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"Die Akademie hat ein hervorragendes Bild abgegeben"

Leiter Benjamin Weber über Meisterschaften, Aufstiege, Infrastruktur und den den neuen Profi-Trainer Jürgen Klinsmann.

Berlin - Nicht nur bei den Profis war die erste Hälfte der Spielzeit 2019/20 sehr ereignisreich, auch in der Hertha BSC Fußball-Akademie ging es rund.Die Herthaner machten in jeder Hinsicht von sich reden: Erfolgreich wie selten schlugen sich die blau-weißen Nachwuchsteams in ihren Ligen und schafften sich somit gute Ausgangspositionen für die im neuen Jahr anstehenden Rückrunden. Die Rahmenbedingungen wurden von den Akademie-Verantwortlichen für den Hertha-Nachwuchs kontinuierlich verbessert. Mit Akademie-Leiter Benjamin Weber sprach herthabsc.de über Meisterschaft, Aufstieg, Infrastruktur, die Rolle des neuen Profitrainers Jürgen Klinsmann und natürlich die Wünsche fürs neue Jahr.

herthabsc.de: Die Leistungen von Herthas Nachwuchsmannschaften können sich mehr als sehen lassen. Wie sieht dein Fazit der Hinrunde aus?
Benjamin Weber: Wir sind sehr zufrieden. Wenn wir rein auf die Tabellen schauen, war es eine extrem erfolgreiche Hinrunde. Wir sind mit allen Mannschaften oben dabei. Die U16 ist vorne, die U14, U15, U17 und U19 stehen jeweils auf dem zweiten Platz und die U23 belegt Rang 4. Wir haben damit bei allen Mannschaften sehr gute Ausgangspositionen für die Rückrunde. Besonders die beiden Junioren-Bundesliga-Teams haben uns viel Freude bereitet, zeigen sie doch, dass wir mit den Besten mithalten können. Über allem steht aber die Entwicklung des Einzelnen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich unsere Spieler weiterentwickeln, wie sie mit Herausforderungen umgehen und dadurch wachsen. Das ist unser Ziel: Wir wollen die Jungs optimal fördern, damit sie möglichst den Sprung zu den Profis schaffen können...

herthabsc.de:
Im Sommer gab es im Berliner Pokal nach langer Zeit wieder das Quadrupel. Welche Bedeutung hat das für die Akademie, gerade bezogen auf Berlin?
Weber: Das ist tatsächlich kein so leichtes Unterfangen und natürlich etwas Besonderes. Vor allem, weil wir bei den D-Junioren auch immer mit unserer U12 – also mit ein Jahr jüngeren Spielern – antreten. Für die U19 und U17 ist es auch immer ein Spagat zwischen ihren Meisterschaftsspielen, Auswahlmaßnahmen und Länderspielen. Es war ein echtes Highlight zum Abschluss der vergangenen Saison und zudem eine große Auszeichnung für die gesamte Akademie, zumal eben nicht nur eine, sondern gleich vier Mannschaften – und da gehören neben den Spielern und Trainern auch die Eltern und Freunde dazu – erfolgreich waren. Da hat die Akademie einfach ein hervorragendes Bild abgegeben.

herthabsc.de: Mit Jürgen Klinsmann hat ein neuer Cheftrainer bei den Profis das Sagen. Hat das Einfluss auf die Arbeit der Akademie?
Weber: Der Weg, den wir seit Jahren eingeschlagen haben, wird natürlich fortgeführt. Es hilft aber auch ungemein, dass wir schon länger einen sehr guten Kontakt zu Jürgen Klinsmann hatten, vor allem durch die Reisen mit der U19, mit der wir zweimal am Silverlakes Cup in den USA teilnehmen durften. Wir schauen voller Vorfreude auf die Rückrunde, und vielleicht schaffen wir es ja, dass dann der ein oder andere oben bei den Profis anklopft.

herthabsc.de: Die 'älteste' Nachwuchsmannschaft ist die U23. Hättest du Zecke und seinem Team so eine Hinrunde zugetraut? Was hat dich am meisten überrascht?
Weber: Ja, wir haben der Mannschaft die guten Leistungen zugetraut. Aber natürlich handelt es sich auch immer um Momentaufnahmen: Etliche Spieltage lang war die U23 sogar Tabellenführer – darüber haben wir uns sehr gefreut. Wir sind nun aber nicht enttäuscht, dass wir nach Abschluss der Hinrunde 'nur' Vierter sind. Die U23 ist eben bei uns eine Ausbildungsmannschaft. Ihre Aufgabe ist es auch, jungen Spielern und Profis, die seltener zum Einsatz kommen, Spielpraxis zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel wie es gehen kann, war das Spiel beim International Cup der Premier League gegen Benfica Lissabon. Dort haben mit Smarsch, Torunarigha, Jastrzembski oder Redan Profis Einsatzzeiten bekommen, aber auch junge Spieler wie Jessic Ngankam, Lazar Samardzic oder Luca Netz. Das war ein idealer Mix. Es war ein wirklich gutes Spiel, auch wenn wir uns sehr geärgert haben, dass wir kurz vor Schluss noch verloren haben. Gegen die Blackburn Rovers im November haben mit Marton Dardai und Jonas Dirkner zwei weitere U19-Spieler einen sehr guten Eindruck auf diesem Niveau hinterlassen. Insgesamt hat die Mannschaft in der laufenden Saison richtig gut abgeliefert.

