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"Unsere Mannschaft hat auf alles eine Antwort!"

Im großen Doppelinterview sprechen Herthas U17-Cheftrainer Oliver Reiß und sein 'Co' Oliver Schröder über die erfolgreiche Hinserie, mentale Stärke und das perfekte Zusammenspiel untereinander.

Berlin – Es ist zweifelsohne eine ganz besondere Konstellation, die bei der U17-Mannschaft der Hertha BSC Fußball-Akademie vorherrscht. Während Cheftrainer Oliver Reiß detailliert und strukturiert vorgeht, wählt sein 'Co' Oliver Schröder den etwas lockereren Weg und bringt seine Erfahrung aus seiner aktiven Profilaufbahn mit ein. Zusammen bilden die beiden Namensvetter eine Kombination, die die blau-weißen Nachwuchskicker zum Erfolg führt. herthabsc.de traf sich mit den beiden Übungsleitern und sprach in entspannter Atmosphäre über die erfolgreiche Hinserie, die Balance zwischen Offensive und Defensive, besondere Drucksituationen, die Zusammenarbeit innerhalb des Trainer-Duos und die Ziele für die restliche Spielzeit. 

herthabsc.de: Hallo ihr zwei, eure U17 steht nach 17 absolvierten Partien mit 40 Zählern auf dem zweiten Platz in der B-Junioren Bundesliga Nord/Nordost – nur einen Punkt hinter dem Tabellenführer HSV. Da gibt es rund um den Jahreswechsel doch nicht allzu viel zu meckern?
Oliver Reiß:
Das stimmt, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir vor der Saison überhaupt nicht einschätzen konnten, was in diesem Jahrgang möglich ist. Wir wussten nicht wirklich, wo wir stehen. Darüber hinaus bekam man mit, dass sich Leipzig und Wolfsburg mit Spielern aus dem Ausland verstärkt hatte. So war es für uns schwierig einzuordnen, was uns erwartet. Wenn man aber sieht, wo wir nach 17 Spielen in der Tabelle stehen und dass wir nach den meisten Spielen wirklich zufrieden waren, wie wir die Punkte geholt haben, haben wir schon fast das Maximum herausgeholt. 

herthabsc.de: Besonders in der bereits begonnenen Rückserie läuft es bei euch: Vier Spiele, vier Siege und dazu 13:1-Tore. Da kommt die Winterpause eher ungelegen oder freut ihr euch trotzdem auf die fußballfreie Zeit?
Oliver Schröder:
Mir war es ehrlich gesagt gar nicht bewusst, dass wir die vergangenen Spiele alle gewonnen haben (lacht). Aber natürlich freuen wir uns über die Pause – für die Jungs aber auch für uns war es ein langes halbes Jahr. Da kommt die Pause zur richtigen Zeit. Und in der Jugend spielt das noch keine Rolle, ob du die Spiele vor der Pause gewinnst oder verlierst.
Reiß:
Gerade in den vergangenen Partien haben wir schon gemerkt, dass vermehrt Phasen aufkamen, in denen uns die Leichtigkeit gefehlt hat. Das hatte teilweise schon viel mit Kampf und Krampf zu tun. Auch im Training mussten wir zum Schluss aufpassen, dass wir nicht mehr allzu viel Input mitreingeben, da wir schon gemerkt haben, dass die Jungs müde waren.

herthabsc.de: Ihr stellt die beste Offensive, die zweitbeste Defensive, habt die wenigsten Niederlagen auf dem Konto und standet nie schlechter als Platz 5 da – was macht euch in der aktuellen Saison so stark?
Reiß:
Wir haben es geschafft, eine gute Balance zu entwickeln. Klar, wollen wir einen offensiv ausgerichteten Fußball spielen, der auch zur Philosophie unserer Akademie passt, aber dabei verlieren wir nicht unsere defensive Grundordnung. Die Mischung zwischen echt guten Fußballern und Typen, die auch Gras fressen, passt bei uns sehr gut. So haben wir beide auch das Gefühl: Je nachdem, was uns das Spiel abverlangt, hat unsere Mannschaft auf alles eine Antwort. Unsere Jungs können zwischen dem switchen, was am jeweiligen Spieltag gefordert ist. 

