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"Es werden sich noch mehr Jungs durchsetzen!"

Ante Čović über ein erfolgreiches halbes Jahr der Akademie im Allgemeinen und der U23 im Speziellen.

Berlin - Es ist eine Halbserie, die sich sehen lassen kann - Herthas U23 steht zum Jahreswechsel 2018/19 mit fabelhaften 35 Punkten auf einem bemerkenswerten 4. Tabellenplatz in der Regionalliga Nordost. Mitzuverantworten hat das Trainer Ante Čović, der seit gut fünf Jahren die Geschicke der Mannschaft leitet. Doch der 43-Jährige kümmert sich als Talentecoach federführend auch um die Abstimmung der Toptalente zwischen Profis, U23, U19 und U17. Gemeinsam mit herthabsc.de schaute der Fußballehrer auf ein auf vielen Ebenen erfolgreiches Fußballhalbjahr zurück und sprach unter anderem über die beeindruckenden Leistungen, die Arbeit in der Akademie, Herthas Jungprofis und Auslandsreisen.

herthabsc.de: Die Hinrunde ist vorbei und ihr steht auf einem starken 4. Platz. Bist du zufrieden mit der bisherigen Ausbeute?
Čović: Ja. 35 Punkte unterm Weihnachtsbaum zu haben – das hat uns vor einem halben Jahr kaum einer zugetraut. Das hat hier noch keine Mannschaft geschafft. Dabei waren die ersten drei Spiele gar nicht erfolgreich, da hatten wir nur einen Punkt. Da ist man als Trainer gespannt, ob die Jungs auch unter Druck performen können. Meine Spieler haben bewiesen, dass sie viele Facetten des Fußballs beherrschen, sie sind als Mannschaft enorm schnell zusammengewachsen, was das größte Credo von uns ist. Wir haben in diesem halben Jahr null Komma null Abnutzungserscheinungen gehabt. Keiner ist selbstzufrieden, alle sind permanent gierig geblieben. Deswegen ist es momentan auch wirklich schön, mit der Mannschaft zu arbeiten.

Erfolgreich mit der U23: Pascal Köpke (mi.)

herthabsc.de: Ihr geltet nicht nur als sehr unangenehmer Gegner, sondern wegen der starken Punkteausbeute und aufgrund der spielerischen Fähigkeiten auch als Top-Team in der Regionalliga Nordost. Was macht eure Mannschaft so stark?
Čović: Auf die letzten paar Jahre kann man eine Schablone legen. So werden wir immer spielen, weil es das Ausbildungscredo des Vereins ist: fußballerische Lösungen finden. Die versuchen wir den Jungs an die Hand zu geben, daran halten sie sich, sie sind alle gut ausgebildet. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass der eine oder andere noch Zeit benötigt. Man sollte die Jungs erst dann nach oben abgeben, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

herthabsc.de: Im Verein heißt es immer, dass der Erfolg im Nachwuchs zweitrangig ist, vielmehr geht es um die Entwicklung der Spieler. Wie schön ist es dann, wenn beides gelingt?
Čović: Es passiert nicht so häufig. Wenn du versuchst, Spieler besser zu machen, spiegelt sich das nicht immer sofort in den Ergebnissen wider. Es gibt ein paar Merkmale, die man für sich selbst herausarbeitet: Man braucht ein gemeinsames Ziel, die Mannschaft muss schnellstmöglich in ihren Hierarchien wachsen, jeder muss wissen, wo er in diesem Team seinen Platz hat. Jeder, der neu dazu kommt – und davon haben wir jedes Jahr sehr viele – muss seinen Platz im Team suchen und finden. Das braucht Zeit. Je schneller das gelingt, desto einfacher ist es für uns alle, erfolgreich zu sein.

herthabsc.de: Du hast selbst von einer Schablone gesprochen. Diese lässt sich auch auf die U19 oder die U17 legen. Wie wichtig ist diese einheitliche Strategie?
Čović: Es ist enorm wichtig, weil du dich dann weniger mit Grundlegendem beschäftigen musst. Unsere Jungs haben letzte Saison enorm gut in der A-Jugend performt und sind Deutscher Meister geworden. Jetzt befinden sie sich im ersten Männerjahr. Bis auf Arne Maier hat sich keiner durchgesetzt. Ich sage ehrlich: Es werden sich noch mehr durchsetzen. Man muss ihnen nur Zeit geben, und auch die Jungs müssen sich Zeit geben. Das ist das größte Problem. Sie werden Deutscher Meister und glauben, sofort in der Bundesliga spielen zu können. Das sind absolute Ausnahmen, alle anderen müssen ein bis drei Jahre Männerfußball spielen. Javairô Dilrosun zum Beispiel musste auch drei, vier Spiele bei uns machen, um in der 1. Liga Fuß zu fassen. Damit er seinen Spielrhythmus bekommt und auf 100 Prozent geführt wird. Dann können sie in der Bundesliga performen.