Gesagt...

"Das ist genau das, was wir mit der U23 wollen - nämlich unseren Spielern ein Höchstmaß an Spielzeiten zu bieten."

Benjamin Weber

herthabsc.de: Bemerkenswert war, dass trotz vieler Wechsel die Leistungen und Ergebnisse gestimmt haben…
Weber: Das ist unsere U23! (lacht) Mit diesem Mix hat man in dieser Mannschaft immer zu tun. Das ist natürlich auch die größte Herausforderung für unseren neuen Trainer Zecke Neuendorf sowie Karsten Leyke und Malik Fathi. Das muss erst einmal moderiert werden. Sie wissen häufig erst kurzfristig, wer für die Spiele zur Verfügung steht. Auf der anderen Seite ist es genau das, was wir mit der U23 wollen - nämlich unseren Spielern ein Höchstmaß an Spielzeiten zu bieten. Eduard Löwen hat nach seinem Einsatz gegen Erfurt in der U23 eine Woche später in der Bundesliga gespielt - so soll es gehen. Unser Vorteil ist da in jedem Fall die enge Kommunikation der Trainer untereinander.

hertbasc.de: Die bisherigen Tabellenführungen hast du angesprochen, aktuell steht die Mannschaft auf Platz 4. Wie stehst du zum Thema 'Aufstieg in die Dritte Liga'?
Weber: Das Szenario ist das gleiche wie im vergangenen Jahr. Grundsätzlich spielen wir jedes Spiel, um es zu gewinnen. Es ist aber nicht das oberste Ziel, in die Dritte Liga aufzusteigen, denn wir sind zufrieden mit den Rahmenbedingungen, die uns die Regionalliga-Nordost bietet. Selbstverständlich wollen wir unseren jungen Spielern Spielpraxis auf höchstem Niveau ermöglichen. Wenn es tatsächlich dazu kommen sollte, dass wir bis zum Ende aussichtsreich im Rennen liegen, würden wir natürlich alles dafür tun, die Anforderungen zu erfüllen. Wir müssen aber natürlich auch bedenken, dass es in dieser Saison  keinen direkten Aufsteiger gibt - wir müssten daher auch noch in die Relegation. 

herthabsc.de: Die U19 und die U17 befinden sich in ihren Ligen in Lauerstellung, haben eine beeindruckende Hinrunde gespielt. Was würde eine Teilnahme an der Endrunde um die Deutschen Meisterschaften bedeuten?
Weber: Wir haben alle noch die Meisterschaft der U19 im Sommer 2018 im Kopf, die für alle ein herausragendes Ereignis war - nicht nur für die Mannschaft und die Akademie, sondern für den gesamten Verein. Es sind vor allem diese K.o.-Spiele, die sportlich gesehen für die Entwicklung enorm wichtig sind. In solchen Halbfinal-Spielen oder dann in einem Finale sieht man, ob und wie die Jungs sich zeigen und präsentieren, um den nächsten Schritt in Richtung Profi-Fußball zu gehen. Der 1999er und 2000er Jahrgang war 2018 eben einfach da. Aus dieser Mannschaft haben acht Spieler inzwischen einen Profivertrag. 

herthabsc.de: Wie schätzt du die Chancen ein?
Weber: Die jetzige U19 hat die Hinrunde ohne Niederlage absolviert. Sie hat gegen die Spitzenteams sehr gut gespielt, leider aber in Spielen Punkte liegen gelassen, bei denen man es weniger erwartet hätte. Mein Highlight der Hinrunde war ganz klar das Spiel beim VfL Wolfsburg, in dem unsere Jungs den Spitzenreiter in einem richtig klasse Fußballspiel mit 3:1 geschlagen haben. Sie waren fokussiert und haben hervorragend genau den Fußball gespielt, den wir spielen wollen. Das ist das, was wir uns erhoffen: bis zum Ende um Platz 1 mitspielen und uns im besten Fall mit den Bonus-Spielen belohnen.

