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"Die Ausbildung der Spieler ist unser Auftrag!"

U17-Trainer Andreas 'Zecke' Neuendorf spricht im Interview über das zurückliegende Jahr mit seinem Team und übergeordnete Ziele der Hertha BSC Fußball-Akademie.

Berlin - Trotz seines jungen Alters von 43 Jahren verkörpert dieser Mann alles, was man unter einem blau-weißen Urgestein versteht: Zu aktiven Zeiten absolvierte Andreas 'Zecke' Neuendorf 196 Pflichtspiele für Hertha BSC, unter anderem lief er in der UEFA Champions League für die 'Alte Dame' auf. Seit dreieinhalb Jahren hilft Zecke nun dabei, dass auch in Zukunft möglichst viele Berliner Talente den Sprung in die Bundesliga meistern. Als Cheftrainer der U17 ist Herthas einstige Nummer 20 seit der Saison 2017/18 für die Entwicklung der B-Junioren des Hauptstadtclubs zuständig. Mit herthabsc.de sprach Zecke über die sensationelle Hinrunde seiner Mannschaft, ständige Verletzungssorgen und übergeordnete Ziele, die er verfolgt.

herthabsc.de: Zecke, etwas mehr als die halbe Saison liegt nun hinter euch, es ist Zeit für die Halbjahreszeugnisse. Welche Note gibst du 'deiner' U17 bis hierhin?
Zecke: (überlegt kurz) 'Ne Eins! Die Jungs machen das bis jetzt wirklich sehr, sehr gut. Wir sind Tabellenführer in einer spannenden B-Junioren-Bundesliga Nord/Nordost. Wenn ich alle Spiele rekapituliere und die Minuten hochrechne, in denen wir vielleicht nicht ganz so gut gespielt haben, komme ich nicht mal auf eine dreistellige Zahl. Das fängt auch schon im Training an: Die Jungs haben in jeder Einheit eine hundertprozentige Leistungsbereitschaft. Oft fragen sie sogar, ob sie früher rauskönnen und nach dem Training noch länger draußen bleiben dürfen.

herthabsc.de: Was macht euch stärker als die Konkurrenz aus Wolfsburg und Leipzig?
Zecke: Zunächst einmal haben wir mit dem VfL Wolfsburg und RB Leipzig gemeinsam, dass wir in der U19 und U17 im Prinzip in jeder Saison um die Staffelmeisterschaft mitspielen. Um immer wieder aufs Neue ganz oben mitspielen zu können, sind wir, als Hertha BSC, genauso wie der VfL und RB auf Spieler von außerhalb angewiesen. Wir haben einfach nur den Vorteil, dass sich unser Verein in Berlin befindet (schmunzelt). Dadurch können wir nach wie vor viele Talente an uns binden - gerade auch welche von 'kleineren' Berliner Vereinen. Zudem ist es bei uns wahrscheinlicher, es als Jugendspieler bis in den Profikader zu schaffen, als in Wolfsburg oder Leipzig. Die Wölfe und Bullen müssen teilweise viel Geld in die Hand nehmen, um fertige Spieler zu kaufen - wir hingegen entwickeln große Teile unserer Profimannschaft 'im eigenen Haus'.

Lazar Samardžić: Nicht nur in Zeckes Augen ein "Unterschiedsspieler".

herthabsc.de: Schaut man auf eure Leistungen in den ersten 16 Bundesliga-Spielen zurück, sticht einer ganz besonders heraus: Emincan Tekin. Der Junge knipst, wie und wann er will.
Zecke: Absolut. Emincan ist jetzt seit zweieinhalb Jahren bei uns im Verein und hat in dieser Zeit bereits über 100 Pflichtspieltore für Hertha erzielt. Schon in seinem ersten U15-Jahr ist er Torschützenkönig geworden – damals ist er an 120 Toren direkt beteiligt gewesen. Der Junge hat außergewöhnliche Fähigkeiten und weiß genau, wo das Tor steht. Seine Schusstechnik ist unglaublich. Außerdem hat er, genauso wie unser Kapitän Márton Dárdai, Lazar Samardžić und Jetmir Ameti, schon in der zurückliegenden Saison als jüngerer Jahrgang in der B-Junioren-Bundesliga mitgespielt und damals schon 18 Mal getroffen – nur Laki (Samardžić, Anm. d. Red.) hatte noch mehr Tore auf seinem Konto. Wobei Laki allerdings auch viele Elfmeter-Tore gemacht hat. Emincan steht jetzt schon bei 20 Saisontoren, wovon er gerade mal zwei vom Punkt aus erzielt hat. Das ist eine Wahnsinnsquote. Man muss sich das mal überlegen: Emincan steht in der Ewigen Torjägerliste der Staffel Nord/Nordost jetzt schon auf dem 2. Platz (38 Tore), erst kürzlich hat er Jann-Fiete Arp (37 Tore) überholt. Nur Johannes Eggestein, der mittlerweile für Werder Bremen in der Bundesliga spielt, hat noch häufiger geknipst (43 Mal) – und noch hat Emincan ja zehn weitere Spiele vor sich.

herthabsc.de: Bei dem Lauf deiner Mannschaft und eurer hervorragenden Zwischenbilanz könnte fast in Vergessenheit geraten, dass Lazar Samardžić quasi die komplette Hinrunde verpasst hat. Bereits am 5. Spieltag zog er sich eine schwerwiegende Knieverletzung zu.
Zecke: Laki ist das Herzstück unserer Mannschaft. Er ist ein Unterschiedsspieler, den es so nur ganz selten gibt. Selbst in der U17-Nationalmannschaft ist er als Zehner gesetzt. Es macht einfach viel Spaß, ihm beim Fußballspielen zuzuschauen. Er macht unser Team einfach nochmal sehr viel besser. Allein an den ersten fünf Spieltagen war Samardžić an sechs Toren beteiligt. Deswegen ist es umso höher einzuschätzen, dass sich die Mannschaft auch ohne Laki ganz oben in der Tabelle behauptet hat. Einen Laki kannst du nicht ohne Weiteres ersetzen. Ein Beispiel: Als wir Anfang Dezember in Kiel gespielt haben, meinten die gegnerischen Eltern: "Watt? Die sind so gut drauf und haben nicht mal den Laki mitgebracht?" Der Junge ist ligaweit bekannt.