Gesagt...

"Wir Trainer sind sehr dankbar, dass wir die Jungs auf die internationale Bühne bringen können."

Ante Čović über die Auslandsreisen der Akademie-Mannschaften

herthabsc.de: Die Reife ist praktisch die Basis dafür. Wie sehr helfen diesbezüglich die zahlreichen internationalen Reisen, die der Nachwuchs macht?
Čović: Es geht grundsätzlich darum, dass der Verein alles Mögliche tut, damit wir solche Erlebnisse mitnehmen können. Wir Trainer sind sehr dankbar, dass wir die Jungs auf die internationale Bühne bringen können. Das beschleunigt den Reifeprozess jedes Einzelnen. Wenn wir die Ernsthaftigkeit dieser Reisen vorleben und den Jungs die Bedeutung davon aufzeigen, dann nehmen sie das an. Dann ist es sehr wertvoll, dadurch reifen sie wesentlich schneller.

herthabsc.de: Die Blau-Weißen sind auch in den unteren Jahrgängen wettbewerbsfähig und bei überregionionalen oder internationalen Vergleichen erfolgreich. Wie stolz macht dich das?
Čović: Ich bin ehrlich: Wenn wir es im unteren Bereich nicht schaffen würden, wäre ich traurig. Wir haben fast vier Millionen Einwohner. Von denen suchen wir etwa zehn Spieler für die U12. Wir müssen den Anspruch haben, in diesen Altersklassen überlegen zu sein. Manchmal hast du natürlich Pech in einem Jahrgang, aber grundsätzlich gilt, dass wir in den unteren Klassen besser sein müssen. Wenn die großen Vereine anfangen, einzukaufen, musst du schauen, dass du nicht abreißen lässt. Das ist schwierig für uns, weil wir nicht die finanziellen Möglichkeiten wie Bayern, Wolfsburg oder Leipzig haben.

herthabsc.de: Als Talentetrainer bist du auch das Bindeglied zwischen Jugend und Profis. Fühlst du dich persönlich in deiner Arbeit bestätigst, wenn du die Berliner Eigengewächse in der Mannschaft von Pál Dárdai siehst?
Čović: Die Leute bekommen am Wochenende ein Endprodukt zu sehen, das über Jahre gepflegt wurde. Jordan Torunarigha habe ich vor sechs oder sieben Jahren in der U15 bekommen. Da hat man ihn natürlich auch als Persönlichkeit begleitet. Wenn man ihn vor drei Jahren schon auf den Platz geschickt hätte, hätte man ihn womöglich verbrannt. Jetzt hat er auch die persönliche Reife und ist so nun ein Bundesliga-Spieler. Die Bestätigung unserer Arbeit ist darüber hinaus, dass viele Spieler - ob Nachwuchsspieler oder Profis - anrufen und fragen, ob sie in der U23 spielen können, um zu Minuten zu kommen. Damit haben wir Überragendes geschaffen – dass die Spieler hier gerne und aus eigenem Antrieb spielen. Darida, Esswein, Dilrosun, Köpke und Klünter haben alle hier gespielt - und all diese Jungs kommen danach in die Kabine und bedanken sich für die Minuten. Das ist ein überragendes Lob für die U23-Truppe.

Engagiert an der Seitenlinie: U23-Coach Ante Čović

herthabsc.de: Für die U23 heißt das im Umkehrschluss aber natürlich auch immer, dass einer aus dem Team rutscht...
Čović: Mit der Unterschrift bei der U23 weißt du aber auch, dass der Trainer über 60 Spieler verfügt: 25 Profis, 20 eigene und der Rest aus der A-Jugend. Natürlich sollen die Besten spielen - genauso wichtig ist aber, dass unsere Bundesliga-Spieler Minuten bekommen. Maximilian Mittelstädt hat nach seinem Platzverweis in Düsseldorf ein Spiel bei uns gemacht, damit er seinen Rhythmus nicht verliert. Man achtet darauf, dass das Endprodukt in der Bundesliga ans Maximum kommt.

