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"Das war eine komplette Umstellung!“

Herthas U16-Coach Sofian Chahed spricht über die unfreiwillige Fußballpause, den veränderten Übungsleiteralltag und die derzeitigen Trainingsmöglichkeiten seiner Schützlinge.

Berlin – Normalerweise würde sich Sofian Chahed in diesen Tagen gemeinsam mit seinen Schützlingen auf die Schlussphase in der B-Junioren Regionalliga Nordost vorbereiten. Doch das eigentlich am Samstag (25.04.20) anstehende Spitzenspiel gegen den Tabellendritten Viktoria Berlin spielt für den U16-Cheftrainer von Hertha BSC momentan keine Rolle. Denn seit exakt 45 Tagen hat der blau-weiße Tabellenführer keine Partie mehr bestritten und auch der Trainingsbetrieb ruht aufgrund der Corona-Pandemie seit über sechs Wochen. Natürlich auch für den Ex-Profi eine ganz ungewohnte Situation. Doch selbst solche Zeiten haben ihre positiven Seiten: So findet der 37-Jährige derzeit viel Zeit für seine Kinder, was im Traineralltag ansonsten nicht immer ganz einfach gelingt. herthabsc.de traf sich mit dem ehemaligen Abwehrspieler via Videotelefonat zum Gespräch. Abends um 21:00 Uhr – als der Chahed-Nachwuchs seelenruhig im Bett lag.

herthabsc.de: Sofian, erst einmal wünschen wir dir alles Gute nachträglich zu deinem Geburtstag. Konntest du deinen Ehrentag am vergangenen Sonntag trotz der aktuellen Situation genießen?
Chahed: Dankeschön, dieser Geburtstag war sehr aufregend, weil alle Kinder gerade zu Hause sind – somit war es ein schöner Tag, weil wir im Garten gespielt haben und ich meine Familie um mich herum hatte, wie in den vergangenen Wochen auch schon.

herthabsc.de: Daran angeknüpft die wichtigste Frage folgend: Wie geht es euch?
Chahed: Uns geht es soweit gut und wir sind zum Glück alle gesund. Dadurch, dass ich aktuell viel zu Hause bin, bin ich derzeit Lehrer, Animateur, Koch und Putzfrau in einer Person – das ist schon anstrengend, aber natürlich auch sehr schön. Nichtsdestotrotz könnte die Schule und vor allem der Kindergarten so langsam wieder losgehen, wenn entsprechende Lösungen der Behörden vorliegen.

herthabsc.de: Seit mittlerweile über sechs Wochen ruht nun schon der Ball – nicht nur auf Profiebene, sondern auch im Jugendbereich. Erzähl uns doch mal, was sich seit dieser Zeit in deinem Traineralltag alles so geändert hat?!
Chahed: Der hat sich leider komplett geändert. Das war dann von heute auf morgen für uns als Trainerteam eine komplette Umstellung. Wir mussten erstmal umdenken. Das Schwierige dabei ist: Wir wissen immer noch nicht, wann es tatsächlich wieder mit dem regulären Mannschaftstraining weitergeht. Somit können wir den Jungs kein wirkliches Ziel geben, auf das sie hinarbeiten sollen. Wir müssen sie bei Laune halten und das Sozialgefüge in der Mannschaft beisammenhalten

herthabsc.de: Wie gelingt euch das trotz der häuslichen Isolation und Kontaktsperre?
Chahed: Das machen wir über Videokonferenzen, Witz-Challenges per WhatsApp oder mit Quizduellen, bei denen es auch um Preise geht. Das haben wir bisher auch ganz gut geschafft, dennoch lässt sich niemals ein Mannschaftstraining simulieren. Im Gegensatz zum Alltag sind wir Trainer nicht im Büro, sondern arbeiten im Homeoffice und sind von zu Hause viel mit unseren Spielern in Kontakt. Auch mit meinen Trainerkollegen aus den anderen Mannschaften stehe ich im regelmäßigen Austausch. Wir als komplettes Trainerteam der Akademie sind öfters in Kontakt, am Dienstag (21.04.20) hatten wir beispielsweise gerade eine Besprechung zur Planung der kommenden Saison, das muss ja auch fortgeführt werden. Dafür ist es eigentlich besser, wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen – so war es ein virtueller Tisch.

