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Walter Frankenstein im Gespräch mit dem Sport-Nachwuchs

Sportler*innen der Poelchau-Schule - darunter auch Spieler der U15 von Hertha BSC - trafen den 94-jährigen Hertha-Fan.

Berlin - Anderthalb Stunden lang war es sehr ruhig im Pressekonferenz-Raum von Hertha BSC: Schülerinnen und Schüler der Poelchau-Oberschule, viele von ihnen Spieler der U15 von Hertha BSC, hatten die seltene Gelegenheit, den 94-jährigen Walter Frankenstein zu treffen, der den Jugendlichen aus seinem beeindruckenden Leben erzählte.

Frankenstein wurde 1924 in Flatow im damaligen Westpreußen (heutiges Polen) als "Sohn Deutscher jüdischen Glaubens", wie er selbst betont, geboren. Er kommt regelmäßig nach Deutschland, um vor allem junge Leute über die Zeit des Nationalsozialismus und die Bedeutung von antisemitischer und rassistischer Ausgrenzung aufzuklären, die er selbst erfahren hat. Frankenstein musste 1936 aufgrund der antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten die dortige Volksschule verlassen und kam mit Unterstützung seines Onkels im Sommer nach Berlin, wenige Tage, bevor die Olympischen Spiele als großes Propagandaspektakel der Nationalsozialisten begannen.

Walter Frankenstein besuchte sie als jugendlicher, sportbegeisterter Zuschauer. Von 1936 bis 1941 lebte er im Baruch Auerbach’schen Waisenhaus im Prenzlauer Berg, wo er auch seine spätere Ehefrau Leonie kennenlernte. Im Waisenhaus spielt der Fußball eine große Rolle für ihn, er wurde dort Mitglied der Fußballmannschaft und spielte unter anderem für Makkabi. Zwischen 1936 und 1938 besuchte er die Spiele von Hertha BSC in der Plumpe. Die Umgebung außerhalb des Waisenhauses wurde immer gewaltvoller, als 14-Jähriger musste Walter Frankenstein die Pogrome vom 9. November 1938 erleben. Ab 1941 wurden tausende Juden und Jüdinnen aus Berlin in Ghettos und Vernichtungslager vor allem im besetzten Polen deportiert, auch Menschen aus dem Lebensumfeld von Walter Frankenstein wurden verschleppt.

Im Zuge der Fabrik-Aktion im Frühjahr 1943, in der tausende Menschen in Berlin verhaftet und deportiert wurden, entschieden er und seine Ehefrau Leonie Frankenstein sich schließlich, abzutauchen, um der drohenden Ermordung durch ein Leben im Untergrund zu entgehen. In der Illegalität wurden auch die beiden Söhne Peter-Uri und Michael geboren – alle vier überlebten unter größter Gefahr. Heute lebt Walter Frankenstein in Stockholm und verfolgt nach wie vor die Hertha-Spiele im Fernsehen – seit Anfang diesen Jahres ist er Hertha-Mitglied, seine Mitgliedsnummer ist die 1924, wie sein Geburtsjahr.

Erstmalig trafen nun, organisiert durch eine Zusammenarbeit zwischen der Poelchau-Schule, der Akademie, der Fanbetreuung von Hertha BSC und dem Fanprojekt Berlin, Nachwuchssportler- und -sportlerinnen den wohl ältesten Hertha-Fan, den es gibt. Was bleibt sind Eindrücke wie der von Frankensteins Judenstern, den er gemeinsam mit dem Bundesverdienstkreuz in einer Schatulle aufbewahrt: "Mit dem einen bin ich gezeichnet, mit dem anderen ausgezeichnet worden – vom gleichen Land", erklärte Walter Frankenstein den Anwesenden. Und er warnt davor, einfachen Parolen hinterherzulaufen – selbstständig zu denken, das ist für ihn das Wichtigste.

(jr/HerthaBSC)

U15, 27.09.2018
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