Blickt detailliert zurück auf eine erfolgreiche Hinrunde: Chefcoach Oliver Reiß.

herthabsc.de: Apropos Offensive: Mit Tony Rölke, der die Torjägerliste mit 13 Treffern anführt, Anton Kade (10) und Kenan Hadziavdic (9) stehen gleich drei deiner Jungs in den Top Ten der treffsichersten Akteure – ist die Offensive euer aktuelles Prunkstück?
Schröder: 
Das kann man schon so sagen – wir sind in der Lage, in jedem Spiel zu treffen. Bei den drei genannten Akteuren hat sich das auch über den bisherigen Saisonverlauf gut aufgeteilt: Tony war gerade am Anfang sehr stark, ehe im weiteren Verlauf Kenan und Anton immer besser wurden. In der Offensive sind wir schon sehr gut besetzt. Aber nichtsdestotrotz stehen wir auch in der Defensive stabil.
Reiß:
 Am Ende stehen diejenigen auf der Torschützenliste, die die Treffer schlussendlich erzielen – aber an so einer Chance sind ja immer mehrere Spieler beteiligt. Und wie wir uns die Möglichkeiten kreieren, das machen die Jungs schon echt gut! Teilweise geht es schon von ganz hinten bei unserem Torwart los, ehe wir den Gegner bei hohem Pressing mit acht, neun Pässen ausspielen und unsere Stürmer anschließend den Weg zum gegnerischen Tor machen können. Deshalb sind nicht nur unsere Offensivspieler daran beteiligt, sondern die gesamte Mannschaft.

herthabsc.de: In unserem Akademie-Magazin vor der Saison sagtest du, dass ihr in der kommenden Saison einen Schwerpunkt vor allem auf mentale Fähigkeiten eurer Spieler setzt – "denn Talent alleine reicht in besonderen Drucksituationen nicht." Wie weit seid ihr in diesem Thema und wie zufrieden seid ihr mit der Entwicklung?
Reiß:
 Ich habe es schon öfters bei Mannschaften wahrgenommen, die ich trainiert habe: Alles war toll und positiv, doch dann kam ein besonderes Spiel mit dem ganz speziellen Druck, dass du dieses Spiel gewinnen musst. K.o.-Spiele haben wir noch nicht allzu viele, deshalb müssen wir uns fragen, was sind die besonderen Spiele? Das sind die Partien gegen Bremen oder Leipzig, um diese es viel Aufmerksamkeit im Umfeld gibt. Dann sitzen da die Berater und die Freunde der Jungs. So hatten wir es auch im Hinspiel bei Union, wo wir 0:2 hinten lagen und völlig verkrampft wirkten. Da hatten drei Spieler nach 50 Minuten Krämpfe. Da denkst du dir als Trainer natürlich auch, das gibt es doch jetzt nicht – normalerweise sind wir doch nicht so unfit. Da hast du es richtig gemerkt, dass es bei den Spielern im Kopf arbeitet. So eine Entwicklung, solche besonderen Drucksituationen so zu nehmen, dass du am Ende das auf den Platz bringst, was du wirklich drauf hast ­­– das ist genau das, was ich im Sommer mit der mentalen Stärke meinte. Da nehmen wir bei unserer Mannschaft eine positive Entwicklung wahr, ohne aber wirklich viel aktiv drauf einzuwirken. Das ist die Entwicklung, die du nimmst, indem du permanent solche besonderen Spiele bestreitest – und deshalb ist die B-Junioren Bundesliga für die Entwicklung auch so geil. In der vergangenen Saison hatten wir diese Begegnungen eben noch nicht so oft. In dieser Spielzeit merken wir, wie enorm wichtig diese Spiele für die Jungs sind. Für mich ist es auch der entscheidende Faktor, ob du in den besonderen Momenten dein Können auf den Platz bringst – das ist eine reine Kopfsache. Das kann Olli als ehemaliger Profi bestens bestätigen. Es gab sicherlich mehrere die so eine Technik wie er hatten, aber kaum jemand hat es geschafft, dass vor 20.000 oder mehr Zuschauern zu zeigen.
Schröder:
 Da die Jungs nicht von heute auf morgen vor 50.000 Zuschauern spielen werden, müssen sie da auch erstmal hineinwachsen. Deswegen fängt das mit solchen Spielen wie gegen Union an, wo im Vergleich zu den normalen Duellen dann eben doch paar mehr Zuschauer vor Ort sind. So steigert sich das Stück für Stück und daran gewöhnen sich die Jungs mit der Zeit. Da muss ich ihnen nicht wöchentlich erzählen, wie es ist vor 30.000 Zuschauern zu spielen. Am allerwichtigsten ist es, dass die Jungs mit Spaß und einer großen Portion Eigenmotivation an sich arbeiten – und da haben wir gute Jungs zusammen, mit denen es Spaß bringt zu arbeiten.