herthabsc.de: Für deine B-Junioren muss diese unfreiwillige fußballfreie Zeit – so wie für viele andere Menschen zurzeit – doch völlig fremd und kräftezehrend sein? Wie gehen deine Spieler mit der aktuellen Phase um?
Chahed: Am Dienstagmorgen habe ich beispielweise die ersten Anrufe um 10:30 Uhr getätigt – und dabei die ersten noch im Bett erwischt (lacht). Die Jungs schlafen auf jeden Fall länger. Das heißt aber nicht, dass sie nicht wieder Fußball spielen wollen. Ich bekomme täglich Nachrichten von den Spielern, die mich fragen, wann und in welcher Form es mit dem Mannschaftstraining weitergeht. Die sind alle heiß, halten sich zu Hause fit, machen viel für die Schule und drücken die Daumen, dass es bald wieder losgeht.

herthabsc.de: Welche Trainingsmöglichkeiten stehen euch derzeit zur Verfügung und wie haltet ihr euch fit?
Chahed: Neben unserer #AkademieChallenge, die die Jungs alle ganz fleißig absolvieren, halten sich die Spieler individuell fit. Ich weiß, dass viele von den Jungs regelmäßig laufen gehen. Wir haben ihnen mit an die Hand gegeben, dass sie täglich mindestens eine Stunde draußen – selbstverständlich unter strikter Einhaltung der Abstandsregeln – trainieren sollen und dabei auch den Ball am Fuß haben, damit sie etwas für die Technik machen. Das ist alles sehr schwierig und wir können es auch nicht kontrollieren. Wir haben sehr viel an die Eigenverantwortung appelliert. Die Spieler selbst verfolgen ja alle ihre Ziele – deshalb gehen wir davon aus, dass sie in einem fitten Zustand zurückkommen. Neben den individuellen Einheiten machen wir – wie bereits beschrieben – verschiedene Videokonferenzen und Challenges, in denen wir die soziale Komponente fördern. Am Donnerstag (23.04.20) veranstalten wir mit unserem Co- und Athletiktrainer Lukas Kaulfuß unsere erste Online-Trainingssession mit der gesamten Mannschaft.

herthabsc.de: Um nochmal auf dich persönlich zu sprechen zu kommen: Die ungewohnt viele Zeit zu Hause dürfte auch für dich neu gewesen sein. Was machst du mit der ganzen Zeit in deinen eigenen vier Wänden? Hast du schon neue Hobbys für dich entdeckt?
Chahed: Teilweise habe ich es da noch etwas einfacher, da ich auch zu Hause meinem Lieblingshobby, dem Trainieren der Jungs, ein bisschen nachkommen kann, auch wenn es nur meine eigenen Kinder sind. Da wir einen kleinen Garten haben, darf ich trotzdem mal ein paar Stunden in der Woche Trainer spielen – im unteren Altersbereich, bei dem die individualtaktischen und technischen Dinge zum Vorschein kommen. Da musste ich mich auch erstmal ein bisschen reinfuchsen. Meine Jungs hören dabei nicht ganz so gut zu, wie unsere Spieler aus der U16 – aber natürlich macht es Spaß. Sie können auch weiterhin in Bewegung bleiben. Ansonsten habe ich keine neuen Hobbys für mich entdeckt, weil mit den eigenen Kindern die Zeit dann doch etwas beschränkter ist.

herthabsc.de: Zum Abschluss wollen wir einen kurzen Test machen: Kannst du dich noch an eure letzte Partie vor der Spielunterbrechung erinnern und weißt du, gegen wen ihr eigentlich am kommenden Wochenende spielen würdet?
Chahed: Boah, jetzt hast du mich aber erwischt … Unser letztes Spiel vor der Coronapause war gegen den 1. FC Union – und das Ergebnis war (überlegt länger) ein 4:1-Sieg für uns. Am kommenden Wochenende würden wir meiner Meinung nach gegen Viktoria Berlin spielen.

herthabsc.de: 100 Punkte, Sofian! Beide Antworten sind richtig. Du scheinst ja trotz der schon lang andauernden Pause voll drin zu sein.
Chahed: Ja, so ein bisschen. Ich habe alle Spieltermine in meinem Kalender stehen und da schaue ich doch noch mal ab und zu rein (grinst).

(sj/privat)

U16, 22.04.2020
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