herthabsc.de: Insgesamt herrscht das Gefühl, dass in der Akademie extrem viel gemacht wird. Wie siehst du die generelle Entwicklung?
Čović: Alle Hauptverantwortlichen im Verein wissen, dass wir keinen Scheich hier haben, der uns mit Millionen überhäuft. Wir müssen uns eigene Millionen schaffen. Schauen wir mal zurück, welcher Transfer für den Verein der wertvollste war: John Anthony Brooks. Wie war sein Werdegang? Er ist in der Jugend zu uns gekommen, wir haben viel Aufwand betrieben, um ihn auszubilden, und am Ende hat er für die Summe X den nächsten Schritt genommen. Diesen Weg hat sich der Verein seit ein paar Jahren auf die Fahne geschrieben. Dazu gehört dann auch, Geld für die Infrastruktur auszugeben – damit die Akademie in dieser Hinsicht noch besser aufgestellt ist.

herthabsc.de: Du sprichst es an: Das Physiotherapiezentrum auf dem Gelände wird aktuell fertiggestellt. Wie wichtig ist so etwas?
Čović: Das ist unglaublich wichtig, man muss mit der Zeit gehen. Wir bleiben nicht stehen und ruhen uns nicht auf den vier Millionen Einwohnern aus. Man gibt den Jungs neue Reize, weil die Voraussetzungen besser und noch professioneller werden. Das sind Bedingungen, um optimale Leistungen zu bringen. Man kann den Jungs die Tür aufmachen, am Ende müssen sie aber selbst hindurch gehen.

Gesagt...

" Es geht darum, dass viele Spieler am Ende der Saison so weit sind, in die erste Mannschaft zu gehen."

Ante Čović über die Ziele fürs neue Jahr

herthabsc.de: Wagen wir noch einen Ausblick. In der jüngeren Vergangenheit war die U23 in der Rückrunde stets stärker. Wohin soll das nur führen?
Čović: Das zu wiederholen, wird in diesem Jahr schwierig. Wir haben 35 Punkte und da stellt man sich als Ausbilder die Frage: Wer von denen ist jetzt im Winter schon so weit, dass man einen neuen Reiz setzen kann. Ich bin der Letzte, der sagt: Wir holen in der Rückrunde noch einmal 35 Zähler, um sich dafür feiern zu lassen. Wir denken langfristig und nur an den Verein – nicht an uns selbst. Es geht darum, dass viele Spieler am Ende der Saison so weit sind, in die erste Mannschaft zu gehen.

herthabsc.de: Der Jahreswechsel steht bevor. Mit welchen Wünschen oder Hoffnungen gehst du ins neue Jahr?
Čović: Ich wünsche mir Gesundheit. Leider Gottes hatten wir mit Julius Kade und Irwin Pfeiffer zwei Schwerverletzte. Dazu hatten wir ein paar Jungs, die uns langfristig gefehlt haben. Uns allen wünsche ich, dass wir das Maximum erreichen. Ich wünsche mir, dass im Olympiastadion noch viele Jungs aus der Akademie spielen. Ich freue mich auch über das Zusammengehörigkeitsgefühl der Spieler, die die Mannschaft aus der Kurve anfeuern, wenn sie nicht im Kader sind. Das ist einzigartig – dass wir so viele junge Spieler haben, die nicht auf der Haupttribüne, sondern in die Ostkurve gehen. Damit schafft man noch mehr Identifikation mit dem Verein.

herthabsc.de: Was traust du der U19 und der U17 in dieser Spielzeit noch zu?
Čović: Wir haben einen sehr guten Jahrgang in der U17, der um die Deutsche Meisterschaft mitspielen kann. Dafür bedarf es ein bisschen Glück. Von den Einzelspielern her sind sie aber enorm gut aufgestellt und zählen zu den dominantesten Mannschaften ihrer Altersklasse. Aktuell haben sie vier Punkte Vorsprung und man hofft, dass sie das bis zum Ende der Saison aufrechterhalten. Bei der U19 ist die Youth League das Highlight. Wir wären aber nicht Ausbilder, wenn wir uns keine eigenen Gedanken machen würden. Mir stellt sich daher jetzt die Frage, wer so weit ist, dass er jetzt schon im Winter Männerhärte vertragen würde. Es gibt keine größere Freude für uns alle, als erfolgreich im Olympiastadion zu sein. Dafür arbeiten wir von der U9 bis zur U23 Tag für Tag und auch am Wochenende, um am Ende das Gefühl eines Sieges zu haben. Das ist unbezahlbar.

(war,js/Joe Moody,war,imago)

U23, 26.12.2018