Ex-Profi und Co-Trainer der blau-weißen U17: Oliver Schröder.

herthabsc.de: Im Magazin war auch die Rede von der perfekten Ergänzung innerhalb eures Trainer-Duos. Wie hat sich in der laufenden Saison bemerkbar gemacht, dass ihr so gut zusammenpasst, wie ihr es im Magazin geschildert habt?
Reiß:
 Eigentlich hört es sich komisch an, aber so ist es nun mal: Alles, was wir in der täglichen Arbeit machen, gehen wir unterschiedlich an. Da ich aus der gelernten Trainerschule kommen, arbeite ich sehr detailliert, strukturiert und taktisch – Oli hingegen ist in den Details nicht so der Freak wie ich und trifft dann teilweise mal die besseren Zwischentöne. Deshalb ist es so perfekt, weil wir uns dabei so deutlich unterscheiden. Ansonsten würde das Ganze so nicht funktionieren. So ist es gut für die Jungs, dass sie beide Komponenten so ausgeprägt haben. Und das merken wir beide in der täglichen Arbeit, dass wir ständig diese zwei Ebenen haben und das tut uns allen gut.
Schröder: 
Ich gebe mir ja manchmal sogar Mühe, dass so zu probieren, wie er es macht. Aber das schaffe ich gar nicht, da tut mir nach fünf Minuten der Kopf weh (schmunzelt). Wie wir es machen, passt es sehr gut mit den Jungs. Was ich noch dazu sagen muss, das wissen die meisten gar nicht: Oli war selbst war ein guter Fußballer. Von daher würde es mich brennend interessieren, wie der Spieler Reiß mit dem Trainer Reiß zurecht kommen würde. Mein Tipp: Gar nicht! (grinst) Um es abschließend zu sagen: Die Chemie passt hervorragend.  

herthabsc.de: Und passenderweise habt ihr beide dann noch denselben Vornamen: Wie sprechen euch die Jungs an, damit es nicht zu Verwechslungen kommt?
Schröder: 
Das ist immer unterschiedlich: Es gibt manche Spieler, die sagen Trainer oder Herr Reiß oder Herr Reiß und du – mich siezen die meisten, obwohl ich ihnen das 'Du' angeboten habe. Sie können mich Oli nennen. Aber manche sagen auch Herr Schröder. Das variiert gefühlt täglich. 

herthabsc.de: Gab es im bisherigen Saisonverlauf besondere Vorkommnisse oder spezielle Situationen, mit denen ihr nicht gerechnet habt? 
(beide überlegen lange) Reiß: Sportlich gesehen, fällt mir der 4:1-Auswärtssieg in Bremen ein. Ich hätte nie gedacht, dass wir nach Bremen fahren und da so deutlich gewinnen. Aber an dem Tag lief es einfach bei uns. Allgemein betrachtet ist es immer etwas Schönes, wenn wir als Trainer von Frank Vogel (Sportlicher Leiter der Hertha BSC Fußball-Akademie, Anm. d. Red.) per Mail die Einladungen für unsere Jungs für die DFB-Lehrgänge weitergeleitet bekommen und dass wir dann sehen, dass da wieder ein neuer Spieler von uns dabei ist.  

herthabsc.de: Zum Abschluss wollen wir natürlich noch von euch wissen, wie eure Ziele für die im Mitte Februar 2020 startende Restserie aussehen?
Reiß: Wie gesagt, wir wussten am Anfang an der Saison nicht, was für uns drin ist. So sind wir in die Spielzeit gestartet und haben gesagt, wir schauen von Spiel zu Spiel, wenn die Entwicklung der Spieler vorangeht und wir dann noch unter den ersten Fünf landen, sind wir sehr zufrieden. Dann haben wir aber plötzlich paar mehr Spiele gewonnen, womit wir nicht gerechnet haben – und dann habe ich mich locken lassen und gesagt, dass wir die Liga rocken wollen. Das hat dann aber dazu geführt, dass ich nach einem 1:1 in Braunschweig persönlich brutal am Boden war, denn in solchen Spielen gibst du die Meisterschaft her, das sind die entscheidenden Stolpersteine. Danach habe ich mir geschworen, keine großen Ziele mehr zu formulieren. Sondern wir schauen von Spiel zu Spiel und wollen so weit wie möglich marschieren. 

(sj/HerthaBSC)

U17, 29.12.2019
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