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"Taten statt Worte!"

Im ersten Teil des Interviews spricht Henrik Herrmann über seine intensive Zeit als Nachwuchstorwart bei Hertha BSC, ehemalige Mitspieler und Trainer sowie Momente, die ihn geprägt haben.

Berlin – Ein Jahrzehnt trug Henrik Herrmann das Hertha-Logo auf der Brust und zog seine Handschuhe für den Hauptstadtclub an. Als junger Torwart durchlief der gebürtige Berliner von 2006 bis 2016 die Nachwuchsmannschaften der Hertha BSC Fußball-Akademie. Der Sprung zu den Profis ist dem mittlerweile 22-Jährigen in dieser Zeit jedoch nicht geglückt. Dennoch sammelte Herrmann in seinen zehn Jahren zahlreiche wichtige Eindrücke sowie Erfahrungen und nahm diese auf seinem weiteren Weg mit. Dieser führte ihn Anfang September 2020 zurück zu Hertha BSC – als ausgebildeter Physiotherapeut ins HerthaMED. herthabsc.de traf sich mit Henrik Herrmann zum Gespräch und warf einen ausführlichen Blick in den Rückspiegel. 

herthabsc.de: Henrik, bereits als 9-Jähriger kamst du zu Hertha BSC und hast fortan zehn Jahre in der blau-weißen Fußball-Akademie gespielt. Wie bewertest du rückblickend diese lange Zeit?
Herrmann: Da war wirklich alles mit dabei: Von der schönsten bis zur anstrengendsten Zeit meines Lebens. Neben dem Fußball bin ich natürlich auch zur Schule gegangen, aber nicht auf die Poelchau-Schule im Olympiapark. So hatte ich immer weite Weg, um herzukommen und zur Schule zu gehen – das war nicht einfach. Alles in allem war es aber eine großartige Zeit! Es sind zwar viele Einschnitte, die man trotz des jungen Alters in seinem Leben hat, aber ich würde mich für alles nochmal genauso entscheiden. Das war ein Traum. Was man alles erlebt, mit wem man alles in Kontakt steht – das ist weltverbindend, das ist halt klassisch der Sport!

herthabsc.de: Was waren die prägendsten Momente für dich? 
Herrmann: Das krasseste Ereignis war für mich, als ich als 11-Jähriger im Olympiastadion vor dem Bundesliga-Spiel der Profis gegen Borussia Dortmund gespielt habe – vor rund 40.000 Fans. Das war schon ein außergewöhnliches Erlebnis, bei dem ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass der Kontakt zum Profifußball besteht und wie es aussehen könnte, wenn man es sein ganzes Leben konsequent durchzieht. Ein weiterer schöner Moment war das Finale im DFB-Pokal der Junioren mit unserer U19 gegen Hannover 96. Trotz der Niederlage hat man dann auch nochmal realisiert – mit ein paar Jahren mehr auf dem Buckel –, wie es sich später im Profibereich anfühlen kann. Zu dem Zeitpunkt stand allerdings schon fest, dass es mein letztes Spiel für Hertha BSC sein wird. Nichtsdestotrotz war es sehr emotional und zählt zu den beiden prägendsten Momenten in der Zeit.

herthabsc.de: Auf deinem Weg hast du zahlreiche Torhüter-Kollegen gehabt. Mit welchen bekannten Namen warst du in Konkurrenz und bestehen heute noch Kontakte?
Herrmann: Mit Nils Körber habe ich zusammentrainiert. Er galt damals schon als das Ausnahmetalent unter uns Torhütern, da hat man natürlich etwas genauer hingeschaut. Darüber hinaus habe ich mit Leon Schaffran (mittlerweile im Profikader bei SpVgg Greuther Fürth; Anm. d. Red.) in einer Mannschaft zusammengespielt und war in direkter Konkurrenz zu ihm. Wir haben uns durch die Bank weg gepusht und beide verbessert. Das hat echt Spaß gemacht. Auch mit Philip Sprint (FC Viktoria 1899 Berlin; Anm. d. Red.) habe ich gemeinsam trainiert. Mittlerweile stehe ich nicht mehr tagtäglich im Austausch mit den ehemaligen Kollegen, aber man schreibt sich schon ab und zu, gerade zu einschneidenden Erlebnissen. Beispielsweise zu Sidney Friede oder Maurice Covic besteht noch eine Verbindung.

Gesagt...

"Vor allem Iljas Torwarttraining war mein persönlicher Motivationskick zum Training zu gehen."

