2018
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