herthabsc.de: Apropos besondere Spiele: Die Mannschaften nehmen als Highlights an großen Turnieren - auch in anderen Ländern - teil, um die Entwicklung voranzutreiben. Geht der Plan auf?
Weber: Internationale Vergleiche sind unheimlich wichtig für die Entwicklung. In den vergangenen Jahren hat das zugenommen, insbesondere im Übergangsbereich bei der U19 und U23. In diesem Jahr hat die U19 bei Manchester United gespielt – es ist spannend zu sehen, wie dort damit umgegangen wird: Das Spiel wurde in den Abend gelegt, unter Flutlicht, Zuschauer waren da. Diese Besonderheit, das nicht Alltägliche, spüren dann auch unsere Spieler und sie bekommen dort die Chance, sich zu zeigen und zu beweisen: Wie gut bin ich? Bin ich bei so einem Highlight da und bringe meine Leistung? Unser Team hat beim 2:2 dort ein super Spiel gemacht. Wir sind der Premier League auch unglaublich dankbar, dass wir seit nunmehr vier Jahren mit der U23 am Premier League International Cup teilnehmen dürfen. Das sind die Spiele, die die Jungs weiterbringen, so wie ebenfalls die Spiele der letztjährigen U19 in der UEFA Youth League. Da kommt Reisestress auf sie zu, ein anderes Land, anderes Essen. Aber am Ende gilt es dann, die Leistung auf dem Platz abzurufen. So ist es dann im Profifußball und darauf wollen wir sie vorbereiten. Genau deshalb sind diese Reisen elementarer Bestandteil unserer Ausbildungsphilosophie.

herthabsc.de: Das gilt für alle Jahrgänge...
Weber: Ja, auch für unsere jüngeren Mannschaften setzen wir diese Highlights. Sie sollen nicht permanent durch die Gegend reisen, sondern sich punktuell mit altersgleichen Jugendlichen in ihrem Jahrgang international messen. Reisen bildet - das Kennenlernen von neuen Orten und anderen Kulturen trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Besonders in den jüngeren Jahrgängen spielen unsere Mannschaften in ihren Meisterschaften regional und in der Regel gegen ein Jahr ältere Spieler. Da fällt ein objektiver Vergleich meist schwer. 

herthabsc.de: Auch die jüngeren Mannschaften sind erfolgreich. 'Hardys Vision' läuft jetzt seit mehreren Jahren. Wie zufrieden bist du mit dem Programm und was hat sich im Vergleich zu früher verändert?
Weber: Michael Hartmann und unsere Trainer machen da einen super Job. Wir sichten übers Jahr gesehen zwischen 40 und 60 Kinder eines Jahrgangs, woraus wir dann am Ende unsere U9 für die kommende Saison bilden. Im Laufe der Jahre hat sich da etwas entwickelt. Wir stellen zum Beispiel fest, dass wir viel weniger Wechsel und schon früh ein sehr hohes Potenzial in unseren Reihen haben. Hier zeigt sich, dass in den Berliner Vereinen sehr, sehr gute Arbeit geleistet wird. Für die Unterstützung und Kooperationsbereitschaft sind wir sehr dankbar.

herthabsc.de: Auf dem Hertha-Gelände wird und wurde fleißig gebaut: Physiotherapiezentrum, Medizinzentrum. Die Infrastruktur wird immer besser. Wie siehst du Hertha BSC aufgestellt und was sind die nächsten Überlegungen?
Weber: Ich glaube, fertig ist man nie. Deswegen ist es aber auch so spannend. Für uns geht es jetzt mit der baldigen Eröffnung des Medizinzentrums darum, die Vernetzung des Trainingsbetrieb mit dem Athletik- und eben dem Medizinzentrum zu realisieren. Damit können wir dann die Anforderungen für unsere Nachwuchsspieler komplett abbilden. Wir werden aber auch weiterhin an der Infrastruktur arbeiten, optimieren und feinjustieren. Aber die großen Bauprojekte sollten mit der Eröffnung des Medizinzentrums erst einmal abgeschlossen sein. Im Ligavergleich brauchen wir uns auf keinen Fall zu verstecken.

herthabsc.de: Das Jahr 2019 neigt sich dem Ende entgegen... Wie sehen die Wünsche für 2020 aus?
Weber: Wichtig wird in erster Linie sein, dass wir mit den Profis weiter fleißig Punkte sammeln und wieder weiter nach oben kommen. Schön aus Sicht unserer Akademie wäre es, wenn der ein oder andere unserer junge Spieler weiter näher an die Profis heranrücken könnte. Vielleicht macht nach Dennis Smarsch auch noch ein weiterer Spieler sein erstes Spiel in der Bundesliga. Da wünsche ich mir einfach, dass sich unsere jungen Spieler positiv weiter entwickeln und hoffe, dass sie es Jürgen Klinsmann so schwer wie möglich machen können, sie nicht einzusetzen.

(war/war)

Akademie, 28.12.2019
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