Henrik Herrmann

herthabsc.de: Gab es damals im jungen Torwartalter Vorbilder für dich?
Herrmann: Selbstverständlich war ich zu der Zeit großer Fan von Oliver Kahn, auch wenn ich wusste, dass es für dieses Level niemals reichen wird (schmunzelt). Da ich auch selbst gut kicken konnte, habe ich mich auch für Feldspieler interessiert und so gab es für mich nicht unbedingt ausschließlich Torhüter als Vorbilder. Denn auch als Torwart habe ich damals natürlich Ronaldinho bewundert. Seine Ballannahme und -mitnahme war schon traumhaft anzusehen. 

herthabsc.de: Nun haben wir über Torhüter-Kontrahenten, Mitspieler und Vorbilder gesprochen. Kommen wir zu den Trainern. Welcher Coach hat dich besonders geprägt? 
Herrmann: Ilja Hofstädt hat mich auf meinem kompletten Weg begleitet. Auch mit Max Steinborn hatte ich eine Menge Berührungspunkte. Ganz am Anfang hatte ich sogar auch Sascha Burchert und seinen Bruder Nico als Torwart-Trainer – das war natürlich auch sehr besonders. Darüber hinaus kam ich in den Genuss zahlreicher namhafter Trainer, die mittlerweile in unterschiedlichen Positionen tätig sind. Frank Vogel (Sportlicher Leiter der Hertha BSC Fußball-Akademie, Anm. d. Red.), unseren heutigen Individual- und Techniktrainer Andreas Thom, Oliver Reiß, Zeljko Ristic, Stefan Meisel aber auch Ex-Profitrainer Ante Čović und Karsten Leyke hatte ich als Übungsleiter. Hendrik Vieth, mittlerweile Athletiktrainer bei den Profis, war mal mein Co-Trainer – unter ihm hatten wir ganz besonders schöne Saisonvorbereitungen (grinst). Ich habe von jedem einzelnen Coach etwas gelernt – sowohl fußballerisch als auch menschlich. Ich bin für jede Begegnung sehr dankbar und auch im Nachhinein habe ich selbst gemerkt, dass mich diese Menschen auf meinem weiteren Weg geprägt haben. Den größten Einfluss hatten Hofstädt und Čović auf mich und meine Laufbahn. Vor allem Iljas Torwarttraining war mein persönlicher Motivationskick zum Training zu gehen. Das hat viel Spaß gemacht und man wusste einfach, dass man durch jede einzelne Einheit besser wird. Aber auch Ante hat mir viel Vertrauen entgegengebracht – auch wenn es mal nicht so rund lief. 

herthabsc.de: Was haben dir die Eindrücke aus deinen zehn Jahren als Torwart bei Hertha BSC für deine weitere Karriere aber auch für dein Privatleben gebracht?
Herrmann: Die gemachten Erfahrungen haben mich auf meinem weiteren Lebensweg extrem nach vorne gebracht, vor allem in Bezug auf den Umgang mit Menschen. Besonders im Leistungsfußball merkt man relativ schnell, auf wen man wirklich zählen kann und auf wen eher weniger. Ich habe schon im frühen Alter für mich entschieden, dass ich mich nicht verstellen möchte, um Profi zu werden. Ich wollte mich durch Taten und nicht durch Worte in den Vordergrund spielen. Einige haben es auch andersherum gemacht, aber ich habe für mich gemerkt, dass mir so etwas nichts bringt. Das habe ich für mein Leben mitgenommen, genauso wie eine positive Lebenseinstellung. Wenn es Problemstellungen im Leben gibt, möchte ich die lieber mit der nötigen Locker- und Gelassenheit sowie einer offenen Kommunikation beheben, als mit einer negativen, verkrampften Herangehensweise. Im Fußball steht außer dir selbst niemand anderes für dich gerade und da muss man für sich wissen, für welche Dinge man geradestehen möchte. Da hilft es, wenn man sich selbst treu bleibt – und das habe ich in meiner Zeit relativ früh gelernt und mitgenommen.

Im zweiten Teil des Interviews, der am kommenden Donnerstag (26.11.20) erscheint, spricht Henrik Herrmann über seinen Wechsel von der Fußball- zur Physiotherapeuten-Karriere, die Rückkehr zu Hertha BSC und die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf seine tägliche Arbeit im HerthaMED. Eine Terminvereinbarung im hochmodernen Therapiezentrum auf dem Olympiapark ist telefonisch oder auch per Mail möglich.

(sj/privat) 

Akademie, 19.11.2020
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