Gesagt...

"Unser Ziel ist es, alle verbleibenden Rückrunden-Spiele zu gewinnen."

Zecke

herthabsc.de: Ist es realistisch, dass er im Laufe der Rückrunde sein Comeback feiern könnte?
Zecke: Auf jeden Fall! Wir erwarten ihn Ende Januar, spätestens Anfang Februar, wieder bei uns im Training.

herthabsc.de: Dabei war Laki bei weitem nicht der einzige Ausfall, den das Team aufzufangen hatte. Im Verlauf der Hinserie hattet ihr immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen…
Zecke: …eigentlich hatten wir bis hierhin sogar ein echtes Seuchenjahr, was Verletzungen betrifft! Es waren durchgängig fünf bis sechs Jungs raus, immer wieder kamen neue Verletzungen dazu: Kieferbruch, Rückenprobleme, da war echt alles dabei. Und trotzdem ist es der Mannschaft jedes Mal aufs Neue gelungen, mit sehr hohem Aufwand gegen die anderen Teams zu bestehen und das Ganze dann auch noch gut aussehen zu lassen (grinst).

herthabsc.de: In der vergangenen Saison habt ihr die Staffelmeisterschaft haarscharf verpasst, seid hinter RB Leipzig Zweiter geworden und somit knapp am Einzug ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft gescheitert. Mit welchen Ambitionen geht ihr in die zweite Saisonhälfte?
Zecke: Die vorrangige und übergeordnete Zielsetzung ist die Weiterbildung der Spieler. Unser Auftrag besteht nicht darin, die Liga zu gewinnen. Unser Auftrag ist die Ausbildung der Spieler! Den Jungs steht nun eine spannende Rückrunde bevor: Für einige von ihnen geht es im schulischen Bereich um den Mittleren Schulabschluss, für andere geht es darum, mit ihren Nationalteams die Qualifikation für die Europameisterschaft klarzumachen. Das alles wird sich in den kommenden Wochen und Monaten entscheiden. Und parallel dazu gibt es natürlich noch die Junioren-Bundesliga. Unser Ziel ist es, alle Spiele zu gewinnen. Wenn uns das gelingt, müssten wir am Ende auch Erster sein (lacht). Sollte es dann mal eine Partie geben, die wir nicht für uns entscheiden können, wollen wir zumindest nicht verlieren. Sollten wir tatsächlich in die Endrunde einziehen, ist sowieso alles möglich. Das hat man nicht zuletzt an unserer U19 gesehen, die im Vorjahr Deutscher Meister geworden ist.

Teamgeist: Trotz des zurückliegenden "Seuchenjahres" grüßt die U17 nach 16 Spieltagen von der Tabellenspitze.

herthabsc.de: Worauf wird es für die Jungs ankommen, um es bis nach oben zu schaffen? Nicht nur in Bezug auf die laufende Saison, sondern im Großen und Ganzen.
Zecke: Wir haben sehr viele hochinteressante Kicker in der U17 und ich bin überzeugt davon, dass sich einige von ihnen bis ganz oben durchsetzen können - solange sie nie aufhören, an sich zu arbeiten und nie zufrieden sind. Die Aufgabe unseres Trainer- und Funktionsteams ist es, die Jungs so vorzubereiten, dass sie in zwei bis drei Jahren als fertige Spieler bei Pál Dárdai an die Tür klopfen und auch bei den Profis funktionieren.

herthabsc.de:
Wie könnt ihr dabei helfen, dass ihnen dieser Schritt gelingt?
Zecke: Es darf eben nicht der Fall eintreten, dass Pál dann noch anfangen muss, mit ihnen zu arbeiten. Wenn die Spieler in den Erwachsenenbereich kommen, müssen sie einen linken und rechten Fuß und ein gutes Kopfballspiel haben. Auch mental müssen sie stark sein. Das alles sind Baustellen, an denen wir mit den Nachwuchsspielern arbeiten. Unser Team hinter dem Team macht da einen sensationellen Job: die Co-Trainer Jochem Ziegert und Agostino Burgarella, Torwarttrainer Marc Regeler, Athletiktrainer Oliver Schumbera, Therapeutin Saskia Herrmann und Teamleiterin Doreen Richter tun alles dafür, dass die Jungs die besten Bedingungen vorfinden. Das ist alles andere als selbstverständlich. Am Ende des Tages muss es dann immer das Ziel sein, so viele Akademie-Spieler wie möglich bis nach ganz oben zu bringen. Man sagt ja immer, dass aus jedem Jahrgang zwei bis drei Spieler den letzten Schritt packen. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass es aus diesem Jahrgang sogar noch mehr Jungs schaffen.

(af/City-Press)

U17, 16.12.2018